Die Glöckner von St. Michaelis

Diese Männer machen Musik mit einem 1,8-Tonner

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Vorbereitung zum Glockenspiel: Günther Zamel wickelt ein Seil um den Klöppel einer Glocke in der St-Michaelis-Kirche.

Lüneburg - Ihre Instrumente wiegen zwischen 400 Kilogramm und 1,8 Tonnen und hängen 30 Meter über dem Erdboden. Günther Zamel und Tilman von Cramer gehören zur Glöckner-Gilde der Lüneburger St.-Michaelis-Kirche.

Wenn die Männer auf ihrem neuen Instrument spielen, nehmen sie mitunter einen DIN-A4-Zettel mit. An zu viele Schalter müssen die Musikschüler denken - und zu viele Zeugen haben sie, wenn sie einen vergessen.

„Dass das große Geläut einer Kirche per Hand zu spielen ist und die neun Glocken dann auch noch eine Tonleiter bilden, ist eine echte Rarität“, sagt Kantor Henning Voss (45). Herbert Lühr, der bis 2011 jahrzehntelang in der Altstadtkirche geläutet hat, schrieb in den sechziger Jahren, dies sei eine deutschlandweite Rarität.

Glöckner-Gilde aus zehn Personen

Als der Glöckner mit Anfang 90 sein Amt aufgab und sein Sohn ebenfalls nach Jahrzehnten den Dienst quittierte, stand die Gemeinde zwar mit einem großartigen Instrument da - aber ohne Musiker. Kantor Voss gründete die Glöckner-Gilde: Etwa zehn Frauen und Männer hatten Lust, ein Instrument zu lernen, auf dem sie nicht üben können, und bei dem die gesamte Altstadt Lüneburgs mithört, wenn sie es spielen.

Wie Günther Zamel und Tilman von Cramer. Sobald sie sonntags um neun Uhr die schiefen Stufen zum Turm hinaufgestiefelt sind, steuert einer von ihnen den Sicherungskasten an. Die Elektrik muss ausgeschaltet sein, damit die Stundenglocke nicht gerade in dem Augenblick losdonnert, während sie das Seil um den Klöppel wickeln wollen.

Zahlen statt Noten

Das Tau endet an großformatigen Holztasten. Jeder Hebel reagiert anders, einer wäre mit einem einzigen Finger zu spielen, ein anderer nur mit vollem Körpereinsatz. Notenlesen können muss ein Glöckner übrigens nicht: Gespielt wird nach Zahlen. Eine fette Zahl ist eine halbe Note, eine normale eine Viertel, eine dünne eine Achtel. Und eine Eins ist die Glocke Nummer Eins.

„Mir war sofort klar, dass ich das machen möchte“, erzählt Tilman von Cramer in seiner Spielpause an diesem Sonntagmorgen. „Das ist ein einmaliges Instrument und eine einmalige Chance.“ So einmalig, dass der Spieler schon mal in Rausch geraten und abseits der Zahlen spielen kann, wie Günther Zamel lächelnd gesteht: „Das Spiel hier oben ist wirklich berauschend.“

Häufigste Einsätze im Dezember

Seit etwa 1490 existiert das Glockenspiel in seinen Anfängen, eine stammt noch aus einem Vorgängerbau der Kirche aus dem Jahr 1200. Als die Lüneburger 1371 ihren Herzog vertrieben und seine Burg auf dem Kalkberg zerstörten, zog die Kirche hinunter in die Altstadt, und 120 Jahre später goss der berühmte Niederlänger Gerhard van Wou zwei weitere Glocken für St. Michaelis II. Ihre ersten Choräle spielen die Glöckner gegen 9.30 Uhr, danach müssen sie die Glocken neun und zehn von ihren Seilen befreien und ans Stromnetz anschließen - sonst wäre es zum Vaterunser in der Kirche still.

Sobald dann das Handy im Glockenstuhl klingelt und der Küster Bescheid gibt, dass der Gottesdienst beendet ist, stellen sie wieder um auf manuellen Betrieb: für die Schlusschoräle. Und dazwischen? „Da gucken wir aus dem Fenster“, sagt Günther Zamel und lacht. Oder sie steigen hinunter zu den Kollegen der Kantorei und singen mit - je nach Laune, und vor allem je nach Temperatur. Denn die häufigsten Einsätze bietet der Dezember - und da wärmt auch die beste Thermowäsche nicht so lange, wie ein Gottesdienst dauert. Derzeit läuft der zweitwichtigste Monat für Lüneburgs Glöckner: Konfirmationen zuhauf, Himmelfahrts- und Pfingstgottesdienste. Dies geht auch ohne Thermowäsche.

Carolin George

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