Eurovision Song Contest in Wien

Das deutsche ESC-Debakel

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Foto: Ann-Sophie Dürmeyer: „Ich bin natürlich traurig, klar. Null Punkte sind halt null Punkte.“

Wien - Letzter Platz beim Eurovision Song Contest. Null Punkte für „Black Smoke“. Wie konnte das passieren? ARD, ESC-Experten und Ann Sophie suchen nach Erklärungen, weshalb von den deutschen Hoffnungen am Ende nichts weiter blieb als – schwarzer Rauch.

Da schleichen sie aus der Wiener Stadthalle ins Pressezentrum, nachts um zwei Uhr, um das Unerklärliche zu erklären. Das Debakel von Wien. Null Punkte für „Black Smoke“. Letzter Platz für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2015, im Elend vereint mit dem Gastgeberland Österreich. Die deutschen Hoffnungen – aufgelöst in schwarzen Rauch. „Ich bin natürlich traurig, klar“, sagt Ann Sophie Dürmeyer vor einer Wand aus Kameras und Mikrofonen. „Null Punkte sind halt null Punkte.“ Oben auf einem Großbildschirm ist der Schwede Mans Zelmerlöw zu sehen. Siegerpressekonferenz des großen Favoriten. Er feiert, er jubelt. 365 Punkte und Platz eins für seine Europop-Partynummer „Heroes“, deren Trickperformance mit animierten Strichmännchen und Digitaleffekten freilich origineller war als die einfältige Komposition selbst. „Wir sind alle Helden“, ruft Zelmerlöw. „Egal, wen wir lieben, woran wir glauben, wer wir sind!“ Sechsmal hat Schweden jetzt gewonnen, Irlands Rekord mit sieben ESC-Siegen wackelt.

"Bitter und enttäuschend"

„Null Punkte sind bitter und sehr enttäuschend für Ann Sophie und für uns“, sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. „Der Song und die Performance waren besser als null Punkte.“ Von „Ungerechtigkeit“ ist viel die Rede, nicht nur im deutschen Lager. „Black Smoke“ sei wahrlich nicht der schwächste Titel des Abends gewesen. Tatsächlich ist der ESC-Modus brutal. Die Punkteanalyse ergibt: Mehrfach landete Ann Sophie in einzelnen Ländern auf dem elften oder zwölften Platz. Weil aber alle Länderergebnisse separat gesplittet werden und nur die jeweils zehn Bestplatzierten Punkte bekommen, ging sie 39-mal leer aus. Die Formel ist ganz simpel: The winner takes it all. Ihr Pech war, dass sich Zuschauer und Jurys, deren Meinung zu je 50 Prozent zählt, in keinem einzigen Land über „Black Smoke“ einig waren. In Albanien holte sie im Zuschauervoting Platz 7. In Belgien und Israel setzten die Jurys sie gar auf Platz fünf, in Großbritannien auf Rang 9 – aber es nützte ihr alles nichts. Die einzelnen guten Wertungen sind auch der Grund, warum sie in der offiziellen Zählart vor dem ebenfalls punktlosen Österreich steht, dem ersten Gastgeberland in 60 Jahren, das komplett leer ausging.

Man könne ihr keinen Vorwurf machen, sagt auch ARD-Kommentator Peter Urban. „Sie hat das großartig gemacht. Aber offensichtlich hat der Song einfach nicht den Nerv von 120 Millionen Europäern getroffen.“ Auch der hannoversche ESC-Experte Irving Wolther, der zum Song Contest promoviert hat, nahm die 24-jährige Hamburgerin in Schutz. „Es sind nicht die schlechtesten Songs, die Letzter werden, sondern die Unauffälligsten. Dieser Titel gab einfach keine große Inszenierung her.“

Ganz anders als bei der „russischen Helene Fischer“ Polina Gagarina, die mit ihrer bombastisch inszenierten, vor Pathos triefenden Weltumarmungshymne „A Million Voices“ auf Platz zwei landete.Mit ihrer altmodischen Arie auf die Liebe sicherte sich das italienische Tenor-Trio Il Volo (auf Deutsch: Der Flug) Platz drei. Für ihren musikalischen Mut belohnt wurde die originelle TripHop-Electro-Nummer „Love Injected“ von Aminata aus Lettland (Platz 6) und der Belgier Loïc Nottet mit seiner schwarzweißen Tanzperformance zum hochmodernen Rythm-&-Blues-Titel „Rythm Inside“ (Platz 4). Und Australien, der Jubiläums-Ehrengast? Guy Sebastian landete mit seinem fluffigen Mix aus Commitments-Soul und Gnarls Barkleys „Crazy“ auf einem sensationellen fünften Platz. Vor allem Platz drei bis zehn zeigen: Europa hat Spaß an modernem, mutigen Pop.

