Schulen in Deutschland

Deutschlands bester Lehrer im Interview

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- "Sagen Sie mal, Herr Ostermann, wie lernt man eigentlich richtig?" Deutschlands bester Lehrer spricht im Interview über die anspruchsvolle Rolle der Eltern, die Zukunft der Schule und den Nutzen von Eselsbrücken.

Herr Ostermann, Ihre Fächer sind Geschichte und Latein. Mit dieser Kombination zum besten Lehrer gewählt zu werden ist wohl nicht ganz einfach, oder?

Ja und nein. Es gibt ja zwei Arten von Lateinlehrern. Die einen leben ganz im Diesseits und empfinden die Sprache, die Grammatik, die fremde Lebenswelt als spannende Bereicherung. Die andere Variante sind Lateiner, die, sagen wir mal, eher in ihrer eigenen Welt leben.

Ist das ein Rezept für guten Unterricht: im Hier und Jetzt zu sein?

Ich glaube, es ist nicht unwichtig zu wissen, was die Schüler bewegt und was sich in ihrer Lebenswelt so abspielt. Ich muss das nicht alles teilen. Ich muss mir nicht „Deutschland sucht den Superstar“ und das „Dschungelcamp“ anschauen, aber ich sollte ungefähr wissen, wer da so drin sitzt, damit ich mit entsprechenden Kommentaren der Schüler umgehen kann.

Sie reden also im Lateinunterricht über das „Dschungelcamp“?

Nicht zwingend, aber es kann durchaus vorkommen.

Zur Person

Philipp Ostermann ist der einzige niedersächsische Pädagoge, der im vergangenen Dezember mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurde.Er erhielt den Titel in der Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“. Der 33-Jährige unterrichtet an der hannoverschen Schillerschule Geschichte und Latein.

Wie kann man denn im Lateinunterricht die Brücke zur medialen Gegenwart schlagen?

Das ist überhaupt nicht problematisch. Wir beschäftigen uns in der zehnten Klasse gerade mit Liebesdichtung: Ovids „Ars amatoria“, davor habe ich mit einigen Jahrgängen Catull gelesen. Der hatte sich in Gedichten darüber ausgelassen, dass er sich unsterblich in eine Frau verliebt hat, die verheiratet ist, fremdgeht und offensichtlich ein bisschen nymphoman veranlagt ist.

Na, da ist man ja schon im „Dschungelcamp“.

Richtig. Da gibt es einige aktuelle Anknüpfungspunkte. Ich habe mit meinen Schülern eine Foto-Lovestory zu dem Thema gemacht. Das Prinzip ist ja allen aus der „Bravo“ bekannt.

Und das kommt bei den Schülern an?

Ja. Um die Szenen richtig umzusetzen, beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler auch freiwillig mit dem Stoff.

Das ist der pädagogische Idealfall. Aber wie schafft man es, dass sich Schüler freiwillig und mit Spaß mit einem Schulstoff beschäftigen? Sagen wir mal in Mathematik?

Darauf gibt es keine perfekte Antwort. Der pädagogische Klassiker – also der Begriff, den meine Professoren an der Uni jetzt hören wollten – wäre: Lebenswirklichkeit. Der Stoff muss mit der Lebenswirklichkeit der Schüler zu tun haben. Das aber ist für mich nicht ganz zwingend. Je nachdem, an welcher Schule Sie sind, ist die Lebenswirklichkeit immer anders. Wenn der Vater arbeitslos und die Mutter Alkoholikerin ist, dann wollen die Schüler das in der Schule nicht auch noch verhandelt sehen. Wichtig ist, dass sie das Gefühl haben: Auf irgendeine Art und Weise bringt mir das Lernen etwas. Ganz wichtig ist es, dass Schüler sich in dem Stoff wohlfühlen und merken: Ich kann das! Ich glaube, dass eine wichtige Aufgabe des Lehrers darin besteht, den Schülern den Mut zu geben, etwas einfach mal auszuprobieren. Dazu gehört auch der Mut, zu scheitern und aus den eigenen Fehlern zu lernen.

