Musikprojekt

Domkantor will mit Schülern rocken

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Foto: „Klasse, wir rocken“ ist sein nächstes Projekt: Gerd-Peter Münden.

Braunschweig - Gerd-Peter Münden hat „Klasse, wir singen“ erfunden und träumt nun von einer Neuauflage des größten Liederfests des Landes. Dieses mal soll es rockiger werden: Wenn es nach dem Domkantor aus Braunschweig geht, soll „Klasse, wir rocken“ genau so viele Menschen begeistern.

Jeder kann singen. Meint zumindest Gerd-Peter Münden. „Leider trauen sich viele nicht.“ Der 46-jährige Domkantor aus Braunschweig bringt Menschen zum Singen, klassenweise, in ganz Niedersachsen und darüber hinaus. Was im Jahr 2007 in der Region Braunschweig mit zehn Konzerten und 28000 Kindern und Lehrern begonnen hatte, wurde 2011 zum größten Liederfest des Landes: Mehr als 135.000 singende Kinder von der 1. bis zur 7. Klasse, dreimal so viele Zuschauer - meistens die stolzen Eltern und Großeltern - bei insgesamt 83 Konzerten. Am Ende singen auch die Erwachsenen. „Selbst die, die anfangs mit verschränkten Armen auf ihren Stühlen sitzen“, sagt Münden. Der Funke springt über - „das hat sogar in Ostfriesland funktioniert“.

Das Projekt „Klasse, wir singen“ ist zum Exportschlager geworden. Münden lässt jetzt auch Kinder in Berlin und Nordrhein-Westfalen singen. Hamburg und das Saarland haben ebenfalls Interesse angemeldet. Der evangelische Pfarrerssohn aus dem Hunsrück sagt, er habe mit den Großkonzerten eine Art Gegenbewegung zu „Deutschland sucht den Superstar“ starten wollen. „Anstatt dass am Ende nur einer im Rampenlicht steht, geht es bei uns um die Gruppe, ums Gemeinschaftsgefühl, um den Auftritt von allen.“ Man singt zusammen, Grund- und Förderschüler, Hauptschüler und Gymnasiasten, Behinderte und Nichtbehinderte, Deutsche und Migranten, Kinder und Erwachsene.

Vor dem großen Auftritt im Scheinwerferlicht werden die 16 Lieder in der Schule geübt: Nicht nur im Musikunterricht und mit Musiklehrern, sondern auch mit dem Mathematik- und Deutschlehrer. Das Projekt zieht sich durch den ganzen Schulalltag.

In Zeiten unzähliger Bildungsprojekte und -programme sei es nicht immer einfach gewesen, die Pädagogen für „Klasse, wir singen“ zu gewinnen, erzählt der Kantor. „Vielen seufzen, ,Oje, noch ein Projekt‘, aber wer mitmacht, ist eigentlich dann immer begeistert.“

Zu Hause können die Kinder weiter mit einer CD (summen) üben. Die Stücke, Melodie wie Text, sind so eingängig, dass bald auch die Eltern „Meine Biber haben Fieber“ oder „Zwei kleine Wölfe“ mitsingen können. Alte Volkslieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Kein schöner Land in dieser Zeit“ gehören ebenfalls zum Kanon. Münden findet es besonders schön, dass auch Kinder aus Familien ausländischer Herkunft diese deutschen Klassiker lernen.

Nach dem Kirchenmusikstudium in Heidelberg arbeitet Münden zunächst in Stromberg (Rheinland-Pfalz), später im westfälischen Minden. Seit 1999 ist er Domkantor in Braunschweig. Die Domsingschule ist die größte Einrichtung für evangelische Kirchenmusik in Deutschland. Dazu gehören 550 Kinder und 250 Erwachsene in 23 Chören, ein Orchester und ein Bläserensemble. Münden, der selbst Klavier, Orgel und Trompete spielt, arrangiert und komponiert gern. Der Mann mit Entertainerqualitäten hat Kindermusicals und eine Jugendoper geschrieben. Ihm gefällt anglikanische Kirchenmusik und Mendelssohn Bartholdy, aber auch Stücke von Michael Jackson. Singen und musizieren mit Kindern macht Münden besonders viel Spaß: „Mein Herz schlägt ganz klar auf der pädagogischen Seite.“

83 „Klasse, wir singen“-Konzerte hat Münden mittlerweile moderiert: „Man kann mich wecken, und ich mache das auf ein Fingerschnippen hin“, sagt er und lacht.

Je älter Kinder werden, desto weniger singen sie. Münden findet das bedauerlich. „Singen ist dann uncool, gerade für Jungen.“ Es fehlen die Vorbilder. Wie der Vater, der singt, oder der 16-Jährige, der Skateboard fährt und Chormitglied ist. Natürlich hat auch Münden hierfür eine Idee. Er träumt von einem Großsingprojekt für Jugendliche: „Klasse, wir rocken“.

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