Ein Debakel also für Deutschland. Seit den erfolgreichen Lena-Jahren 2010 (Sieg) und 2011 (Platz 10) und dem achten Platz für Roman Lob 2012 in Baku gab es für das deutsche Team einmal den 21. Platz (Cascada, 2013), einmal den 18. (Elaiza, 2014) und jetzt also der Tiefpunkt. Deutschland rutscht damit wieder ab in die bitteren Tabellenregionen, in denen es vor Lena verharrte: mit Grazia (24. und Letzte), Texas Lightning (15), Roger Cicero (19), den No Angels (23., punktgleich mit dem Letzten) und Alex Swings Oscar Sings (20). Am Ende war es eine Reihe von Gründen, die zum katastrophalen Ergebnis geführt haben:

1. Die Unaufdringlichkeit des Songs

In einem Meer von bombastischen Inszenierungen und großer theatralischer Pose blieb „Black Smoke“ einfach nicht hängen. „Zu unauffällig“ - diese Worte waren oft zu hören in der ESC-Gemeinde nach der Show. Der glatte Popsong „Black Smoke“ eignet sich einfach nicht für die große Geste, die Larger-than-life-Attitüde, die für einen Erfolg beim ESC einfach unerlässlich ist. Er hatte nichts Zwingendes, Soghaftes an sich.

2. Die Vorgeschichte

Deutschland hat in dem Moment den ESC verloren, als Andreas Kümmert beim deutschen Vorentscheid einen Rückzieher machte. Nicht wegen mangelnder Fähigkeiten der Zweitplatzierten Ann Sophie, sondern weil von diesem Moment an ohne ihr eigenes Zutun ein Stigma an ihr haftete. Praktisch jeder europäische ESC-Kommentator wies vor ihrem Auftritt darauf hin, dass sie als Zweitplatzierte ins Rennen ging. Dagegen ist kein Ankommen.

3. Die Konkurrenz 2015

Der ESC-Jahrgang 2015 war zwar unterm Strich nicht der stärkste. Am Ende aber kristallisierten sich mit Russland, Italien und dem späteren Sieger Schweden drei klare Favoriten heraus, die die Punkte unter sich aufteilten. Für das untere Drittel der Tabelle blieben daher nicht mal Brosamen übrig. Hinzu kommt: Vom vielzitierten Blockvoting kann zwar statistisch gesehen keine Rede sein, aber Osteuropa setzte in der Tendenz schon deutlich auf Russland, der Westen dagegen war gespalten zwischen Schweden und Italien.Die besondere Konstellation dieses Jahrgangs verhinderte, dass es auch nur ein paar westliche Mitleidspünktchen für Ann Sophie gab. Nicht mal die Schweiz und die Niederlande ließen Gnade walten.

Eine historische Niederlage? Nicht ganz. Die letzte komplette Pleite ist exakt ein halbes Jahrhundert her.Deutschland ging im Jahr 1965 leer aus, als Ulla Wiesner mit dem Titel „Paradies, wo bist du?" antrat. 1964 hatte Nora Nova mit „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne" ebenfalls nicht einen einzigen Punkt geholt. Wertungssysteme und der Charakter der Shows waren mit den heutigen Maßstäben allerdings nicht zu vergleichen.

Selbstverständlich wird ARD-intern nun die Suche nach Schuldigen beginnen. Die zu finden jedoch wird nicht einfach werden. Denn die Gemengelage ist so komplex, dass einzelne Fehlentscheidungen einfach nicht auszumachen sind. Der ausschlaggebendste Faktor war der Fall Kümmert. Zusätzlich muss man wohl an den Mut der Plattenfirmen appellieren, auch mal ins Risiko zu gehen, auch mal zeitgemäße, irritierende, originelle Acts jenseits des kommerziellen Mainstreams ins Rennen zu schicken, siehe Belgien und Lettland. 8,11 Millionen Zuschauer verfolgten die Show am Sonnabend im Schnitt in der ARD, womit das Erste einen guten Marktanteil von 34 Prozent holte. Gebührenverschwendung? Für die ARD ist der ESC vergleichsweise günstiges Programm. Jeder „Tatort“ ist deutlich teurer. Man werde sich „genau überlegen, wie wir uns auf den ESC 2016 vorbereiten“, sagte der ESC-Beauftragte Schreiber. Viele Optionen sind im Gespräch, Details gibt's noch keine. Von Stefan Raab allerdings, der sich ein ESC-Comeback im Gespräch mit dieser Zeitung kürzlich offen hielt, ist keine Rede.

Und jetzt, Ann Sophie?

Sie und die österreichischen Makemakes wollen jetzt eine Allianz der Verlierer bilden. Schon die ganze Woche über hatten sie sich blendend verstanden. Jetzt wollen sie zusammen Musik machen, sagt Ann Sophie. „Mal sehen, wohin uns das führt.“

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