Seit 35 Jahren verschwunden

Wo ist Dirk?

Ein Altar der Kindheit: Heidi Steins Schreibtisch.

- Vor 35 Jahren verschwand der kleine Sohn von Heidi Stein. Seither sucht sie vergebens nach ihm. Eine Spur führt zur Stasi – und die meisten anderen ins Nichts.

Im Leben mancher Menschen gibt es einen Moment, der alles verändert. Alles trennt in davor und danach. Heidi Stein ist so ein Mensch. Ihr Danach begann vor 35 Jahren. Es begann am 10. März 1979. Vormittags. Eigentlich war es nur diese eine Frage, die Heidi Stein ihrer sechsjährigen Tochter Silvia stellte, als sie zurückkam vom Spielen an einem kleinen Bach. Auf einem Parkplatz nahe Sangerhausen im Harz, damals noch DDR. Nur eine Frage: „Wo ist Dirk?“

28 Jahre alt war sie damals. Heute ist sie 63. Mehr als ein halbes Leben lang schon stellt sie sich und anderen nun immer wieder diese Frage. Weil ihr Sohn, der damals dreieinhalb und ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war, den sie „mein kleines Teufelchen“ nannte, „weil er so bockig sein konnte,“ nie mehr auftauchte seitdem. Weil die Ungewissheit sie zermartert. Ob Dirk lebt oder nicht. Wüsste sie zumindest von seinem Tod, dann fände sie vielleicht Ruhe. Aber sie hat nur düstere Ahnungen, Vermutungen. Die früh schon nach dem Verschwinden ihres Sohnes in ihr keimten.

Viele haben sie gedrängt im Laufe der Jahrzehnte, endlich abzuschließen damit. Ihr Mann von damals, Vater von Dirk, ihre beiden Töchter und auch ihre Mutter. Der sie sagte, dass es für sie ja nur ihr Enkel sei. Sein Kind aber könne man nie aufgeben. Den Töchtern, Silvia und Claudia, die zwei Jahre nach Dirk geboren wurde, sagte sie: „Für euch wäre es doch auch ein schönes Gefühl, wenn ihr je verschwinden würdet und ich würde euch immer suchen und nie vergessen.“ Ihrem Mann nahm sie übel, dass der, nach ihrer gemeinsamen Ausreise in den Westen 1988, ganz neu anfangen wollte. Endlich ohne ständige Gedanken an die Vergangenheit.

Kameras gegen die Angst vor der Stasi

Heidi Stein lebt heute mit ihrem Lebensgefährten vier Kilometer außerhalb der Gemeinde Isenbüttel, gelegen zwischen Braunschweig und Wolfsburg. In einem hölzernen Bungalow der Ferienhaussiedlung „Tankumer See“. Still ist es hier, Wald ringsum. Ein Refugium, das sie selten verlässt. Zweimal die Woche geht sie schwimmen. Und alle zwei Wochen zum Psychologen. Auch wegen ihres Verfolgungswahns gegenüber der Stasi, der in den Jahren diagnostiziert wurde.

Sie kocht Kaffee, stellt die Kanne auf den Schreibtisch, zwischen die vielen Papiere, die dort ausgebreitet liegen. Flyer mit dem Bild ihres Sohnes, Abschriebe aus der Ermittlungsakte vom Tag des Verschwindens und der Folgezeit, die Strafanzeige, die ihre Anwältin, die vierte schon im Laufe der Jahre, vor Kurzem erst stellte gegen Unbekannt. „Wegen des Vermisstenfalls Dirk Schiller, geboren am 13.06.1975, vermisst seit dem 10.03.1979.“ Dokumente einer Mutter ohne Frieden.