Vor Kurzem hat eine 17-Jährige auf Twitter für Aufsehen gesorgt. Sie meinte, sie könne ein Gedicht in vier Sprachen interpretieren, würde aber an der Steuererklärung scheitern. Die Schülerin hat mehr Lebenswirklichkeit an der Schule eingefordert.

Das große Problem, das ich mit diesem Tweet hatte, ist die Angst, die ich hier sehe. Letzten Endes beschreibt die Schülerin, dass sie Angst davor hat, Fehler bei der Steuererklärung zu machen, dass sie Angst davor hat, einen Mietvertrag zu unterschreiben. Es ist ein Aufschrei wie: Ich habe Angst vor der Lebenswirklichkeit da draußen, bitte, bitte, liebe Schule, bereite mich auf alle Eventualitäten vor!

Kann das die Schule?

Das kann die Schule auf gar keinen Fall.

Aber die Schule könnte doch Sicherheit vermitteln, sodass Abiturienten keine Angst davor haben müssen, ins Leben zu gehen.

Das sollte die Schule eigentlich tun. Eigentlich möchte ich als Lehrer auch denken: Mädel, wenn du fähig bist, in vier Sprachen eine Gedichtanalyse zu verfassen, dann sollte es dir doch auch möglich sein, einen deutschen Mietvertrag zu lesen und zu wissen, was drinsteht. Ich frage mich manchmal: Woher kommt diese Angst?

Ja: woher? Vielleicht hat es etwas mit der immer komplexer werdenden Wirklichkeit zu tun.

Das mag sein. Ich sehe das auch oft bei den Eltern. Schon in der Mittelstufe haben Eltern Angst, dass ihre Kinder in der Schule einen Fehler machen. Es zeigt sich da wohl eine gewisse Abstiegsangst. Dabei ist die eigentlich gar nicht begründet. Die Akademikerarbeitslosigkeit in Deutschland ist immer noch gering. Und auch mit Latein als Abiturfach ist man gefragt. Wir brauchen jedes Jahr Lateinlehrer in Deutschland, und wer sich mit einem Lateinabitur in der Werbewirtschaft bewirbt, hat auch gute Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden. Denn so jemand kann auf jeden Fall gut Deutsch.

Wie lernt man denn richtig Latein? Sie sagten, Lernen soll an die Lebenswirklichkeit anknüpfen. Soll Lernen auch Spaß machen? Die Lernforschung sagt hier: Ja.

Die Erfahrung sagt hier auch Ja. Eine Sache, an die ich mit Freude herangehe, bleibt besser hängen als etwas, an das ich verkrampft oder mit Angst herangehe. Das ist oft ein Problem der Elternhäuser. Die können eine ganze Menge Angst und Druck aufbauen. Es gibt zwar viele Kinder, die es schaffen, auch unter Druck gute Noten zu schreiben, aber es gibt eben auch Kinder, die das nicht schaffen und unter diesem Druck zusammenbrechen.

Jetzt geben Sie die Verantwortung für Spaß am Lernen schnell ans Elternhaus ab.

Das Elternhaus spielt aber eine große Rolle.

Was sollen Eltern denn tun? Wenn sie warnen, dass nach der Vier die Fünf droht, heißt es, sie machen Druck. Wenn sie nicht darauf hinweisen, dass das Kind abzurutschen droht, heißt es, sie interessieren sich nicht für die schulische Entwicklung des Kindes.

Ich sehe ein, dass das nicht ganz einfach ist, hier die richtige Balance zu finden. Eltern sollten keinen Druck ausüben, sie sollten das Kind emotional auffangen, wenn etwas mal nicht geklappt hat. Ein persönliches Beispiel: Als ich einmal in der zehnten Klasse mit einer Fünf in Mathe nach Hause kam, da hat mich meine Mutter in den Arm genommen und gesagt: „Schön, das kannst du also auch.“

Das dürften die meisten Kinder heute wohl nicht erwarten.

