Versicherung zahlt nach Diagnosefehler

Eine Million für ein Leben ohne Beine

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Nach dem Unglück versuchen Eltern und Großeltern den kleinen Jeremy zu stärken.

Hannover/Schleswig - Eine schwere bakterielle Hirnhautentzündung oder ein leichter Magen-Darm-Infekt? Durch eine falsche Diagnose eines Kinderarztes muss der kleine Jeremy in Neumünster mit einer schweren Behinderung leben. Er verlor beide Beine. Nach Sieben Jahren Kampf erhält die Familie eine Abfindung.

Sieben Jahre lang kämpfte seine Familie vor Gerichten um ihr Recht. Jetzt lenkte die Gegenseite, die Haftpflichtversicherung des beklagten Kinderarztes, ein. In einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht (OLG) Schleswig erstritt die Familie aus Neumünster eine Abfindung von rund 700.000 Euro. In einem zweiten Vergleich einigte sich die Krankenkasse von Jeremy mit dem Haftpflichtversicherer, der HDI-Gerling Versicherung in Hannover, auf die Erstattung der Behandlungskosten. Damit erhöht sich der Betrag, den das Unternehmen nach jahrelanger juristischer Auseinandersetzung zahlen muss, auf 1,25 Millionen Euro.

Der tragische Vorfall ereignete sich im März 2007. Der beklagte Kinderarzt schickte den Zweijährigen und seine Eltern mit dem falschen Verdacht auf einen Magen-Darm-Infekt aus der Notfallsprechstunde wieder nach Hause. Am nächsten Morgen wurde der Junge mit dem Rettungswagen in die Klinik eingeliefert. Bereits auf der Fahrt verlor er das Bewusstsein. Zwei Monate lang kämpften die Ärzte der Uni-Klinik Lübeck um sein Leben. Beide Beine und Teile der Finger mussten Jeremy im Verlauf einer schweren Sepsis, hervorgerufen durch eine bakterielle Hirnhautentzündung, entfernt werden.

Der hannoversche Anwalt der Familie, Frank Albert Sievers, Spezialist für Arzthaftungsrecht, spricht - vor dem Hintergrund der Prozesssituation vor dem Oberlandesgericht - von einem „respektablen Ergebnis“. Ursprünglich hatte er für Jeremy rund eine Million Euro gefordert. Die Gegenseite hatte zunächst nur 250 000 Euro angeboten, nachdem das Landgericht Kiel den Kinderarzt zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld „dem Grunde nach“ verurteilt hatte.

Im Verlauf des Berufungsverfahrens vor dem OLG Schleswig kam es nun zur Einigung. Das Gericht wertete das ärztliche Vorgehen zwar nicht als einen „groben Behandlungsfehler“, aber als „Diagnosefehler“ mit der Folge, dass Jeremy nicht in eine Klinik kam. Hätte der Arzt das Kind in eine Klinik eingewiesen, „besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es vollkommen gesund geworden wäre“, heißt es in dem Beschluss des Oberlandesgerichtes.

Für den Anwalt Sievers belegt das Verfahren erneut, dass die Haftpflichtversicherer bei Großschäden „auf Zeit“ spielen. „Viele Opfer von ärztlichen Behandlungsfehlern stehen einen langwierigen Rechtsstreit körperlich, psychisch und finanziell nicht durch.“ Für die Familie von Jeremy ist die Abfindung eine Genugtuung. „Der Abschluss des langen Verfahrens ist eine Befreiung“, sagt Jeremys Großvater Uwe Peters. „Dennoch bleibt die Gewissheit, dass zwischen Recht und Gerechtigkeit eine große Lücke klafft.“

Jeremy besucht mittlerweile die vierte Klasse einer Förderschule für geistig und körperlich Behinderte in Kiel. Er habe ein fröhliches Gemüt, sagt der Großvater. Allerdings habe er häufig Probleme mit den Beinprothesen. Auf dem Wunschzettel für Weihnachten hatte der Neunjährige im vergangenen Jahr nur eine Bitte vermerkt: Er wolle seine gesunden Beine zurück.

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