Weniger Lacher

Deutsche Büros werden zur humorfreien Zone

Wann wird’s mal wieder richtig lustig? In deutschen Büros herrscht der ernst.

Berlin - Kein Witz: Laut einer Umfrage wird in deutschen Büros weniger gelacht als früher. Woran das liegt und warum das Lachen auf der Arbeit besonders wichtig ist.

Gestern in der Kantine: Gelächter am Nebentisch. Der Chef hat einen Witz gemacht, und die Truppe ringt sich Begeisterung ab. Da wird gekeckert und gegrunzt, höflich gestöhnt und anerkennend gewiehert. Aber es liegt etwas Ungesundes über der Szene. Die krampflösende Wirkung des Frohsinns verkehrt sich in ihr Gegenteil: Der vorsätzliche Enthusiasmus von Subalternen ist in Wahrheit purer Stress, außer für den Chef.

Andererseits: Man muss schon dankbar sein, wenn in deutschen Büros überhaupt noch gelacht wird, egal wie. Jeder zweite Bundesbürger klagt über zunehmende Hektik und Verbissenheit in Gesellschaft und Berufsalltag. Da ist kaum noch Platz für kleine Fluchten ins Absurde, für heilsame Pausen vom grauen Bürowahnsinn zwischen PowerPoint und Benjamini. Das ist das Ergebnis einer GfK-Umfrage unter 2100 Menschen. Und wenn die Kollegen dann doch mal Daseinsfreude simulierten, dann wirke das oft aufgesetzt. 83,3 Prozent der Befragten stören sich an notorischem „Dauerlächeln“ der Marke Ursula von der Leyen.

Was ist los in deutschen Büros? Die Belegschaften schrumpfen, die Belastungen wachsen, der Druck steigt, der Spaß lässt nach. Gelächter aber schweißt zusammen. Humor ist der Kitt jeder sozialen Gemeinschaft. Gelotologen – so heißen, ohne Witz, Lachwissenschaftler – rühmen die kathartischen Effekte eines Lachkrampfs. Lachende Mitarbeiter sind gesünder, belastbarer, flexibler und kontaktfreudiger. Kein Wunder, dass auch Unternehmensberater – stets bemüht um die Optimierung des Humankapitals – den Faktor Spaß entdeckt haben und in humorfreiem Fachidiom analysieren: „Der Umgang mit Humor in Gruppen ist ein Reifekriterium für ein Team.“ Soll heißen: Wer sich ab und zu im Rudel totlacht, arbeitet dazwischen besser zusammen.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – so ist der deutsche Arbeitnehmer sozialisiert. Laut einer Studie der Universität von Oklahoma aber entstehen in einem humorfördernden Betriebsklima zehnmal mehr kreative Ideen als in einem spaßlosen. Hewlett Packard beschäftigt Spaßberater, mancher US-Firmensitz sieht aus wie ein XXL-Småland von IKEA. Fehlt nur noch, dass auf jedem Aktenstapel, den der Chef auf den Tisch knallt, obendrauf ’ne rote Nase liegt. Dabei ist Lustigkeit nicht immer komisch: Jeder Norddeutsche, der sich mit einer rheinischen Frohnatur das Büro teilt, wird das bestätigen. Allerdings macht Lachen Schmerzen erträglicher, und Aggressivität erhöht die Effizienz. Das hilft.

Und jetzt? Lach-Yoga für alle? Kommen nach den Klinikclowns die Firmenclowns? Verschickt der Personalchef täglich lustige YouTube-Videos von niesenden Pandababys? Trifft sich die Buchhaltung mittwochs um 10.30 Uhr in Raum 412.B zum Gruppenkichern? Bitte nicht. Denn schlimmer als verordneter Humor sind nur noch Chefs, die sich persönlich dafür zuständig fühlen, die Bude zu rocken. Lachen aber ist eine Macht, heißt es, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen.

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