Ja. Ich tausche mich mit Kolleginnen und Kollegen aus und höre dabei auch von Kindern, die angebrüllt werden, wenn sie mit einer schlechten Note nach Hause kommen, oder die Taschengeld abliefern müssen. Das nimmt bisweilen krasse Formen an. Ich habe von Schülern gehört, die für eine Eins 100 Euro bekommen, für eine Zwei 50, für eine Vier müssen sie 50 Euro an die Eltern zahlen und für eine Fünf 100.

Man könnte auch sagen: 100 Euro für eine Eins, das ist doch eine tolle Motivationshilfe.

Nein, wirklich nicht. Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn die Oma das Halbjahreszeugnis mit 20 Euro honoriert. Aber so ein ständiges Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche ist nicht richtig. Da wird jede Klassenarbeit einfach zu hoch gehängt.

Gehört Nachhilfe auch zu den Hilfestellungen, die das Elternhaus gegebenenfalls anbieten sollte?

Sicher.

Mir scheint es manchmal so, als sei Nachhilfe etwas ganz Normales geworden. Sogar Schüler, die mit ihren schulischen Leistungen ganz zufrieden sein könnten, erhalten Nachhilfe. Ist das ein neuer Trend?

Ja, das ist so. Wir bieten hier bei uns in der Schillerschule ein schulinternes Förderprogramm an. Wer in irgendwelchen Fächern schwach ist, kann nachmittags den Förderunterricht in Anspruch nehmen. Ich weiß, dass auch Schüler diesen Förderunterricht besuchen, die im Zweierbereich stehen. Da frage ich mich: Kinder, was wollt ihr denn da?

Was sollte das Elternhaus noch leisten?

Eltern sollten dem Kind dabei helfen, ein geregeltes Leben zu führen. Sie sollten darauf achten, dass das Kind zu Hause frühstückt oder ein Frühstück mit in die Schule nimmt. Und sie sollen darauf achten, dass das Kind ausgeschlafen in die Schule kommt. Man muss die Konsequenzen sehen: Wenn ein Schüler meint, er könne bis 3 Uhr nachts am Computer sitzen, dann muss er damit rechnen, dass die Leistungen in den ersten beiden Stunden suboptimal sind.

Zum guten Lernen müssen die Rahmenbedingungen stimmen, der Stoff soll Anknüpfungspunkte an die Lebenswirklichkeit haben, und das Lernen soll Spaß machen. Alles schön und gut, aber dann gibt es auch noch Vokabeln. Die zu lernen, macht meist keinen Spaß. Wie soll man das anstellen?

Vokabeln lernen muss sein. Ohne Vokabeln geht es nicht. Vokabeln lernt man vor allem, indem man sie regelmäßig umwälzt. Wenn ich mir vornehme, 60 Minuten in der Woche Vokabeln zu lernen, ist es besser, sechsmal in der Woche zehn Minuten zu lernen als an einem Tag eine Stunde. Eine gewisse Regelmäßigkeit sorgt dafür, dass der Stoff ins Langzeitgedächtnis kommt – und da muss er schließlich hin. Es hilft nichts, morgens im Bus die entsprechenden Stellen im Buch schnell durchzuackern. Dann bekommt man das vielleicht im Vokabeltest aufs Papier, aber nicht in den Kopf. Mit diesem Bulimielernen – reinstopfen und auskotzen – ist keinem geholfen.

Was ist mit Gruppenarbeit? Sollen Schüler zusammen lernen?

Nach meiner Erfahrung kann das gut funktionieren. Der erste Vorteil bei der Gruppenarbeit ist der, dass man sich dabei mit Freunden trifft. Schon ist die Stimmung besser, und das ist gut fürs Lernen. Bei der Gruppenarbeit gibt es eine gewisse Verlässlichkeit. Während man allein beim Lernen schnell auch etwas anderes machen könnte, müssen bei der Gruppenarbeit immer zwei entscheiden, dass man jetzt nicht lernt, sondern irgendetwas anderes macht. Es ist also eine größere Verbindlichkeit da. Außerdem klappt beim partnerschaftlichen Lernen auch die Fehlerkorrektur besser. Insofern halte ich das für eine gute Sache.

