Emsland

Das Dorf der Nikoläuse

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Die Botschaft in das Dorf tragen: Bischof Nikolaus in Person von Robert Baumann beim Schulbesuch.

Werlte - Im Emsland verteilt der Nikolausverein seit 100 Jahren Geschenke zum 6. Dezember. Dabei helfen 38 Rauschbärte, 16 Zentner Spekulatius an die Kinder zu bringen.

Natürlich gibt es den Nikolaus. Aber 38 Nikoläuse? In Werlte im Emsland ist das in diesem Jahr der Fall. Zudem hat der mildtätige Bischof dort viele Helfer und sogar einen eigenen Verein: Der ortsansässige Nikolausverein ist mehr als 100 Jahre alt – und heute lebendiger als je zuvor. Bei den Dorfkindern soll das aber nicht zu Verwirrung führen. „Niemand wird hier zwei Nikoläuse gleichzeitig auf der Straße sehen“, versichert Hans Schürmann und fügt hinzu: „Es kann aber sein, dass der Nikolaus an einem Ende der Straße aus einem Haus tritt und am anderen Ende in eines hineinhuscht.“

Am Freitag war es wieder so weit, im Haus der Vereine in einer ehemaligen Kaserne herrschte reges Treiben: Bärte wurden gerade gerückt, Kutten und Mäntel angezogen, Kiepen geschultert und Mitras aufgesetzt. 16 Zentner Spekulatius, die von den Helfern in tagelanger Arbeit in kleine Tütchen verpackt worden waren, wurden an die Haushalte und Einrichtungen verteilt. „Besonders Kinder und ältere Dorfbewohner warten darauf immer gespannt“, sagt Schürmann. Er ist seit mehr als 40 Jahren Nikolaus und inzwischen zweiter Vorsitzender des Vereins.

Schürmann hat die in Werlte übliche Karriere vom Mohr über den Ruprecht hin zum Nikolaus durchlaufen. „Wer Nikolaus werden möchte, muss mindestens einmal als Ruprecht dabei gewesen sein“, erklärt er. So lernten die Nachwuchsnikoläuse, was in den Haushalten zu beachten sei. Schürmann weiß noch gut, wie er als Nikolaus den ersten Haushalt besucht hat. „Ich habe völlig vergessen, dass ich durch die Mitra zwei Köpfe höher bin. Zack – hatte ich die Deckenleuchte im Arm“, erinnert er sich.

Längst ist Schürmann ein alter Hase, was den Nikolausbesuch angeht. Er weiß, was zu tun ist, wenn Eltern ihm einen Zettel in die Hand drücken, den er in sein goldenes Buch legt. Neben guten Eigenschaften stehe auch schon mal ein Tadel auf dem Zettel. „Aber wir kommen nicht, um die Kinder zu erziehen“, sagt Schürmann. Die Rute ist in Werlte fest an die Kiepe geschnürt. Da bleibe sie auch. Vor allem gehe es darum, die gute Botschaft des Bischofs Nikolaus in das Dorf zu tragen.

Deshalb wird großer Wert darauf gelegt, einen Bischof darzustellen – und nicht etwa den Weihnachtsmann. „Bei uns gibt es keinen Nikolaus mit roter Zipfelmütze“, sagt der Vereinsvorsitzende Klaus Dröge. Aus diesem Grund kommen die Schokonikoläuse eigens aus Österreich. Auch sie tragen das Gewand mit Mitra, Stab und Bibel.

Die kleinen Geschenke, die an die Dorfbewohner verteilt werden, finanziert der Verein aus Spenden. Jede Nikolausgruppe geht einige Wochen vor dem 5. Dezember durch ihren Bezirk, sammelt Geld und informiert sich, ob es Kinder oder ältere Leute im Haus gibt und ob der Haushalt Besuch vom Nikolaus bekommen möchte. „Die meisten machen mit“, sagt Dröge.

Geschichten von seinen Nikolausbesuchen kann auch Robert Baumann erzählen. Der 38-Jährige ist nach zwei Ruprecht-Jahren mit 19 zum ersten Mal als Nikolaus auf Tour gegangen. Bei einem der ersten Besuche hat ihn eine deutschrussische Familie beeindruckt. „Die Kinder standen in ihren Kommunionsanzügen vor mir, und auch die Oma hatte das beste Kleid an“, erzählt Baumann. Gerne erinnert er sich auch, wie eine 95-Jährige das Nikolausgespann freudestrahlend mit einem Topf heißem Jägermeister auf dem Kamin erwartet hat. „Während der Tour gibt es eigentlich keinen Schluck“, sagt Baumann. „In diesem Fall war es zum Glück das letzte Haus.“ Im Jahr darauf sei die fröhliche alte Dame gestorben.

Hört man einen Werlter Nikolaus erzählen, wird schnell deutlich, dass hier nicht große Geschenke zählen, sondern gerade die kleinen Geschenke die Dorfgemeinschaft zusammenhalten.

16 Zentner Spekulatius

Diese Gaben passen nicht in einen Sack: 10 000 kleine Geschenke, darunter 800 Kilogramm Spekulatius, 1600 kleine Flaschen mit Schnaps und Likör, 3500 Schokoladennikoläuse und ebenso viele geweihte Kerzen, haben 160 Helfer des Nikolausvereins in Werlte gestern verteilt: an rund 3000 Haushalte sowie Kindergärten, die Grundschule, das Seniorenheim und das Lukasheim in Papenburg. Das geschieht in Werlte jedes Jahr am 5. Dezember. In 38 Bezirken waren Gruppen aus Nikolaus, Ruprecht und Mohr unterwegs und besuchten auf ihrer Tour jeweils bis zu 80 Haushalte.

Die Geschichte des Nikolausvereins Werlte reicht mehr als 100 Jahre zurück. Es handelt sich dabei zwar nicht um einen kirchlichen Verein, dennoch wird großer Wert darauf gelegt, die gute Botschaft des Bischofs Nikolaus möglichst authentisch weiterzutragen. Deshalb gibt es sowohl den Nikolaus als auch sein süßes Pendant aus Schokolade im Werlter Verein nur originalgetreu mit Mitra, Bischofsstab und Bibel.

Von Vienna Gerstenkorn

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