"Strompreisbremse"

Ein Dorf wird abgeschaltet

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Sie schlagen Alarm: Vertreter von Bioenergiedörfern und der Landwirtschaftsverbände treffen sich an der Biogasanlage des bundesweit ersten Bioenergiedorfes in Jühnde.

Jühnde - Das erste Bioenergiedorf Deutschlands fürchtet um seine Existenz: Einst im September 2005 gefeiert als erstes Dorf, das seine Strom- und Wärmeversorgung ausschließlich aus Biomasse bezieht, fürchten die Jühnder nun, dass ihr Vorzeigeprojekt im Kreis Göttingen zum Auslaufmodell wird.

Die von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) geplanten Kürzungen bei den erneuerbaren Energien („Strompreisbremse“) könnten für die Bioenergiedörfer den wirtschaftlichen Ruin bedeuten, sagte am Montag der Vorstand der Bioenergiegenossenschaft Jühnde, Reinhard von Werder. Die geplanten Kürzungen verstießen gegen den Vertrauensschutz. Sollten die Pläne realisiert werden, verlöre die Politik jede Glaubwürdigkeit.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll zum 1. August der Güllebonus für alle Biomasseanlagen entfallen, die zwischen 2004 und 2008 in Betrieb genommen worden sind. Damit drohe allein dem Bioenergiedorf Jühnde ein jährlicher Vergütungsausfall von 83000 Euro, sagte von Werder. Darüber hinaus sei eine 1,5-prozentige Kürzung bei der Stromvergütung geplant, diese würde noch einmal mit 15000 Euro zu Buche schlagen. Insgesamt würden jedem Wärmeabnehmer in Jühnde Mehrkosten von 650 Euro entstehen.

Die Energieversorgung in Jühnde ruht auf mehreren Säulen: Mehrere örtliche Landwirte liefern Acker- und Grünlandpflanzen, die im Fermenter der Biogasanlage zusammen mit der Gülle aus den Rinder- und Schweineställen zum Biogas Methan vergoren werden. Dieses wird dann im benachbarten Blockheizkraftwerk verbrannt und zu Strom umgewandelt. Die dabei entstehende Abwärme wird in das neu geschaffene örtliche Nahwärmenetz eingespeist und geht von dort direkt in die angeschlossenen Häuser. Um den größeren Wärmebedarf im Winter decken zu können, gibt es außerdem eine Holzhackschnitzelanlage, in der Restholz aus den umliegenden Wäldern verbrannt wird.

Um den Umbau ihrer Energieversorgung finanzieren zu können, haben die Jühnder Genossenschaftsmitglieder insgesamt 3,5 Millionen Euro Fremdkapital bei der örtlichen Bank aufgenommen. Sollten die Kürzungen realisiert werden, wäre das jetzige Geschäftsmodell nicht mehr tragbar, sagte von Werder. Verlierer wären auch Natur und Umwelt. So müsste man aus Kostengründen den Einsatz von Gülle in der Biogasanlage stark reduzieren. Dies hätte zur Folge, dass die Landwirte ihre Gülle wieder auf den Feldern ausbringen, was mit deutlich höheren Methan- und Geruchsemissionen verbunden wäre. Als Ersatz müsste deutlich mehr Mais angebaut werden, was eine weitere „Vermaisung“ der Landschaft zur Folge hätte.

Der Fachverband Biogas fürchtet, dass die geplanten Kürzungen bundesweit Investitionen von 3,4 Milliarden Euro und damit die Existenz zahlreicher Betriebe gefährden würden.

von Heidi Niemann

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