Was ist mit Spickzetteln? Viele sagen, dass Lernen durch die Hand gehen sollte.

Meiner Erfahrung nach ist das auch so. Im Moment neigen viele Schüler dazu, mit ihrem Handy Tafelbilder abzufotografieren. Oft werde ich bei der Arbeit am Smartboard auch gebeten, den Schülern eine PDF-Datei zu schicken. Da müssen die Schüler selber nichts mehr machen. Und das ist ein Nachteil. Denn Dinge, die ich selber aufgeschrieben habe, habe ich zumindest einmal irgendwie verarbeitet. Ein Foto, das ich von der Tafel gemacht habe oder ein PDF, das mir zugeschickt wurde, hat diese Qualität nicht. Schließlich kann niemand sicherstellen, dass das Foto oder diese PDF-Datei jemals wieder angeschaut wird. Das Abschreiben ist die Versicherung, den Stoff wenigstens einmal behandelt zu haben.

Insofern ist das Anfertigen von Spickzetteln für Arbeiten von Lehrerseite her durchaus zu begrüßen, oder?

Absolut. Aber benutzen darf man sie natürlich trotzdem nicht. Die Anfertigung von Spickzetteln ist lernpsychologisch gesehen sehr interessant. Der Spickzettel sollte ja möglichst klein sein, das heißt, ich muss mir vorher Gedanken machen, was das Wichtigste ist und wie ich das komprimieren kann. Dafür muss ich den Stoff verstanden haben.

Helfen Eselsbrücken beim Lernen?

Eselsbrücken finde ich für Latein Klasse. Da bleibt meist etwas hängen.

Und für Geschichte? Oder sind hier Eselsbrücken nicht so wichtig, weil das Lernen von Jahreszahlen keine Rolle mehr spielt?

Ich bin der Meinung, dass man gewisse geschichtliche Fakten einfach draufhaben muss. Natürlich spielt auch die Kompetenzorientierung in Geschichte eine große Rolle. Das wiederum heißt für die Fakten ein wenig überspitzt: Ich muss eigentlich gar nichts mehr wissen; ich muss nur noch wissen, wo es steht. So kommt es, dass Schüler in einer Geschichtsarbeit schreiben, dass Hitler Deutschland geteilt und die Mauer errichtet habe. Man braucht Faktenwissen, sonst wird es irgendwann peinlich. Aber Verstehen ist natürlich wichtiger.

Muss ein Lehrer Begeisterung für seinen Stoff mitbringen?

Schwierig. Natürlich ist es zu wünschen, dass man sich für seinen Stoff begeistert. Aber das ist nicht immer möglich. Natürlich sollte man versuchen, den Funken weiterzugeben. Wichtig ist, dass der Lehrer den Stoff draufhat. Schüler merken sehr schnell, wenn ich ihnen nur 90 Minuten voraus bin.

Bringt die Schule den Schülern bei, wie man richtig lernt?

Wie lernt man denn richtig?

Die Frage gebe ich gleich mal zurück.

Lernen ist etwas hochgradig Individuelles. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die müssen bis kurz vor dem Abitur nicht lernen. Und es gibt welche, die brauchen von der vierten Klasse an Nachhilfe. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die haben ein nahezu fotografisches Gedächtnis, und es gibt andere, denen so etwas fehlt. Das heißt: Wir haben ganz individuelle Lerntypen. Das Patentrezept zum Lernen nach dem Motto: „Mach es so, dann klappt es“, das kann Schule nicht liefern. Und den Eindruck, sie könne das, darf Schule nicht vermitteln.

Wie kann die Schule denn auf die individuellen Lerntypen eingehen?

