Tierschutz

Eber sollen wieder stinken dürfen

Linsburg - Landwirtschaftsminister Gert Lindemann will mit dem Tierschutzplan eigene Aktzente setzen und hat am Mittwoch im Kreis Nienburg einen Bauern besucht, der auf das Kastrieren von Ebern verzichtet.

Da ist das Problem mit den „Stinkern“. So werden nicht kastrierte Eber genannt, deren Fleisch in der Pfanne einen fürchterlichen Geruch erzeugt und auch so schmeckt. Das Fleisch der Eber ist darum für Schweinemäster nur schwer vermarktbar, was am Ende dazu führt, dass männliche Ferkel in Deutschland in der Regel in den ersten acht Tagen ihres Lebens kastriert werden. Das ist schmerzhaft, aber das Tierschutzgesetz erlaubt den Eingriff - eben weil ein bestimmtes Hormon der geschlechtsreifen Schweine das Fleisch ungenießbar macht.

Henning Stelling aus Linsburg im Kreis Nienburg kastriert seine Eber nicht mehr. Neue Untersuchungen zeigen einen Weg auf, den Jungtieren den schmerzhaften Eingriff zu ersparen. Das Fleisch bleibt dann genießbar, wenn sie genau zum richtigen Zeitpunkt kurz vor der Geschlechtsreife mit circa fünf Monaten geschlachtet werden. Der kleine Direktvermarkter im Ort nimmt ihm trotzdem nur die weiblichen Schweine ab. „Der traut sich an die Eber noch nicht ran“, sagt Stelling.

Auch sonst geht der junge Landwirt eigene Wege, was ihm gestern einen Besuch von Agrarminister Gert Lindemann und einem Tross Journalisten beschert hat: Stelling verzichtet bei einem Teil seiner Schweine versuchsweise darauf, den Schwanz abzuschneiden. Auch das ist sonst üblich in der Schweinemast, obwohl es eigentlich nur in Ausnahmefällen zulässig ist. Die Tiere neigen nämlich zum sogenannten Schwanzbeißen, gerade wenn ihnen in engen Ställen die Beschäftigung fehlt oder das Stallklima schlecht ist.

Bei den Stellings ist das Klima gut - allein schon aus eigenem wirtschaftlichem Interesse: „Es muss den Sauen gut gehen, sonst bringen sie keine Leistung.“ Eines schiebt der Schweinemäster noch hinterher: „Es muss aber bezahlbar bleiben.“

Das ist das Spannungsverhältnis, in dem sich Lindemann mit seinem Tierschutzplan bewegt, den der Agrarminister vor 17 Monaten als Reaktion auf heftige Kritik an der Massentierhaltung in Niedersachsen angeschoben hat: Im Namen des Tierwohls mutet er den Landwirten im Agrarland Nummer eins bis 2018 Veränderungen zu, die ihnen zum Teil größere Risiken und mehr Anstrengungen in der Haltung zumuten. Wenn also in Zukunft der Tierarzt kommen muss, um eine Betäubung zu setzen, bevor der Landwirt ein Kalb enthornen oder Jungschweine kastrieren will, dann verursacht das neue Kosten. Die werden sich dann zwangsläufig im Preis der landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus Niedersachsen niederschlagen müssen. Dass die Verbraucher mitziehen werden, davon ist Lindemann überzeugt: „Die Bereitschaft ist da.“

Dass viele der 38 angedachten Veränderungen im Tierschutzplan für viele Landwirte dennoch schwierig sind, weiß auch Lindemann; er bekommt es bei jeder Gelegenheit zu hören, wenn er im Land unterwegs ist. Und dennoch sieht er seinen Tierschutzplan auf einem guten Weg - auch wenn es zum Beispiel den Grünen nicht schnell genug geht. An den Haltungsbedingungen habe sich seit Verkündung des Plans Anfang 2011 nicht viel verändert, bemängelte die Landtagsfraktion gestern.

Lindemann fordert ausreichend Zeit ein: „Mehr Tierschutz in der Nutztierhaltung werden wir nur in vielen kleinen, wissenschaftlich fundierten Schritten erreichen.“ Ein toller Tierschutzplan, sagt der Agrarminister, „würde uns nichts bringen, wenn wir dann keine Nutztiere mehr in Niedersachsen haben“.

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