Alfeld an der Leine

Bussard hält Papierfabrik tagelang in Atem

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Foto: Die Papierfabrik Sappi in Alfeld an der Leine.

Alfeld an der Leine - Ungewöhnliche Geschichte aus Südniedersachsen: Wie ein Mäusebussard tagelang 
die Produktion der Alfelder Papierfabrik Sappi gefährdete – und am Ende 
seinen Häschern einfach davonflog.

Einer flog raus, und alle anderen waren froh – so war es in dieser Woche in der Alfelder Fabrik des Papierkonzerns Sappi. Der hatte aber nicht etwa einen besonders unbeliebten Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Vielmehr entkam ein Mäusebussard glücklich aus einer Werkhalle, in die er sich zwei Tage zuvor verirrt hatte. Zwei Tage lang beschäftigte der Eindringling Unternehmensleitung, Ornithologen und Behörden. Die waren am Ende heilfroh, den Bussard von der Backe zu haben. Denn alle Versuche, das eigensinnige Tier loszuwerden, scheiterten zuvor schon im Ansatz.

Als der Raubvogel in dem Gebäude auftauchte, vermuteten die Sappi-Verantwortlichen zunächst einen ihrer gefiederten „Mitarbeiter“ unter der Hallendecke. Erst vor einigen Jahren hat Sappi Nistkästen an seinem markanten, mehr als 150 Meter hohen Schornstein angebracht, um Turmfalken anzulocken. Die Kernkompetenz der neuen Abteilung: Die vielen Tauben auf dem Werksgelände zu „vergrämen“, wie der Falkner sagt, also zu verspeisen oder zu vertreiben. Freie Kost und Logis lockten auch schnell einige Turmfalken an, und seither ist die Zahl der Tauben bei Sappi spürbar zurückgegangen, wie Sprecherin Juliane Behrendt feststellt.

Doch der Vogel in der Werkhalle stellte sich bei näherem Hinsehen als Externer heraus: ein Mäusebussard, den möglicherweise das Licht in der Halle angelockt hatte und der durch irgendein offenes Fenster hin-eingelangt war. Bestellt hatte ihn jedenfalls niemand, eine Mäuseplage hat Sappi nicht zu bewältigen. Der Bussard begann alsbald, die Betriebsmittel zu nutzen – er setzte sich auf einen Kran und ließ sich nicht davon stören, dass der in der Halle hin- und herfuhr. Im Gegenteil, es schien fast, als genösse der passionierte Beobachter die Möglichkeit, ohne eigene Anstrengung das ganze Revier im Blick zu behalten.

Vogel erleichtert sich auf Papier

Das Problem für Sappi: Der Raubvogel beließ es nicht dabei, seine Augen durch die Halle schweifen zu lassen. Wie Meisen und Amseln gern auf Wohnhausterrassen, so erleichterte sich auch der Bussard in schöner Regelmäßigkeit – und traf dabei ausgerechnet jenes Papier, das der südafrikanische Konzern, der in diesen Jahren seine Alfelder Fabrik zum Weltmarktführer für Spezialpapiere ausbauen will, gerade produziert hatte. Immer wieder mussten Mitarbeiter kiloweise gerade hergestellte Ware wegwerfen.

Die Werksfeuerwehr musste den Versuch, den Eindringling zu fangen, schnell wieder aufgeben. „Völlig aussichtslos, solange das Tier fit ist“, sagte eine Sprecherin des Wisentgeheges Springe auf Anfrage. Die Einrichtung betreibt einen eigenen Falkenhof, täglich führen Falkner mit ihren Schützlingen dort Kunststücke vor. „Wilde Greifvögel scheuen den Menschen, zumal sie über Jahrhunderte gejagt worden sind.“„Nichts zu machen“, lautete denn auch die Auskunft bei der Naturschutzbehörde des Landkreises Hildesheim, die der Konzern zwischenzeitlich eingeschaltet hatte. Und auch die Experten vom Ornithologischen Verein Hildesheim wussten keinen echten Rat.

Operation gelungen, Vogel frei!

Greifvögel, die sich in Fabrikgebäude verirren, sind keine Seltenheit. Im August erst sorgte ein Wanderfalke im brandenburgischen Zossen für Schlagzeilen, als er in einer Produktionshalle auftauchte. Der verzweifelte Greif donnerte beim Versuch, zu flüchten, allerdings so oft gegen eine Fensterscheibe, dass er schließlich reichlich groggy auf einem Querbalken hockte, wo ein Feuerwehrmann mit dicken Handschuhen ihn schließlich von einer Leiter aus einsammeln konnte.

So leicht machte es der Alfelder Mäusebussard seinen Häschern allerdings nicht. Und die Belegschaft stellte sich schon darauf ein, dass der Greifvogel „ihre“ Halle auf Dauer zu seiner Voliere erheben würde. Schließlich gab es keine Dachluken, die man hätte öffnen können, nur ein paar Türen. Und der Expertenrat, doch dafür zu sorgen, dass es draußen heller ist als drinnen, ließ sich nicht umsetzen: Erstens war es draußen dieser Tage ohnehin nicht so hell, und zweitens wollte man nicht die Produktion stoppen.

Am Ende half den schon etwas entnervten Papierproduzenten das Glück – auch wenn es sich für den Bussard zunächst als fatales Pech zu erweisen schien. Bei einem seiner Ausflüge vom Kran aus verfing er sich in einem Lüftungsschacht. Doch ein Mitarbeiter hatte ihn gesehen, flugs eilte ein Kollege nach draußen, um den Schacht zu öffnen. Operation gelungen, Vogel frei! Der Bussard entschwebte würdevoll ins nahe Leinebergland.

Tarek Abu Ajamieh

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