Angebote machen, die Schüler zum Ausprobieren anregen, und offen sein für das, was von den Schülern kommt. Ich hatte einmal drei Schülerinnen, die sich die lateinischen Demonstrativpronomen mit einer Choreografie merken wollten. Die haben dann is, ea, id, eius, eius, eius tatsächlich getanzt. Das hat geholfen: Sie konnten es.

Hat die Forderung, mit den Schülerinnen und Schülern als Individuen zu arbeiten, auch damit zu tun, dass die Klassen immer heterogener werden?

Heterogen waren Klassen schon immer.

Aber jetzt haben Sie es mit Integration und Inklusion zu tun.

Die Hintergründe werden diverser, das ist richtig. Aber ich persönlich behandle ja erstmal jeden Schüler gleich. Das heißt: Es ist mir völlig egal, ob die Eltern eines Schülers aus Deutschland oder aus der Türkei kommen. Falls es an einem Punkt Probleme geben sollte, müssen wir individuell darauf eingehen. Aber es ist natürlich falsch, davon auszugehen, dass Schüler mit Migrationshintergrund oder Scheidungskinder automatisch Probleme haben müssen. Das stimmt so nicht, im Gegenteil: Ich kenne in beiden Fällen Beispiele, die absolut vorbildlich und unverzichtbar waren!

Ist es nicht so, dass Lehrer heute viel mehr Möglichkeiten haben, um auf unterschiedliche Schüler individuell einzugehen?

Das würde ich auf jeden Fall sagen. Lehrer sind für die Vielfalt in ihren Klassen sensibilisiert worden. Man darf als Lehrer heute nicht mehr davon ausgehen, dass man vor 30 jungen Menschen sitzt, die alle aus Mama-Papa-Kind-Kind-Familien kommen, in denen der Papa zur Arbeit geht und die Mutter eine halbe Stelle hat und sich am Nachmittag um die Familie kümmert. Das ist nicht mehr so. Ich muss natürlich sensibel für den jeweils individuellen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler sein. Ich möchte auch wissen, wem ich da gegenübersitze.

Da müssen Sie bei 30 Schülern eine Menge im Kopf behalten.

Das ist auch so. Wenn nur 15 bis 20 Schüler in einem Kurs sind, habe ich mehr Möglichkeiten, individuell auf die Schüler einzugehen. Ich bin Klassenlehrer einer achten Klasse mit 29 Schülern. Die kenne ich natürlich alle, weil ich Klassenlehrer bin. Aber ich kenne sie bei Weitem nicht so gut, wie ich mir das wünschen würde.

Wie würde die ideale Schule für Sie aussehen?

Die Lerngruppen müssten deutlich kleiner sein. Momentan liegt die maximale Anzahl der Schüler pro Klasse im Gymnasium bei 30. Das ist viel zu hoch. 30 Fünftklässler zusammen – das ist wirklich ein Erlebnis!

Das habe ich eben in der Pausenhalle bemerkt. Kommen die Schüler die Treppen herunter, setzt sofort ein Heidenlärm ein. Schüler scheinen nicht ruhig sein zu können.

Das ist etwas, was sich über die Jahre verändert hat: Jüngere Schüler können nicht mehr flüstern. Es ist ihnen unmöglich, sich mit ihrem Sitznachbarn so zu unterhalten, dass sie auch wirklich nur der Sitznachbar hört. Das lernen die erst wieder ab der zehnten Klasse aufwärts. Einige Schüler in der fünften Klasse haben auch keinen Sinn mehr dafür, den Lehrer zu siezen. Dass ich Herr Ostermann bin, ist ihnen bewusst, es heißt dann aber: „Herr Ostermann, kannst du mal ...“. Ganz viele haben auch das Bedürfnis, immer sofort wahrgenommen zu werden: In dem Moment, in dem sie die Aufgabe gelöst haben, stehen sie auf, rennen nach vorn und rufen: „Herr Ostermann, ich bin fertig!“ In der emsländischen Dorfgrundschule, in die ich gegangen bin, mussten wir noch stillsitzen und abwarten, bis der Lehrer signalisierte, dass es weiterging. Viele Kinder heute beherrschen das nicht mehr, sie möchten ihre Bedürfnisse unmittelbar kundtun und behandelt wissen. Wir haben in der Grundschule das Stillhalten noch eingeübt. Viele Kinder heute beherrschen das nicht mehr. Kleinere Gruppen würden da sicher helfen.