Die ist eine mittelgroße Frau mit unbeugsamem Willen und einer gewissen Sturheit. Sie trägt eine Perlenkette und an den Fingern zwei goldene Ringe. Ihr Haar ist blondiert und nach hinten gezähmt. Die blauen Augen sind Fragezeichen, auf nichts Bestimmtes gerichtet, als wolle der Blick ankern an einem Ort jenseits von Hier und Jetzt. Nur manchmal, für einen kurzen Augenblick, bewegt er sich zu einer kleinen Kamera neben dem Fernseher, die den Bereich vor dem Haus überwacht. „Das ist meine Macke,“ sagt sie. Aus Vorsicht, weil sie noch immer Angst habe vor der Stasi. Und aus Hoffnung, für den Fall, dass Dirk irgendwann doch noch mal vor der Tür steht. Den sie wiedererkennen würde. Da ist sie sich sicher.

Größte Hoffnung, größte Sorge: Welche Rolle spielte die Stasi?

Über dem Schreibtisch hängt ein Phantomfoto von Dirk. „So wie er heute sein könnte.“ Vor Kurzem ließ sie es von einem Fachmann anfertigen. Auf der Grundlage von Bildern ihres Cousins, dem Ex-Mann, einem Neffen und ihr selbst, „als ich in Dirks jetzigem Alter war.“

Im Januar 1979 liegt Post von ihrer Arbeitsstelle im Briefkasten. Persönlich adressiert an Heidi Schiller, wie sie damals heißt. Die VEB Kohlekraftwerke „Völkerfreundschaft“ im sächsischen Görlitz, wo sie als Erzieherin für Lehrlinge unter 18 Jahren arbeitet, gratuliert ihr zur zehnjährigen Betriebszugehörigkeit. Und spendiert ihr aus „Anerkennung für ihre Verdienste“ einen zweiwöchigen Familienurlaub im Erholungsheim Stollberg im Erzgebirge. Sie freut sich. Weil sie nicht damit rechnet. Ihre Mutter ist zwar stramme Genossin, sie selbst aber war weder Mitglied der FDJ noch ist sie nun in der SED. Was sie öfter schon von ihrem Vorgesetzten vorgehalten bekam.

Ansonsten aber sind die Schillers eine glückliche Familie. Den Umständen entsprechend. Mit guten Anstellungen, auch ihr Mann arbeitet in der „Völkerfreundschaft“, und dem ordentlichen Häuschen mit großem Gemüsegarten in Görlitz.

Was das Glück zu der Zeit trübt, ist die Tatsache, dass sie eigentlich mit vier Kindern in den Urlaub fahren könnten. Aber 1970 starb acht Monate nach der Geburt ihr erstes Kind, Heiko, weil er ohne Milz zur Welt kam. Und 1974 erstickte Edgar, knapp ein Jahr alt, nachts in seinem Kinderbett. Immerhin hatten sie noch Silvia und Dirk, sechs Jahre alt die eine, dreieinhalb der andere. Kurz nach Dirks Geburt sagte ihr Mann einmal: „Im Himmel wären wir eine Großfamilie.“

Stasi-Wagen auf dem Parkplatz

Am Ende eines bitterkalten Februars fahren sie los, knapp 250 Kilometer bis nach Stollberg. Auf der Fahrt möchte Dirk oft aufs Klo, trinken, essen, spielen. „Da hat er wieder seinen Bock gehabt“, sagt Heidi Stein. „Aber man konnte ihm nie böse sein, so niedlich wie er war.“ Der Urlaub vergeht rasch, „weil die Zeit immer schnell vergeht, wenn man glücklich ist.“ Am letzten Tag, einem Samstag, 10. März 1979, möchten sie noch die „Heimkehle“ besuchen, die größte Gipshöhle in der DDR, eine Stunde entfernt im Harz. Gleich nach dem Frühstück fahren sie hin. Kaufen unterwegs noch ein für die Rückfahrt. Sind trotzdem zu früh dort, weil in den Wintermonaten die Höhle erst ab zehn Uhr geöffnet ist. Sie gehen zurück zum Parkplatz, wo außer ihrem Trabant nur ein dunkelblauer Moskwitsch steht. Ein großes, seltenes Fabrikat, wie es nur höhere Parteikader fahren. Sie wollen ihn sich aus der Nähe anschauen, „weil Dirk so fasziniert war von Autos.“

