Zehn Jahre nach der Tsunami-Katastrophe

„Die Welle war ein Zeichen Gottes“

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„Wenn Allah es will, ...“: Viele Überlebende in Banda Aceh können die Katastrophe nur durch ihren Glauben verarbeiten.

Banda Aceh - Es war eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit: Erst ein Erdbeben, dann ein gewaltiger Tsunami – innerhalb von Minuten waren die Stadt Banda Aceh und die umliegende Küste dem Erdboden gleichgemacht. Zehn Jahre nach der Katastrophe wächst in Banda Aceh bescheidenes Glück – und eine neue Religiosität.

Rozma Wardhanis Lieblingsfarbe muss Rot sein. Der kopfbedeckende Hijab, den sie für’s Foto geschwind aus dem Kleiderschrank holt und über ihr fröhlich mit Blumen und Karos verziertes Hemd zieht, ist ebenso rot wie die Polsterung auf dem schweren Holzsofa im Wohnzimmer. Steif stellt sich Rozma Wardhani neben ihrem Mann Baharuddin im Wohnzimmer des kleinen Hauses auf, in dem die beiden seit ein paar Jahren leben. An der Wand hängt ein Foto des fünfjährigen Sohns Ikram. Der Junge im gelben Hemd schmiegt sich an Vettern und Cousinen.

Wie Zinnsoldaten stehen Rozma und Baharuddin da. Sie sind stolz auf ihr Zuhause, einen Bau aus Zementwänden, drei kleine Zimmer, ein Anbau. Sie sind auch stolz auf ihren Jungen, den Fünfjährigen. Wenn ihr Leben anders verlaufen wäre, ohne das große Unglück, wären die beiden heute eher Großeltern eines Fünfjährigen als Eltern. 56 ist er, 40 ist sie. Fast trotzig demonstrieren die beiden Familienglück – zehn Jahre nachdem der Tsunami vom zweiten Weihnachtstag 2004 ihnen ihre Familien genommen hat.

Rozma war bis zu jenem Tag eine junge, fröhliche Mutter. Als die Welle kam, verlor sie ihren Ehemann, ihre Kinder, fast alle Verwandten. „Nein“, sagt die drahtige Frau und schaut ihrem neuen Gatten in die Augen, „Liebe war es anfangs nicht. Ich habe etwas Sicherheit gesucht.“

Naturkatastrophe tötete fast eine Viertelmillion Menschen

Es war eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit: Erst ein Erdbeben der Stärke 9,1, dann ein gewaltiger, bis 30 Meter hoher Tsunami – innerhalb von Minuten waren die Stadt Banda Aceh und die umliegende Küste dem Erdboden gleichgemacht. Die gigantische Walze aus Wasser, Schrott, Holz, Autos, Schiffen tötete entlang der Strände des Indischen Ozeans von Sri Lanka bis Thailand fast eine Viertelmillion Menschen. In der indonesischen Provinz Aceh kostete die Katastrophe mit etwa 170.000 Opfern die weitaus meisten Menschenleben.

In Lam Teungo, einem Fischerdorf ein paar Kilometer westlich von Banda Acehs Hafen Ulhee-lhee, hatten gerade mal vier Frauen die gewaltige Welle überlebt. Irgendwann ist es Rozma und den drei anderen unheimlich geworden. Ein paar Dutzend Männer gab es noch im Dorf. Nach Monaten des Schmerzes über den Verlust ihrer Familien häuften sich gewalttätige Übergriffe der einsamen Männer gegen die wenigen Frauen.

Ehemann Baharuddin gibt freimütig zu, dass auch er sich damals aus ziemlich pragmatischen Gründen zum Heiraten entschloss. „Ich war allein, ich brauchte nachts jemand neben mir“, sagt er und beschreibt damit die Seelenlage vieler Überlebender in den ersten Jahren nach der Katastrophe. „Tsunami Ehe“ werden Partnerschaften wie die der Wardhanis in Aceh genannt. In Lam Teungo hat sich die Zweckpartnerschaft in bescheidenes Glück verwandelt, als ihr Sohn geboren wurde.

„Wir haben Glück, weil wir noch einmal ein Kind bekommen haben“, sagt Baharuddin. Das Wohnzimmer wirkt, als ob das Leben der Eltern erst am Tag von Ikrams Geburt begonnen habe. „Doch, doch“, beteuern Rozma and Baharuddin wie aus einem Mund, „wir haben noch Bilder von unseren früher Familien. Wir wissen gerade nur nicht, wo wir sie verstaut haben.“

Der Tsunami

Rund 230 000 Menschen kamen ums Leben, darunter 550 Deutsche. Bis zu 3 Millionen Menschen wurden obdachlos. Die Stärke des Bebens lag zwischen 9,1 und 9,3. Am schwersten betroffen war die indonesische Provinz Aceh. Besonders schwer traf es zudem Sri Lanka, Indien und Thailand. Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe kamen 2005 insgesamt 670 Millionen Euro an Spenden zusammen.Die Bundesregierung stellte 20 Millionen Euro für humanitäre Hilfe und 500 Millionen für Nothilfe und Wiederaufbau bereit.

