Mutige Aussteigerin

Deutsche lebt sechs Monate pro Jahr in der Sahara

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Foto: Für die Deutsche Desirée von Trotha gehören Kamele, Sand, die Touareg und das raue Wüstenleben zu ihrem Alltag – jedenfalls für die Hälfte des Jahres.

Addis Adheba - Die Filmemacherin Désirée von Trotha lebt seit zwei Jahrzehnten sechs Monate pro Jahr in der Sahara. Für viele ist ein solches Wüstenleben unvorstellbar. Für die mutige Deutsche gehören Tuareg, Kamele und Millionen Sterne zum Alltag.

Manchmal hat ein Mensch das Glück an einen Ort zu kommen, der ihn mit Haut und Haaren packt und nie mehr loslässt. Ein Ort, der exotisch und ganz weit weg ist, und dabei doch irgendwie vertraut. Ein Abenteuer und gleichzeitig ein zweites Zuhause. Für Désirée von Trotha ist dieser Ort die Wüste im Norden Afrikas. Seit über 20 Jahren lebt die deutsche Filmemacherin und Autorin immer wieder monatelang mit Nomaden in der Sahara, reitet auf Kamelen und schläft unter dem unendlich weiten Sternenhimmel der Wüste. „Ein dünner Teppich auf dem Boden, darüber eine Matratze, ein Leintuch, Decke oder Schlafsack ...“, schwärmt die 50-Jährige. „Für mich gibt es kein schöneres Hotel als das der tausend Sterne.“

Zum ersten Mal spürte von Trotha die Faszination der Region 1990/91. Damals war sie Regieassistentin eines Road-Movies, das die Crew von Süddeutschland bis in den Norden der Republik Niger führte. „Während der Dreharbeiten ergaben sich dort, in der alten Handelsstadt Agadez, erste Verbindungen zu einer großen Schmiedefamilie der Tuareg“, erinnert sie sich. „Nach und nach wurde ich als ältere Schwester in ihre Mitte aufgenommen.“

Nach dem Ende der Tuaregrebellionen der 1990er Jahre in Niger und Mali erkundete von Trotha die Sahara weiter – „vom Aïr-Gebirge und den ausgedehnten Ebenen im Norden von Niger über das Plateau des Tassili-n-Ajjers und die hohen Felsen des Ahaggars im Süden Algeriens bis zu den hellen Sandbergen in der Region von Timbuktu und inzwischen auch in den Norden des Tschad sowie nach Mauretanien“.

Freundschaft mit den Touareg

Ganz neue Freundschaften wurden geboren, durch die das Verständnis und Interesse für die Nomaden und ihre Lebensweise immer größer wurden: „Ich trank mit ihnen bitteren Tee, begann ihre Sprache zu lernen, lernte ihre Art zu denken, lernte das Reiten auf Kamelen, lernte, dass sich die Männer verschleiern, nicht aber die Frauen und, dass sich die Tuareg selbst Kel Tamaschek nennen.“

Sie veröffentlichte Bücher und machte sich mit der Zeit auch als Fotografin einen Namen. Im vergangenen Jahr drehte sie im Norden Malis den Dokumentarfilm „Woodstock in Timbuktu“ über das berühmte Musikfest „Festival au Désert“, das jahrelang Fans aus aller Welt in die Wüste lockte. Das Event war für viele eine einzigartige Gelegenheit, den reichen kulturellen Schatz saharischer Musiktraditionen zu entdecken.

Heute herrschen in dieser Region Islamisten. Entsetzliche Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung, Frieden und uralte Kulturen wurden - zumindest momentan - aus Nord-Mali vertrieben. Viele fragen sich, ob dies nun für immer das Ende des beliebten Festivals bedeutet.„Nein“, sagt von Trotha. „Die Macher – in erster Linie Tuareg – geben nicht auf. "Wir machen weiter", sagte mir der Präsident des Festivals, Manny Ansar, kürzlich, "sonst hätten die Terroristen ja gewonnen"“. Am 8. Februar nächsten Jahres sollen sich zwei Friedenskarawanen mit nationalen und internationalen Musikern zusammenfinden, eine aus dem Süden Malis über Mauretanien und eine aus dem Süden Algeriens, die jeweils in mehreren Etappen Richtung Burkina Faso ziehen. Unterwegs werden sie immer wieder anhalten, Konzerte geben und Vorträge halten, erläutert die gebürtige Augsburgerin, die auch an der Pariser Sorbonne studiert hat.

Wochenlang „schale Hirsepampe“

Derzeit ist von Trotha noch in Deutschland, aber schon in wenigen Tagen reist sie zurück in die Sahara. Sie kennt beide Welten. Und sie liebt beide Welten, möchte keine auf Dauer missen. „Ich war noch nie eine Anhängerin von Powershopping und komme mit Verzicht gut klar“, sagt sie. Wochenlange „schale Hirsepampe“ als Hauptnahrungsmittel und die „leisen Stimmen der Tuareg, die die Dunkelheit durchdringen“ gehören heute ebenso zu ihrem Leben wie Internetleitungen und funktionierende Flugverbindungen.

Könnte sie noch ohne die Wüste leben? „Wenn es sein müsste, ginge das selbstverständlich. Vermutlich litte ich dann allerdings ein wenig unter "assouf", jener inneren Leere, Sehnsucht, Melancholie und Nostalgie, die "Wüstenmenschen" fern der Heimat überfällt.“ Désirée von Trotha fühlt sich zuhause in der Sahara, auch noch nach zwei Jahrzehnten.

Sie erzählt von Ferne und einem weiten Horizont, beschreibt einen Ort ohne Straße. Ihre Augen leuchten. „In der Wüste ist der Mensch sehr klein und zugleich sehr geborgen. Jede Spur im Sand erzählt eine Geschichte, eine unerwartete Begegnung wird zum kleinen Fest. Es gibt kein vielleicht, nur ja oder nein.“

dpa

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