Sie erkennen aber, dass jemand darin sitzt und drehen ab, laufen zusammen hinunter zu einem Bach, der wegen der Kälte der letzten Wochen bis auf den Grund gefroren ist. Die Kinder spielen, die Eltern gehen kurz zurück zum Wagen, kaum außer Sichtweite des Baches, die Einkäufe vom Fußraum des Beifahrersitzes in den Kofferraum umzuräumen, in fünf Minuten seien sie wieder da. Gravierenden Ereignissen gehen oft banale Dinge voraus. Fünf Minuten später läuft ihnen Silvia, die Tochter, entgegen. Und die Mutter fragt: „Wo ist Dirk?“ Silvia dreht sich um und sagt, dass er eben noch hinter ihr war.

Ab nun beginnt das Danach im Leben von Heidi Stein.

Für einige Momente noch ist sie ruhig. Gemeinsam suchen sie die Gegend ab. Laufen ein paar Hundert Meter den Bach entlang. Ihr Mann tritt auf das Eis. Nichts regt sich, nichts kracht. Eingebrochen sein kann er nicht. Sie schreien nach Dirk. Keine Antwort. Dann schnürt ihnen die aufkommende Panik im Innern den Hals zu. Der blaue Moskwitsch ist verschwunden vom Parkplatz. Doch das fällt Heidi Stein erst später ein. Sie rennen zur Höhle, die inzwischen geöffnet ist. Der Pförtner informiert Feuerwehr und Polizei im nahen Sangerhausen. Die suchen und finden nichts.

Ein halbes Leben vergeht

Schillers bleiben. Suchen tags darauf noch einmal die Gegend ab. Dann fahren sie zu dritt zurück nach Görlitz. Dreißig Jahre ist das nun her. Mehr als ein halbes Leben. In dem sie im Gefängnis saß, geschieden wurde von ihrem ersten Mann und Witwe vom zweiten. In dem sie Enkel bekam von ihren beiden Töchtern. Und vor fünf Jahren noch mal einen Mann kennenlernte. In dem die Zeit vielleicht alle Wunden hätte heilen können. „Wenn“, wie sie manchmal denkt in ihren dunkleren Stunden, „nicht die Zeit selbst vielleicht die Krankheit ist.“

Bei der Polizei in Sangerhausen gibt sie eine Vermisstenanzeige auf. Fünf Wochen später ruft man sie zurück. Ihr Sohn sei tot. Ertrunken. Eine Leiche gäbe es nicht. Der Junge sei wohl mit der Strömung in den nächstgrößeren Fluss getrieben worden. „Das ist unmöglich,“ ruft sie ins Telefon. Der Bach sei bis zum Grund zugefroren gewesen. Außerdem sei ihr ein blauer Moskwitsch eingefallen, Leipziger Kennzeichen, der auch auf dem Parkplatz gestanden habe. Ob denen nichts aufgefallen wäre? Man werde sich darum kümmern. Und wegen der anderen Sache: Man schicke ihr Fotos vom Tatort. Die würden das Gegenteil beweisen.

Sie wühlt in einem Stapel auf dem Schreibtisch. Zieht Fotos mit einem Gelbstich heraus. Klopft in kurzen Abständen mit den Fingern auf sie. „Hier,“ ruft sie, „das sind sie.“ Man erkennt den Bach darauf, einen geschotterten Parkplatz und die Wiese. Schnee liegt keiner mehr und das Wasser fließt. „Die haben die Fotos irgendwann später gemacht!“

Wochen vergehen. Monate. Ein halbes Jahr. Jeden Tag ruft sie an in Sangerhausen. Beginnt, Suchanzeigen in Zeitungen zu schalten. Weil sie nicht daran glaubt, was ihr die Behörden sagen. Weil in ihr Zweifel aufsteigen, ob die Behörden ihn überhaupt je finden wollten. Weil sie es einfach nicht wahrhaben möchte. Diese unerträgliche Situation. Nicht vor allem nach dem, was sie schon erlebte, als Mutter. „Aber von meinen beiden anderen Kindern wusste ich wenigstens, wo sie beerdigt sind.“ Zu Hause in Görlitz ließ sie das Zimmer von Dirk unberührt, so wie es war, seit sie in den Urlaub fuhren. Nur seinen Lieblingsteddy mit dem abgezupften Mund legte sie in sein Bett. Die beiden Zimmer der Kinder gingen nach Süden. Weil Heidi Stein damals dachte: „Wenn Kinder sonnige Zimmer haben, bekommen sie auch ein sonniges Gemüt.“

