Abzug nach 67 Jahren

Britische Soldaten verlassen Celle

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Die einst größte Kaserne in Preußen wurde 1945 bis 1992 von britischen Armeeeinheiten genutzt, wie dieses Paradefoto aus dem Jahr 1968 beweist. Heute ist in dem 181 Meter langen Klinkerbau die Celler Stadtverwaltung untergebracht.

Celle - Nach 67 Jahren verlassen die Briten Celle – heute marschieren die Soladten zur letzten Parade auf. Aus den einstigen Besatzern sind längst Freunde geworden.

Allenthalben Wehmut, hier und da auch ein paar Tränen. Die britischen Soldaten kehren Celle für immer den Rücken, nach 67 Jahren verlässt das zweite Bataillon des königlichen Füsilierregiments heute als letzte Einheit die Garnisonsstadt in der Heide. Der britischen Armee ist dies ein militärisches Zeremoniell der besonderen Art wert. Auf der Stechbahn, dem traditionsreichen Paradeplatz in der Herzogstadt, marschieren 250 Soldaten in schmucker Uniform auf, begleitet von der Kapelle der britischen Fallschirmjäger, die eigens zu diesem Zweck aus London eingeflogen wird. Ein letztes Mal machen sie Gebrauch von dem ihnen von der Stadt schon vor vielen Jahren eingeräumten Recht („Freedom of the City“), jederzeit mit Waffen durch die Stadt zu marschieren.

„Wir wollen uns nicht klammheimlich durch die Hintertür verdrücken“, sagt einer der Offiziere, „sondern uns von guten Partnern mit einem besonderen Dank für jahrzehntelange Gastfreundschaft verabschieden.“ Aus Berlin kommt deshalb der britische Botschafter Simon McDonald, aus London der britische Heereschef Peter Wall. Da mag Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister nicht fehlen, auch er nimmt die Parade der Füsiliere in der Celler Innenstadt ab.

Im August wird das Bataillon nach Zypern verlegt, dann steht die letzte von einst fünf britischen Kasernen in Celle leer. Zudem werden 363 Soldatenwohnungen in der Stadt geräumt, wenn 599 britische Soldaten und deren 540 Familienangehörige Celle verlassen. Für die Nachnutzung hat Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) schon eine Idee. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft könnte viele der Gebäude von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben erwerben und sie als Schnäppchen an junge Familien weiter verkaufen. „Wenn wir dem demografischen Wandel begegnen wollen, müssen wir gegensteuern und mehr für junge Familien tun“, sagt Mende.

Wie viele zivile Mitarbeiter der Briten in diesen Tagen ihren Job verlieren, lässt sich nicht genau abschätzen, einige können womöglich zunächst in der gleichfalls von Auflösung bedrohten Garnison Bergen-Hohne weiterbeschäftigt werden. „Da gibt es nichts zu deuteln“, sagt der Celler Landrat Klaus Wiswe, „der Abzug der Briten ist ein großer wirtschaftlicher Verlust.“

Als die Briten am 12. April 1945 kampflos die Stadt einnahmen, hat vermutlich niemand damit gerechnet, dass sie 67 Jahre und ein paar Monate in Celle bleiben würden. Sie waren lange Zeit als Besatzer verhasst. Vielleicht lag es auch daran, dass die Wehrmacht vor dem Einmarsch der Briten fast sämtliche große Brücken in der Stadt in die Luft gejagt hatte - und viele Celler sich wegen der Verbrechen der Nazis vor ihnen schämten. Zur Erinnerung: Nur vier Tage vor dem Kriegsende machten Celler Bürger Jagd auf KZ-Häftlinge, die auf dem Transport nach Bergen-Belsen aus einem bombardierten Zug geflüchtet waren. Und nur vier Tage nach dem Einmarsch in Celle, als die Briten das KZ in Belsen befreit hatten, gingen die Schreckensbilder vom Massenmord an Juden und Kriegsgefangenen um die Welt.

Erst 1948, als die Russen die Zufahrtswege nach West-Berlin blockierten, und die Alliierten die Luftbrücke in der geteilte Stadt aufbauten, besserte sich das Verhältnis der allermeisten Celler zu den „Tommies“. Auf dem Flugplatz Wietzenbruch und auch rund 40 Kilometer weiter nördlich, in Faßberg, mussten rund um die Uhr amerikanische und britische Flugzeuge beladen werden, die Lebensmittel und Kohle nach Berlin transportierten. So entstanden zivile Arbeitsplätze, die zwar nicht sonderlich gut bezahlt wurden, aber vielen Familien beim täglichen Kampf gegen den Hunger halfen.

„Die Not ließ uns zusammenrücken“, sagt ein Zeitzeuge. Plötzlich wurde man nicht mehr schräg angesehen, wenn man „einen Job beim Engländer“ annahm. Die GSO („German Service Organization“) bot immer mehr Deutschen Lohn und Brot. Aber gemeinsam feiern oder gar tanzen - das blieb über Jahrzehnte für den Großteil der Celler verpönt. Junge Frauen, die sich in britische Soldaten verliebten, wurden nicht selten wie Aussätzige behandelt, erst recht wenn sie schwanger wurden.

Heute ist das alles Vergangenheit. Auch die Schilder „Out of bounds“, die Briten den Zugang zu Kneipen und Bars verwehrten, sind längst aus dem Celler Stadtbild verschwunden. Ehemalige Soldaten haben in Celle Familien gegründet, Häuser gebaut, Sportvereinen zu neuem Schwung verholfen.

Auch wenn die britische Community in Celle bis zuletzt ein Eigenleben geführt hat, abgeschottet hat sie sich schon lange nicht mehr. Die britischen Soldaten und ihre Familien haben einen festen Platz in der Celler Gesellschaft gefunden. Deshalb darf man ihnen wie den Cellern getrost abnehmen, wenn sie heute ein ums andere Mal bekennen: „Der Abschied fällt wirklich schwer.“

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