Prozess in Oslo

Breivik – Psychopath oder Terrorist?

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Von Politik oder Wahn getrieben? Anders Behring Breivik (links) während der Gutachterurteile von Synne Sørheim und Torgeir Husby (rechts).

Oslo - Der Massenmörder – Psychopath oder kalkulierender Terrorist? In Oslo versucht das Gericht zu fassen, was unfassbar ist: das Psychogramm des Täters von Utøya.

Da ist es wieder, dieses Grinsen. Aufmerksam hat Anders Breivik den Rechtspsychiatern gelauscht, die seine Persönlichkeit zerpflücken bis in brisanteste Details, und den bohrenden Fragen von Staatsanwälten und Verteidigern. Wie er da sitzt im Gerichtssaal 250 im „Tingsrett“ von Oslo, im schwarzen Anzug mit breiter Krawatte, das Haar streng gescheitelt, den Bart pedantisch gestutzt, da gleicht der 32-Jährige eher einem Steuerschwindler oder Zuhälter als dem brutalsten Massenmörder Norwegens. Ungerührt hört er zu, während die Experten seine Verbrechen aufdröseln.

Und dann, urplötzlich, grinst er. Diesmal hat Anklägerin Inga Bejer Engh das erste Verhör mit Breivik angesprochen, noch auf der Insel Utøya. Als die Polizei ihn fotografierte, stellte er sich in Pose, in Unterhosen, und als er gefragt wurde, weshalb er posierte, sagte er: aus Scherz. „Was sagt das über einen Mann aus, der scherzt, wenn er gerade 69 Menschen erschossen hat?“, will Engh von den Psychiatern wissen, und Breivik starrt vor sich hin und grinst. Es ist ein spöttisches Grinsen, das nur den Mund verzerrt und die Augen nicht erreicht. Es ist das gleiche Grinsen, an das sich die Überlebenden von Utøya mit Grauen erinnern, obwohl Breivik schwört, er habe dort nie gelacht. Es ist das Grinsen, das er immer aufsetzt, wenn das, was die Experten vortragen, von ihm als Menschen handelt, nicht von ihm als Terroristen.

Er grinst, wenn sie ihn als asozial und unempathisch bezeichnen. Er grinst, wenn sie ihn schizophren oder psychotisch nennen. Wenn sie sagen, er sei schnell beleidigt, abgestumpft und unfähig zur Reue. Wenn sie schildern, wie er als 26-Jähriger heim zu Mama zog und wie sie ihm das Essen durch den Türschlitz reichen musste, weil er nicht gestört werden wollte. Er grinst, und wenn er merkt, dass die Kamera auf ihn gerichtet ist, nimmt er einen Schluck Wasser, um das Grinsen hinter dem Becher zu verbergen. Denn Breivik will als zurechnungsfähig gelten, und er weiß, dass jeder seiner Gesichtszüge gedeutet wird.

Ist der Mann verrückt? Zweifellos. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen haben die Experten festgestellt, ein ins Groteske übersteigertes Selbstbild, „grandiose Wahnvorstellungen“, dissoziales Verhalten. Ist er deshalb strafunfähig? Das ist die Frage, die in der Endphase des zehnwöchigen Verfahrens gegen den rechtsradikalen Massenmörder alle anderen überschattet. Ist er psychotisch und daher unzurechnungsfähig, wie das Psychiaterduo meint, das ihn als Erstes untersuchte? Oder haben die Kollegen recht, die die Psychosetheorie verwarfen und Breivik für zwar gestört, aber doch straffähig halten?

So hatte sich der Mörder den Prozess, der am Freitag mit den Schlussplädoyers zu Ende geht, nicht vorgestellt. Er wirft den Psychiatern vor, dass sie das Verfahren „gekapert“ hätten, denn was er wollte, war ein „politisches“ Szenario. Da hätte es um den „radikalsten Nationalisten“ seit Ende des Zweiten Weltkriegs gehen sollen, der sich mit Richard Löwenherz vergleicht, mit Sitting Bull und Che Guevara. Um sein Netzwerk der „Tempelritter“, die zusammen mit ihm den Kerntrupp der kommenden Revolution ausmachen, bei der Rettung des Abendlandes vor der islamischen Machtübernahme. Da hätte er die Vorwürfe über mangelnde Empathie zurückschleudern wollen: „Wer zeigt größere Liebe als der, der sein Leben opfert für sein Vaterland?“ Doch er bekam eine Debatte über Zwangsideen und Gewaltphantasien, in der sich sein Größenwahn als lächerlich entpuppte, die Tempelritter als Hirngespinst und seine Reise nach Liberia, wo er sich angeblich von einem serbischen Nationalisten inspirieren ließ, als vergeblicher Versuch, mit dem Schmuggel von Blutdiamanten das große Geld zu machen.

