15 Jahre ICE-Unglück in Eschede

Christian Wulffs Wirkung auf den Bahn-Chef

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15 Jahre nach dem Unglück in Eschede, will sich die Bahn bei Angehörigen und Opfern entschuldigen.

Eschede - Bahnchef Rüdiger Grube möchte sich bei der Gedenkfeier zur ICE-Katastrophe von Eschede vor 15 Jahren an diesem Montag bei Angehörigen und Opfern entschuldigen. Lange hatte sich das Unternehmen gesträubt bis sich Altbundespräsident Wulff kurz nach der Amtsübernahme im Juni 2010 einschaltete.

Die Erwartung der Hinterbliebenen des Zugunglücks von Eschede ist klar, mit weniger als einer Entschuldigung der Bahn wollen sie sich nicht mehr zufrieden geben. „Ich hoffe, Herr Grube zeigt am 15. Jahrestag, dass uns die Bahn endlich verstanden hat“, sagte Heinrich Löwen, Sprecher der Selbsthilfe Eschede, der HAZ. Dass er verstanden hat, hat Grube schon vor einigen Tagen zu erkennen gegeben: „Es ist schon bedrückend“, gestand der Bahn-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Am Montag begegnen sich beide an dem Ort, der zum Schauplatz wurde für das weltweit schwerste Unglück mit einem Hochgeschwindigkeitszug. Mehr als 200 Menschen starben oder wurden verletzt, als am 3. Juni 1998 der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ in Eschede entgleiste und mit Tempo 200 an den Trümmern einer eingestürzten Brücke zerschellte.

Anfangs war das Verhältnis zwischen Bahn und Hinterbliebenen ohnehin angespannt, aber es kühlte sich in der Amtszeit von Hartmut Mehdorn immer weiter ab. Noch heute beklagt Löwen, dass die Bahn bei der juristischen Aufarbeitung nur ihre harte Seite gezeigt habe. Die teuersten Anwälte seien gerade gut genug gewesen, damit die Katastrophe für die Bahn möglichst folgenlos blieb, blickt Löwen zurück. Mit steigendem Zorn habe die Selbsthilfe Eschede verfolgt, wie es im Strafprozess nur um die allgemeine Zulassung des Radreifens ging, nie aber um die konkrete Schlamperei der Bahn in München. Denn dort war der Unglücks-ICE in der Nacht zum 3. Juni geprüft worden, auch der Radreifen, der später vor Eschede brach. Techniker der Bahn hatten eine sehr deutliche Abnutzung festgestellt. Dennoch erhielt der Zug samt abgefahrenem Radreifen die Freigabe. Löwen: „Diese tödliche Schlamperei ist nie Thema gewesen, bei der Bahn nicht, vor Gericht nicht.“

Der nächste Schub ins Schlechte bahnte sich vor fünf Jahren an. Zum Ärger der Selbsthilfe zerfiel die Gedenkwand mit den 101 Namen der Getöteten. Der zu weiche Stein bröckelte, Namen wurden unleserlich, das Mahnmal verwitterte. Aber deren dauerhafte Sanierung hatte die Bahn abgelehnt. Selbst die Bitte der Selbsthilfe, ob am zehnten Jahrestag zur Unglückszeit der ICE Eschede langsam passieren könnte, prallte am betonharten damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn ab. „Den interessierte nur der Börsengang“, so Löwen. Deswegen habe die Selbsthilfe mit Boykott gedroht, falls ein Bahnvertreter ans Rednerpult tritt.

2008 dann trat der damalige Ministerpräsident Christian Wulff an die Mikrofone und sagte: „Der Unglücks-ICE Wilhelm Conrad Röntgen hätte München nie verlassen dürfen.“ Es war dieser klare Satz aus dem Mund eines Politikers, der nicht nur alle bewegte und der Selbsthilfe aus dem Herzen sprach, sondern auch zum ersten Schritt wurde, das Eis zwischen Bahn und Selbsthilfe zu brechen. Denn nach Informationen der HAZ soll sich Wulff, kaum war er im Juni 2010 Bundespräsident geworden, beim neuen Bahnchef Grube für eine Aussöhnung mit der Selbsthilfe Eschede eingesetzt haben.

Am Montag wird sich zeigen, was aus Wulffs Impuls geworden ist. Die Gedenkfeier beginnt um 10.59 Uhr am Unglücksort.

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