Projekt an der Leine

Das Comeback des Lachses

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Foto: Kleine Lachse in der Lachs-Aufzuchtstation des Lachszentrums Norddeutschland in Gronau (Niedersachsen).

Gronau - Früher war die Leine einer der lachsreichsten Flüsse Deutschlands. Nun ist der Fisch seit rund einem Jahrhundert ausgestorben. Angler mühen sich in ehrgeizigen Projekten um eine Wiederkehr. Doch nur ein Bruchteil der teuren künstlichen Aufzucht hat überhaupt eine Chance.

Der Hoffnungsträger liegt versteckt am Ende einer Mehrzweckhalle, abgeschirmt von mobilen Stellwänden. Sie formen einen Sichtschutz, hinter dem Belüftungsanlagen Wasserbecken leise glucksen lassen. Auf der Vorderseite der Stellwände spielte sich schon so manches ab: Ausstellungen, Messen oder Geburtstagsfeiern. Im abgeschirmten Teil dahinter dreht sich dagegen seit Jahren alles nur um ein Thema. Dort in der Halle auf der Leine-Insel in Gronau bei Hildesheim schwimmen Lachse, die in dem Fluss längst ausgerottet sind. Doch ein ehrgeiziges Projekt will den Fisch, der locker größer als einen Meter werden kann, in der Leine wieder heimisch machen.

Früher war der Lachs zwischen Harz und Küste ein Arme-Leute-Essen. In der Leine kam der majestätische Wanderfisch noch im 19. Jahrhundert derart häufig vor, dass sich die Tagelöhner bei den Adeligen beschwerten, wenn sie öfter als dreimal pro Woche mit Lachs abgespeist werden sollten. Heute kennen die Niedersachsen den Fisch meist nur noch aus dem Restaurant oder Supermarkt. Das teure Tier wird herangekarrt aus Aquakulturen fern der einstigen Heimat. In der Leine, die Niedersachsen prägt und durch die Landeshauptstadt fließt, ist der Lachs praktisch ausgestorben. Wenn da nicht die Hilfen wären. Seit dem Jahr 2000 hat es sich der Verein Leine-Lachs mit Sitz in Gronau zum Ziel gesetzt, den Lachs in der Leine wieder anzusiedeln.

Es ist ein Besatzprojekt einer wachsenden Zahl von Angelvereinen und zeigt im Kleinen, vor welchen Mammutaufgaben die Menschen stehen, wenn sie den Lauf der Natur erst einmal grundlegend verändert haben. "Bis etwa zur Jahrhundertwende um 1900 war die Leine einer der lachsreichsten Flüsse Deutschlands", berichtet der Vorsitzende des Vereins, Günter Ohnesorge. Er ist einer von vielen Helfern, die seit Jahren Freizeit und Ehrenamt in ein Projekt stecken, dessen Aufwand noch in keinem Verhältnis zum Erfolg steht. Erst eine Handvoll Lachse schaffte es bisher über Aller und Weser ins Meer und dann zum Laichen auch wieder flussauf über die vielen Bauhindernisse wie Wehre hinweg. Anfangs half die Dänische Stiftung für Wildlachs beim Besatz, seit 2012 leistet der Verein die Aufzucht in Eigenregie - teils vom Fischei an.

Gut 20 000 Euro kostet alleine der Besatz jedes Jahr, inzwischen setzten die Angler mit dem Projekt fast eine Million kleine Zuchtlachse in die Leine - im Wert von fast 300 000 Euro. Anders als beim Aalbesatz gibt es in Niedersachsen für den Lachs keine regelmäßige Förderung mit Steuergeld - Angler zahlen für das Projekt aus eigener Tasche. Ein Beispiel für den immensen Aufwand auch im Kleinen gibt der Angelverein (ASV) Neustadt am Rübenberge aus der Region Hannover, der schon seit 1995, also noch vor der Gründung des Vereins Leine-Lachs, dem Fisch auf die Sprünge hilft.