Ist er ein „kalkulierender Terrorist und Massenmörder“, wie die Psychiater Ragnar Aspaas und Terje Tørrissen meinen? Oder ein Psychopath, der seine Taten mit politischem Extremismus verbrämt, wie deren Kollegen Torgeir Husby und Synne Sørheim behaupten? Er sei nicht von Politik getrieben, sondern von dem Drang nach Mord und Gewalt, sagen Husby und Sørheim, und sein Wahnbild der eigenen Größe und eine erdichtete politische Wirklichkeit hätten den Gewaltimpulsen dann den Anschein einer Begründung gegeben. Sie haben Breivik so erlebt, wie er war, als er noch nicht wusste, was sie in ihrem Gutachten schreiben und was die Medien über ihn berichten würden.

Als Aspaas und Tørrissen ihn beobachteten, und alle anderen, die ihn jetzt per „Ferndiagnose“ beurteilen, kannte er diese Berichte und stellte sich darauf ein. Da bremste er seine „pompöse“ Rhetorik, um normaler zu wirken, und stellte die Psychiater vor neue Rätsel. Dass ein Täter verrückt spielt, um billiger davonzukommen, sind sie gewohnt. Aber kann einer auch „normal“ spielen, der eigentlich psychotisch ist? Nicht so lange, nicht so konsequent, meinen Aspaas und Tørrissen. 18 Helfer mit großer Expertise haben in ihrem Auftrag Breivik drei Wochen lang rund um die Uhr beobachtet. 17 von ihnen waren danach sicher, dass der Klient nicht psychotisch sei, nur einer zweifelte.

Auch Aspaas zweifelte zunächst, als er erlebte, wie kalt Breivik den Zeugenaussagen über seinen Massenmord zuhörte. Da bat er um ein weiteres Gespräch mit dem Mörder, in dem dieser erklärte, wie er gelernt habe, Gefühle auszuschalten. Anschließend waren die Psychiater überzeugt: Unzurechnungsfähig ist der nicht. Obwohl er sagte, er habe alle 500 auf Utøya umbringen und „Verräter erster Klasse“ köpfen wollen? Obwohl er das Bombenattentat auf Oslos Regierungsviertel „missglückt“ nannte, weil es „nur acht Menschen“ tötete? „Wir sehen diese Gewaltverherrlichung nicht als psychotisches Symptom an“, sagt Aspaas.

Für die Staatsanwälte, die sich auf das erste Gutachten stützen, ist Breivik ein sozial und geschäftlich Gescheiterter, schon als Kind psychisch belastet, ein Mann, der sich als Erwachsener in sein Jungenzimmer zurückzog, um Kriegsspiele auf dem Computer zu spielen, und aus dieser Phantasiewelt mit einem Mordplan zurückkehrte. Die Verteidiger verweisen darauf, dass der Islamhasser seine Überzeugung mit vielen anderen teile. Sie bekommen Zündstoff von Politikexperten, die Breivik ein klar faschistisches Weltbild und die Verankerung in rechtsradikalen Traditionen und Argumentationen nachwiesen. Doch es gibt viele, die eine schwere Jugend und eine sektiererische Gesinnung hatten. Aber es gibt nur einen, der daraus so gewaltsame Schlüsse zog wie Breivik.

So versucht das Gericht zu fassen, was unfassbar ist. Auch die besten Experten müssen eingestehen, dass sie mit Breivik überfordert sind. „Wir Psychiater dürfen nicht glauben, dass wir alles menschliche Verhalten erklären können“, sagt Ragnar Aspaas. Das stellt die Richter vor eine kaum lösbare Aufgabe: Nur wenn sie von der Zurechnungsfähigkeit des Täters überzeugt sind, dürfen sie einen Schuldspruch fällen, andernfalls muss er statt ins Gefängnis in eine Klinik. „Im Zweifel für den Angeklagten“ heißt das Prinzip. Doch wie definiert man „für den Angeklagten“, wenn der schuldfähig sein möchte, weil er glaubt, dann als Märtyrer dazustehen, andernfalls aber als armer Narr? „Wir finden keine Diagnose, die vom Gedanken bis zur Handlung zu dem Angeklagten passt“, räumt Aspaas ein. Und Breivik grinst.

Phoenix überträgt die Schlussplädoyers im Breivik-Prozess live. Am Donnerstag ab 13 Uhr sind die Plädoyers der Staatsanwaltschaft dran, am Freitag die der Verteidigung.

Von Hannes Gamillscheg

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