„Unterschreiben Sie die Todeserklärung.“

Es ist Herbst 1979, als man Heidi Stein und ihrem Mann ausrichten lässt, dass sie morgen nicht zur Arbeit zu kommen brauchen. Sie sollen zu Hause bleiben. Ein Funktionär aus Berlin habe sich angekündigt, um sie über den neuesten Stand im „Fall Dirk“ zu informieren, wie es mittlerweile heißt. Hoffnung. Aber sie hören nichts anderes von ihm. Dirk sei tot. Nur sollten sie ihn nun endlich auch offiziell für tot erklären. Nach einem halben Jahr. Sie fragt ihn, ob man wirklich nichts gefunden habe. Ob man nicht endlich die Halter des Moskwitsch ermittelt habe. Ja, schon längst. Aber die hätten es mit Sicherheit nicht nötig, ein Kind zu entführen. „Zum ersten Mal habe ich das Wort Entführung gehört,“ sagt Heidi Stein, „obwohl ich es so gar nicht gemeint habe.“ Der Mann verabschiedet sich: „Unterschreiben Sie die Todeserklärung.“

Nach dem Verschwinden von Dirk empfindet Heidi Stein diesen Besuch als zweiten Schlüsselmoment ihres Lebens. Weil sie von nun an endgültig daran glaubt, die Stasi habe ihren Sohn entführt. Dass er ein weiterer Fall von Zwangsadoptionen wurde. Die unter den Bürgern der DDR ein offenes Geheimnis waren. Nur dass die meisten Kinder ihren Müttern, meist alleinerziehend und vor allem nicht linientreu, schon kurz nach der Geburt weggenommen wurden.

Hilfe erwartet sie von jetzt an nur noch vom Westen. Die Schillers stellen einen Ausreiseantrag. Dessen Genehmigung sich über Jahre schleppt und am Ende abgelehnt wird. Aber Heidi Stein will weiterkämpfen. Ihrem Mann kommen da zum ersten Mal leise Zweifel am Sinn dieses Kampfes. Der Tod von Dirk ist nun schon fast vier Jahre her. Länger, als er bei ihnen lebte.

„Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber nicht mehr aufhören,“ sagt sie. Zu viel hatte sie schon investiert. Liebe, Zeit, ungezählte Nächte, in denen sie wach lag und es am schlimmsten war, weil nachts die Sinne am schärfsten sind. Wie er lebt und wo. Und ob überhaupt.

Fünfzehn Monate Gefängnis – mit Mördern und Vergewaltigern

Oft bekommt sie Schweißausbrüche wegen ihrer angegriffenen Nerven. Weshalb sie vor fünf Jahren in Frührente ging. Was für sie Fluch und Segen ist. Seitdem ist die Ablenkung der Arbeit weg und noch mehr Zeit für die Suche nach Dirk.

Nachdem das Regime von den Hilferufen in den Westen erfuhr, verhaftete man die Schillers. Sie hatte gerade Claudia, die kleinere Tochter, in den Kindergarten gebracht. Ihr Mann saß schon im Wagen. Viereinhalb Jahre Bautzen. Wegen Paragraf 99, landesverräterische Nachrichtenübermittlung: „Es ist ausdrücklich verboten, ausländischen Organisationen Informationen zukommen zu lassen, die zum Nachteil der Interessen der DDR gerichtet sind.“ Nach fünfzehn Monaten Haft, in denen sie mit Mördern und Vergewaltigern zusammensitzen, werden sie von der Bundesrepublik freigekauft und können im Mai 1985 mit den beiden Kindern in den ersehnten Westen reisen. „Ein befreiendes Gefühl.“ Aber es hält nicht lange vor.