350 000 kleine Lachse hat der ASV seither in die Leine und ihre Nebenbäche gesetzt, berichtet der ASV-Vorsitzende Holger Machulla. Der größte der bisher zehn Heimkehrer im ASV-Gebiet maß stolze 87 Zentimeter. Der überschaubaren Zahl stehen pro Jahr zehntausend Besatzfische in der gesamten Leine gegenüber. Der Schwund ist überall enorm. Zu groß sind die Gefahren auf der Wanderung, allein in der Leine versperren dem Lachs zehn Wasserkraftanlagen den Weg. Aufstiegshilfen seien zwar ein guter Weg, blieben aber eine Notlösung, erklärt Thomas Klefoth, Fischereiwissenschaftler im Landessportfischerverband Niedersachsen.

"Ein Fisch muss in der Leine zehnmal das Mysterium lösen, eine kleine Fischtreppe zu finden und zu passieren - und jedes Mal bleiben welche auf der Strecke." Und es gibt ja auch Raubfische wie den Hecht oder andere Fressfeinde wie den Kormoran. Ohnesorge berichtet: "Man sagt, ein bis zwei Prozent kommen bei den Brütlingen durch. Bei den zweijährigen Fischen sind es acht bis zehn Prozent." Doch ältere Fische zu besetzen, hat seinen Preis: "Ein einjähriger Lachs kostet 60 bis 80 Cent. Ein Lachsei dagegen nur 0,03 Cent", sagt Ohnesorge, der im Norddeutschen Lachszentrum in Gronau die Aufzucht und ein Infozentrum für Besucher betreut. Und je länger Lachse aufgezogen werden, desto größer sind zwar ihre Überlebenschancen - es bereite aber auch Probleme, erklärt Biologe Klefoth.

Je wilder die Umgebung für den Nachwuchs, desto besser finde der sich später in der Natur zurecht, und vor allem produzierten wildlebende Fische mehr Nachwuchs - von Zootieren kennt man das ebenfalls. "Für den Lachs heißt das auch: Am besten so wenig wie möglich in Gefangenschaft." Manchmal hilft übrigens auch Mutter Natur dem Lachs noch auf die Sprünge. Hochwasser, so viel Schaden sie anrichten mögen, führen die Fische an den Bauwerken vorbei. Dennoch liegt eine Population, die sich irgendwann eigenständig reproduziert, in weiter Ferne. "Ich gehe davon aus, dass wir noch acht bis zehn Jahre weitermachen müssen", schätzt Ohnesorge.

Hindernisse für den Lachs

Immerhin: Die Initiative mit ihren inzwischen 41 Angelvereinen und deren 18 000 Mitgliedern hat dazu beigetragen, dass in Freden südlich von Alfeld bald auch das zehnte Hindernis eine Querungshilfe bekommt. Dann ist die Leine theoretisch durchgängig. Die ist aber nur ein Fluss von vielen auf dem Weg ins Meer und zurück. Entsprechend ambitioniert sind Lachshilfen in Niedersachsen. "Generell kann man sagen, dass es erfolgreiche Projekte gibt, aber vor allem bei der Meerforelle", berichtet Lutz Meyer, Fischereirat in der zuständigen Behörde Laves. Schon Mitte der 1980er Jahre seien erste Projekte für Lachs und Meerforelle angelaufen.

Es gebe dabei in Niedersachsen ein Erfolgsgefälle, das von Osten nach Westen absteige. So sei der Erfolg rund um die tidebeeinflusste Elbe und ihre Nebenflüsse am größten. "Da hat sich mittlerweile überall ein relativ großer Meerforellenbestand aufgebaut, der sich zum Teil auch selbst schon reproduziert." Die Helfer besetzten stetig und vermehrten gefangene Rückkehrer künstlich - als unterstützende Zwischenschritte. Auch die Unterweser zeige mit der Wümme ähnlich positive Tendenzen. Weiter im Westen rund um die Ems dagegen sei der Erfolg klein. "Da schaut es problematisch aus, obwohl das Problem der Verbauungen gering ist.

