Hochschulpolitik

Bürger reden bei Förderung mit

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„Das ist bundesweit bisher wohl einmalig“, sagte Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne).

Hannover - Die Landesregierung will in der Hochschulpolitik Neuland betreten: Bei der Auswahl von Projekten für ein aktuelles Förderprogramm sollen die Bürger mitreden dürfen. Verlaufe der Versuch erfolgreich, komme ein solches Verfahren auch für andere Projekte infrage.

Konkret geht es zunächst um das Forschungsprogramm „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“, für das das Ministerium 15 Millionen Euro aus Mitteln der VW-Stiftung zur Verfügung gestellt hat. Projektgruppen aus jeweils unterschiedlichen Disziplinen sollen sich dabei Gedanken über „die großen Herausforderungen der Gesellschaft“ machen - von Wohn- und Lebensformen in der alternden Gesellschaft über Mobilität bis zum Recycling von Wertstoffen. „Gerade bei der wissenschaftlichen Behandlung von drängenden gesellschaftlichen Fragen ist es mir wichtig, die Erwartungen und Anregungen der Bürger frühzeitig mit einzubeziehen“, sagt Heinen-Kljajic.

Die Resonanz auf die Ausschreibung sei überraschend groß gewesen. Beworben haben sich 66 Projekte mit durchschnittlich fünf Antragstellern, beteiligt sind damit mehr als 300 Arbeitsgruppen aus fast allen niedersächsischen Hochschulen. Schwerpunkte sind die Bereiche Energie (13 Anträge), Nahrungsproduktion (9), Bildung (8) und Raumplanung (7). Das neue Auswahlverfahren, das nach den Worten der Ministerin eine „grüne Handschrift“ trägt, verläuft nun in zwei Stufen und ist so mit der VW-Stiftung abgestimmt. „Mit den gewohnt hohen Qualitätsansprüchen wird die Stiftung die Begutachtung der Anträge in einem zweistufigen Verfahren durchführen“, erläutert Stiftungsgeneralsekretär Wilhelm Krull.

Zunächst soll eine Gutachterkommission eine Vorauswahl treffen. Mitte Oktober werden dann die 15 besten Projekte zwei Tage lang im Schloss Herrenhausen öffentlich vorgestellt und diskutiert. Pro Antrag ist eine Stunde für Präsentation, Befragung und ergänzende Vorschläge vorgesehen. Damit die Diskussion nicht ausufert, soll das Publikum Fragen und Anregungen auf Karten notieren, die von einem Moderator weitergereicht werden. „Zu der Veranstaltung werden wir öffentlich aufrufen“, kündigt Heinen-Kljajic an. Sie erwartet, dass auf den 150 Zuhörerplätzen auch Vertreter von Umweltverbänden und Interessengruppen Platz nehmen werden. Die Überlegungen würden in die Auswahl einbezogen, wahrscheinlich im Dezember könnten die ersten Projekte starten. Wegen der großen Resonanz sei auch an eine finanzielle Aufstockung des Programms gedacht, sagt die Ministerin. Da das Geld aus dem „Niedersächsischen Vorab“ stamme, also aus den der Wissenschaft zur Verfügung gestellten gezahlten Dividenden der niedersächsischen VW-Aktien, werde es keinem anderen Hochschulbereich weggenommen. Zurzeit macht die Fördersumme des neuen Programms knapp 14 Prozent des im vergangenen Jahr bewilligten „VW-Vorab“ von rund 109 Millionen Euro aus.

Die Ministerin betont, dass die Forschung zur sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit ein Baustein ihrer Förderstrategie sei, „ein neuer Akzent der rot-grünen Hochschulpolitik“. Entscheidend gehe es dabei darum, die niedersächsischen Hochschulen „fit für den internationalen Wettbewerb“ zu machen. Auch das in diesem Jahr gestartete EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizon 2020“ stehe unter dem großen Thema „gesellschaftliche Herausforderungen“. „Wir sind da schon sehr stark“, sagt die Ministerin und nennt in diesem Zusammenhang die Universitäten Lüneburg, Oldenburg und Göttingen als vorbildliche Standorte.

Die Bürgerbeteiligung will Heinen-Kljajic wissenschaftlich begleiten lassen. Bewährt sie sich, komme sie auch bei weiteren Programmen zum Zuge.

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