Ende der Achtziger lassen sie sich scheiden. Bei der Scheidung sagt er nur noch: „Lass es mich wissen, wenn du ihn gefunden hast.“ Sie arbeitet hart. Erkämpft sich eine Stelle als Vertreterin für Putzmittel, lernt einen neuen Mann kennen und heiratet ihn. Alles sollte gut sein. „Für den Fall, dass er auf einmal wieder da ist.“ Ihre Tochter Silvia zieht schon mit 17 aus von zu Hause. Dass immer wieder Dirk das Thema ist, erträgt sie nicht länger. Nach zehn Jahren ist die Frage „Wo ist Dirk?“ für sie verjährt und die Suche ihrer Mutter gleicht für sie immer mehr einem kranken Wahn. „Und Claudia wollte auch nichts mehr wissen davon.“

Dann fiel die Mauer, es kam die Wiedervereinigung und Heidi Stein fuhr hinüber nach Magdeburg, wo die Akte über ihren Sohn nun einsehbar wurde. Mehrere Hundert Seiten. Sie las und las. Und irgendwann stieß sie auf einen Satz, den die Zentrale Koordinierungsgruppe der Staatssicherheit in Berlin der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig schrieb. Bezüglich des dunkelblauen Moskwitsch auf dem Parkplatz. „Bei möglicher Identifizierung sind keinerlei Maßnahmen einzuleiten. Fehlmeldung ist zu geben. Leiter der Abteilung Uhlmann, Oberst.“

Benommen verlässt sie das Gebäude. Es geht weiter.

Zum ersten Mal wieder ernsthafte Hoffnung

Anfragen an Staatsanwaltschaften und andere bundesdeutsche Behörden. Die sehen keinen Anlass mehr, nach ihm zu suchen. Drucken Tausender Flyer mit Dirk darauf. Sie gründet einen Verein, „Netzwerk für Stasiopfer“. Ende der Neunziger stirbt ihr zweiter Mann an Krebs.

Vor einem Jahr zum ersten Mal wieder ernsthafte Hoffnung. Der Vatikan antwortete auf ihr Hilfsbegehren hin, man werde den vatikanischen Suchdienst einschalten. Doch der fand nichts.

Das Phantombild über ihrem Schreibtisch ist die neueste Hoffnung. Sie will es zu „Aktenzeichen XY“ schicken.

Und wenn er dann vor ihrer Türe steht? Irgendwann? Vielleicht? Wie wird es sein? „Hm,“ sagt sie, hält die Hand vor den Mund und schüttelt den Kopf. „Ich weiß ja nicht, wie er reagiert.“ Sie würde versuchen, ihn zu umarmen. „Aber vielleicht haben die ihm ja gesagt, seine Mutter war eine Verbrecherin.“ Nur über eines ist sich sicher. Am Ende hätte sie doch noch so etwas wie Frieden gefunden.

„Dirks Fall ist untypisch“

Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Regensburg und an der FU Berlin promovierte Marie-Luise Warnecke im Dezember 2007 über das Thema „Zwangsadoptionen in der DDR“.

Frau Warnecke, Sie forschen zur Zwangsadoption in der DDR. Für wie wahrscheinlich halten Sie das Vorgehen, wie im Fall Dirk geschildert? Das ist eine mir völlig neue Konstellation. Ich kann nicht beurteilen, ob das wahr ist oder nicht, ich kann nur sagen: Es wäre ein sehr atypisches Vorgehen. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch Kinder entführt hat. Ich will hier nichts relativieren. Meine Untersuchungen haben schließlich ganz klar ergeben: In der DDR waren Zwangsadoptionen möglich und haben stattgefunden. Wie viele Fallakten möglicherweise in den Wirren des Umbruchs vernichtet worden sind, ist völlig unklar.