Die untere Ems ist gerade im Sommer wegen der Sauerstoffproblematik sehr schlecht passierbar für Wanderfische", berichtet Meyer. Naturschützer beklagen das Problem seit Jahren und sehen in der Papenburger Meyer Werft den Hauptverantwortlichen. Für deren Schiffe wird der Fluss mit Baggern auf Tiefe gehalten. Kritiker sprechen von sauerstoffarmen Todeszonen in der Ems, in denen praktisch keine Fische mehr leben - anspruchsvolle Lachse schon gar nicht. Während es mit der Meerforelle in Niedersachsen gut klappt, ist es für den Lachs schwierig. "Bei ihm gibt es momentan keine Projekte im Land, wo wirklich eine nennenswerte natürliche Reproduktion zu verzeichnen ist", sagt Meyer.

Eine der Erklärungen sei, dass die Meerforelle in den Tieflandbächen und -flüssen den Lachs überlaiche, also mit ihrem späteren Laichgeschäft das Gedeihen der Lachsbrut nachhaltig störe. Zudem steige der Lachs grundsätzlich bis in die Mittelgebirgsregionen auf - kämpfe also auch mit mehr Hindernissen. Generell gelte: "Es ist immer noch das Problem der mangelnden Durchlässigkeit wegen der Verbauungen." Es gebe zwar Fischtreppen. "Aber das bleiben Notlösungen, selbst wenn sie richtig gut sind." Ein bundesweiter, zentraler Überblick zu Lachsprojekten fehlt. Im Rhein etwa gibt es ähnliche Bemühungen wie an der Leine. Fest stehe, dass die Hilfen zur Lachs-Wiederansiedlung für viele Angelvereine einen hohen Stellenwert hätten, sagt Professor Robert Arlinghaus. "Das dient ungeachtet biologischer Erfolge, die deutschlandweit eher mau sind, vor allem auch der politischen Außenwirkung", gibt der Experte zu bedenken.

Lachsbesatz als Wahlkampfmittel

Arlinghaus forscht am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei sowie an der Humboldt-Uni der Hauptstadt zu interdisziplinären Aspekten der Angelfischerei. "Lachse sind Flaggschiffarten", betont der Fachmann, "und ein Einsatz der Angler zur Rettung ausgestorbener, überregional bekannter Fischarten ist dann natürlich auch politisch opportun". Politiker im Wahlkampf beim Lachsbesatz seien zum Beispiel nicht selten. Darüber hinaus werde es dann häufig wieder schnell ruhig um das Thema. "Dass man für eine erfolgreiche Wiederansiedlung dieser anspruchsvollen Art vor allem auch die Gewässer unter hohem Kostenausbau rückbauen müsste, wird gerne unter den Teppich gekehrt", sagt Arlinghaus.

Ohne geeignete Lebensraumbedingungen habe es schließlich jeder noch so mühevolle Besatz schwer. "Und hier gibt es in vielen ehemaligen Lachsbächen enormen Nachholbedarf, den die Angler aber unmöglich alleine leisten können", sagt der Wissenschaftler, der etwa zu den Schwerpunkten Fischbesatz und Angeldruck forscht. "In der Sache sind die Besatzmaßnahmen der Angelvereine von der Überzeugung motiviert, damit etwas für den Artenschutz zu tun", berichtet Arlinghaus. Das Projekt Leine-Lachs zählte bisher 19 Rückkehrer, gefunden etwa in Überwachungskästen an den Aufstiegshilfen. "Man geht davon aus, dass wir mit den Bestandskontrollen rund zehn Prozent fangen", sagt Ohnesorge.

Das macht rein rechnerisch knapp 200 Lachse, die es seit dem Jahr 2000 schafften. "Wir wollen hier auch wieder reparieren, was unsere Vorväter kaputt gemacht haben", erklärt Ohnesorge einen Teil seiner Motivation für die Mammutaufgabe. Initiativen wie seine sind dabei in Niedersachsen nicht alleine. Im Harz etwa müht sich ein ganz ähnliches, ebenfalls von Anglern finanziertes Projekt darum, die Lachse in der Oker wieder anzusiedeln. Sie mündet wie die Leine in die Aller. Professor Arlinghaus sagt mit Blick auf die Projekte: "Angler sind die wichtigsten Artenschützer unter Wasser."

dpa

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