Und was noch?

Seitens der Eltern wünsche ich mir das richtige Maß an Kontakt: weder Helikoptereltern, die ihrem Kind die Schultasche ins Klassenzimmer tragen, noch Eltern, die nicht wissen, wie der Klassenlehrer heißt und noch nie auf einem Elternabend waren.

Bald beginnt die Didacta, auf der auch neue Medien für den Schulunterricht vorgestellt werden. Wie wichtig sind für Sie Smartboards und Tablets für den Unterricht?

Ich liebe meine alte Tafel. Was man hier mit Kreide in verschiedenen Farben anstellen kann, das ist ganz wunderbar. Ein Smartboard braucht man natürlich, wenn man mit Video- oder Audioclips oder mit längeren Originaltexten arbeiten will – das ist im Fach Geschichte wiederum sehr wichtig. Vor ein paar Wochen haben wir in Geschichte den Mauerbau behandelt und dabei die Originalmitschnitte aus dem Rundfunk gehört. Da hat dann Walter Ulbricht erklärt, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Das macht es sehr anschaulich. Als Historiker ärgere ich mich manchmal, dass vom gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk wunderbare historische Dokumentationen hergestellt werden – die dann in den Mediatheken ein paar Wochen nach der Ausstrahlung schon nicht mehr vorrätig sind. Ich hätte gerne dann Zugriff darauf, wenn das Thema zum Lehrplan passt.

Was glauben Sie: Was wird sich in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren in der Schule ändern?

Das kommt darauf an, ob man da mit einer optimistischen oder einer pessimistischen Sichtweise herangeht. Als Pessimist würde ich sagen, dass die Inhalte immer weiter runtergeschraubt werden. Das sieht man auch heute schon. Früher musste man in einer Arbeit die Hälfte der Anforderungen schaffen, dann gab es eine Vier. Das ist nicht mehr so. Die Grenze liegt jetzt bei 40 Prozent.

Und was sehen Sie, wenn Sie als Optimist in die Zukunft blicken?

Dann sehe ich, dass der demografische Wandel dafür sorgen wird, dass weniger Schüler da sein werden. Wenn die Politik entscheidet, trotzdem keine Lehrer zu entlassen, wird man in deutlich kleineren Klassen viel individueller auf seine Schüler eingehen können. Außerdem wird sich mit neuer Technik die Vorbereitung einer Stunde und der Unterricht besser miteinander verzahnen lassen. Ich kann jetzt schon von zu Hause aus auf meinen Desktop in der Schule zugreifen. Ich kann so Seiten aus digitalisierten Schulbüchern fürs Smartboard vorbereiten. Die Kollegen an unserer niederländischen Partnerschule tragen schon jetzt ihre Hausaufgaben in ein elektronisches Klassenbuch ein. Auf diese Eintragungen haben die Schüler von zu Hause Zugriff. Das heißt: nie wieder die Ausrede „Ich wusste gar nicht, dass wir was aufhaben!“.

Sind Sie mit Ihrem Beruf zufrieden?

Im Großen und Ganzen: ja. Die Belastung ist natürlich sehr hoch. Bei meiner letzten großen Korrekturphase stapelten sich bei mir auf dem Schreibtisch etwa 600 Seiten, die ich zu korrigieren hatte. Da hatte ich mehrere Wochenenden durchkorrigiert.

Sind das Momente, in denen Sie am Lehrerberuf zweifeln?

Zweifeln nicht. Aber es sind Momente, in denen mein Freundeskreis damit leben muss, dass ich mich mit bisweilen drastischen Worten über Korrekturen und Bürokratie auslasse.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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