Beim Opferverband „Hilfe für Opfer von DDR-Zwangsadoptionen e.V.” ist von über 300 Zwangsadoptionen die Rede. Sie haben in Ihrer Dissertation nur neun Fälle untersucht. Welche Zahl ist denn richtig? Um diese Frage beantworten zu können, müsste man bei allen Adoptionsvermittlungsstellen, die in der DDR tätig waren, Akteneinsicht beantragen, sich diese Akten ansehen und ermitteln, was tatsächlich passiert ist. Das geht aber nicht: Dagegen sprechen der Datenschutz, die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen – und es würde vermutlich auch niemand bereit sein, eine solche Mammutaufgabe zu übernehmen. Ohne handfeste behördliche und gerichtliche Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass man Kinder ihren Eltern entzogen hat, weil diese politisch missliebig aufgefallen sind, kann man aber keine genaue Fallzahl ausmachen oder sagen: 300 Fälle sind verifiziert.

Gab es überhaupt etwas wie den „typischen Fall“? Eben nicht. Wenn ich in meiner Analyse immer das gleiche Verhaltensmuster von Behörden und Gerichten gefunden hätte, hätte ich deutlich sagen können: Es ist davon auszugehen, dass es viel mehr Zwangsadoptionen gegeben hat. Konnte ich aber nicht, weil es sehr unterschiedlich abgelaufen ist. Ich konnte auch nicht nachweisen, dass das MfS oder Frau Honecker als Ministerin für Volksbildung einen unmittelbaren Einfluss in Gestalt allgemeinverbindlicher Weisungen ausgeübt haben. Diese Gerüchte kursieren ja. Was wiederum eher für höhere Fallzahlen spricht, ist der Umstand, dass die von mir untersuchten Fälle nicht nur einem örtlichen Bereich der DDR zuzuordnen sind, sondern im ganzen Land gesammelt wurden. Es entsteht der Eindruck, dass man seitens der Behörden generell sensibilisiert war in Fällen, in denen die Eltern beispielsweise durch versuchte Republikflucht aufgefallen sind, auch bei den Kindern und in der Erziehungsrechtsfrage noch ein bisschen genauer hinzugucken.

Was war Zwangsadoption dann eigentlich genau? In Erweiterung des Verständnisses der Clearingstelle, die bis 1993 mit dem Thema befasst war, bedeutet Zwangsadoption für mich: Sie haben zunächst intakte Familienverhältnisse. Die Eltern wollen raus aus der DDR oder in sonstiger Form von Freiheitsrechten Gebrauch machen, die es dort nicht so wie in der Bundesrepublik Deutschland gab. Daraufhin wurden sie auffällig und später inhaftiert. Ihre Kinder gelangten in behördliche Obhut, also in ein Heim, und wuchsen dort auf oder wurden adoptiert. Es gab außerdem den Tatbestand der Asozialität, der in diesem Zusammenhang aber überhaupt nicht näher ergründet ist. Ich plädiere darum für einen eher restriktiven Umgang mit dem Begriff der Zwangsadoption und hypothetischen Fallzahlen.

Das Familiengesetzbuch (FGB) der DDR wurde im Rahmen des Einigungsvertrages anerkannt. Hat man die Fälle von Zwangsadoption also im Nachhinein ein zweites Mal legitimiert? Nein. Grundsätzlich wurde das FGB zwar anerkannt, man hat aber auch gesehen – und das ist ein großer Verdienst der „Spiegel“-Kampagne, mit der das Thema Zwangsadoption in den siebziger Jahren erst richtig in das Bewusstsein der Bundesrepublik gerückt worden ist –, dass es Fälle gegeben haben muss, in denen das nicht ganz sauber gelaufen ist. Man hat dann im Einigungsvertrag erst eine einjährige und dann mit dem sogenannten Adoptionsfristengesetz eine insgesamt dreijährige Anfechtungsfrist vorgesehen für Fälle, in denen eine Adoption stattgefunden hat mit Ersetzung der elterlichen Einwilligung oder gänzlich ohne elterliche Einwilligung.

Interview: Charlotte Schrimpff

Von Marco Lauer mit Bildern von Kathrin Harms und Esteve Franquesa

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