Aber in der rechten, mit einem schweren Ring verzierten Hand hält der Mann mit dem fast kahlen Schädel die Fotokopie eines alten Faltblatts, das beredtes Zeugnis von den ersten schweren Wochen nach der Katastrophe ablegt – Wochen ohne Familien, ohne Unterkunft und mit wenig Nahrung. Das Flugblatt wurde nach der Katastrophe von der indonesischen Helfertruppe Uplink gedruckt. Es zeigt den ausgezehrten Baharuddin. Daneben steht ein Gedicht, das er verfasste: „Jeden Tag kommen die Tränen, ich habe so viele Fragen, die ich meinen Kindern noch stellen möchte, aber es gibt sie nicht mehr.“

Wie ein Roboter erzählt Baharuddin von den Minuten, als die Welle sein Dorf erreichte und das Leben zerstörte. Er rattert die Sätze herunter, als er von der Tochter erzählt, die in seinen Armen starb. „Das Gedicht habe ich damals gebraucht, um die Tragödie zu verarbeiten.“ Er erlaubt keine Unterbrechung, als er von den Stunden nach der Katastrophe berichtet, in denen er mit anderen Überlebenden versuchte, inmitten des Morasts eine Feuer zu entfachen.

Die Tsunami-Katastrophe löste damals weltweit eine immense Spendenwelle aus. „Als die internationalen Hilfsorganisationen kamen, haben sie häufig versucht, uns Dörfer richtiggehend abzujagen“, erinnert sich der Architekt Yuri Kusworo, der mit Uplink in Aceh war. Am Anfang half die Organisation, die in alle Himmelsrichtungen verstreuten Überlebenden des Dorfes zu suchen und nach Hause zurückzubringen. Ein großer Teil der 17,2 Millionen, die die deutsche Hilfsorganisation Misereor für den Wiederaufbau Acehs ausgegeben hat, floss in Uplink-Projekte. Bis heute stehen wie Museumstücke zwei Hütten in Lam Teungo, die als erste Notunterkünfte in dem Dorf dienten.

Lam Teungo galt als Hort der Untergrundbewegung GAM, die lange für die Unabhängigkeit der Provinz Aceh kämpfte. In den ersten Wochen nach der Flut wagte sich deshalb kaum eine Hilfsorganisation in den Flecken. Als acht Monate nach dem Tsunami eine Friedensvereinbarung zwischen der Gruppe und Indonesiens Regierung abgeschlossen wurde, verzichtete Baharuddin bald im Namen des Dorfes auf weitere Aufbauhilfe von Uplink. Die Gruppe hatte den Bau von hölzernen Pfahlhäusern vorgeschlagen, die einen gewissen Schutz vor Erdbeben und Überschwemmungen geboten hätten. Baharuddin aber waren die Betonhäuser auf flachem Boden lieber, mit denen die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau lockte. „Wenn Allah es will, hilft uns sowieso nichts“, sagt er, und bis dahin lebt er lieber in einem Haus, das etwas hermacht.

Religiosität der Einwohner seit der Katastrophe immens angestiegen

Das klingt gottergeben. Die Religiosität der Einwohner von Banda Aceh ist seit der Katastrophe tatsächlich immens angestiegen. „Wir glauben, dass die Welle ein Zeichen Gottes war“, sagt die 40–jährige Nely aus dem Dorf Beurandang am Stadtrand von Banda Aceh. Sie hockt im strömendem Regen unter dem Vordach eines Kinderzentrums, das nach dem Tsunami von der deutschen Hilfsorganisation Terre des Hommes aufgebaut wurde. Eine kleine Plakette erinnert an die Organisation, die in dem Dorf mehreren Familien mit Kleinkrediten einen wirtschaftlichen Neuanfang ermöglichte. Darüber hängt ein weitaus größeres Schild, das auf eine neue Funktion des Gebäudes hinweist: Mehrmals in der Woche gibt es im Kinderzentrum nun Koran-Unterricht für die Dorfkinder.

Die wichtigste Lektion jedoch lernen die Kinder von Beurandang szu Hause. „Wenn sie vier oder fünf Jahre alt sind, erzählen wir ihnen vom Tsunami und erklären, was sie tun müssen“, sagt Nely. Und dann erzählt sie, mit welcher Begeisterung die Jungen und Mädchen bei einer in ganz Aceh angesetzten Tsunami-Übung im Oktober geholfen hätten, alte Leute auf einen nahegelegenen Hügel zu bringen. Architekt Kusworo ist weniger euphorisch: „Es war die erste Übung in zehn Jahren, und sie war schlecht organisiert“, sagt er. „Ich fürchte, viele Leute haben die Lektionen von damals schon wieder vergessen.“

Willi Germun

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