Der älteste Turmbläser Norddeutschlands

Eine Minute Besinnlichkeit

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„Das ist ein großartiges Gefühl“: Der 72-jährige Manfred Toews an seinem eher zugigen Arbeitsplatz auf dem Glockenturm der Kirche.George (3)

Lüneburg - Manfred Toews ist der dienstälteste Turmbläser Norddeutschlands. Seit 35 Jahren spielt er täglich um 9 Uhr ein Lied aus dem Glockenturm der Kirche St. Johannis in Lüneburg.

Im Winter fühlt sich Manfred Toews manchmal wie ein Pinguin. Dann steht er 40 Meter über dem Erdboden und klemmt sein Flügelhorn zwischen die Beine. Bevor Lüneburgs Turmbläser seine Choräle über die Stadt schicken kann, müssen erst die Ventile auftauen. Denn sein Instrument lagert im Glockenturm der Kirche St. Johannis - sonst müsste er es fünf Mal in der Woche je 200 Stufen hoch- und wieder heruntertragen.

Manfred Toews zieht die Handschuhe von den Fingern, blättert durch sein Notenbuch. Hunderte Mal hat er sich für „Geh aus mein Herz“ entschieden, an diesem Morgen ist es „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Mit Wäscheklammern hält er die Seiten zusammen - zu viel Wind pustet durch die Glockenstube des gut 600 Jahre alten Kirchturms, wenn der Bläser die Holzläden vor den Luken öffnet. Der Senior setzt eine Tradition fort, die es - mit Unterbrechungen - an Lüneburgs ältester und höchster Kirche schon seit Jahrhunderten gibt. Nur eine Handvoll Turmbläser sind es in ganz Deutschland, die ganzjährig täglich Choräle spielen: im Norden in Lüneburg, an der Celler Stadtkirche, dem Hamburger Michel und der Lambertikirche Münster. Manfred Toews tut es von allen norddeutschen Bläsern am längsten: 35 Jahre.

Notenständer in der einen, Flügelhorn in der anderen Hand drückt sich der große schlanke Mann am mehr als 700 Jahre alten Eichenholz vorbei und steuert auf die erste Luke zu. Er stellt den Notenständer ab, schiebt den Riegel zur Seite und öffnet den Holzladen Richtung Norden. Dann setzt Toews das Instrument an - keine Trompete, sie wäre zu klein und leise für so einen Auftritt - sondern ein größeres Flügelhorn. Das schallt bei wenig Wind mehr als einen Kilometer weit.

Der rechte Fuß tippt als Metronom den Takt, Toews blickt auf die Noten und hinaus. „Die Stadt sieht jeden Morgen anders aus“, sagt er nach dem Spiel, „das Licht ist immer unterschiedlich.“ Von hier oben kann der Türmer sogar sehen, wenn die kleinen Menschen unten in den Straßen stehen bleiben, innehalten und hochsehen zum Kirchturm, woher die Töne kommen. Gerade erst hat er einen Brief gelesen, in dem eine Frau ihm schreibt, dass sie ihren Weg zur Arbeit immer so plant, dass sie genau dann unter der Kirche entlangfährt, wenn er seinen Choral bläst: um kurz vor neun Uhr.

„Das ist großartig, das Gefühl“, sagt der pensionierte Diplom-Agraringenieur. „Die alten Melodien rühren die Menschen an. Auch mich selbst, noch immer. Das ist eine Minute Besinnlichkeit.“

Es ist fast 40 Jahre her, da hat der Mitarbeiter des Amts für Agrarstruktur selbst an jedem Morgen die Töne durch sein Bürofenster schallen gehört, „das war für uns das Signal zum Teetrinken“. Dann blieb es eines Tages still am Morgen, nicht nur ein paar Tage, sondern wochenlang.

Toews, der sich als Schüler selbst das Trompetespielen beigebracht hat und damals gerade bei einem Posaunenchor angefangen hatte - seine Frau hatte eine alte Trompete auf dem Dachboden gefunden - dachte am Schreibtisch laut nach. Etwas in der Richtung, dass er das ja auch machen könnte.

„Ein paar Tage später reichte mir eine Kollegin den Telefonhörer hinüber und sagte, ich solle mal mit der Pastorin da am Apparat sprechen“, erzählt der 72-Jährige und muss noch heute lachen: „Das war’s dann. Seitdem mache ich das.“ Seit 1978.

Erst neben dem Beruf, dann als Rentner steigt Manfred Toews jeden Montag bis Freitag um 8.40 Uhr und jeden Sonnabend um 9.40 Uhr in den Glockenstuhl - fast 9000-mal bis heute. Es gibt sogar einen Vertrag mit der Gemeinde, wie oft der Turmbläser spielen soll und was er dafür bekommt: 153 Euro im Monat.

Jahrzehntelang gab es keinen Vertreter für Manfred Toews: Wenn der Türmer mal eine Grippe hatte oder mit seiner Frau auf kurze Städtetrips ging, fiel die Morgenmusik in Lüneburg aus. Doch das waren wenige Tage im Jahr.

Mittlerweile springen zwei Studenten ein, wenn Toews einmal tatsächlich nicht kann. Den ersten längeren Urlaub hat er seitdem gemacht. Doch ans Aufhören hat der Turmbläser in den 35 Jahren kein einziges Mal gedacht. Im Gegenteil: „Wenn ich das eines Tages nicht mehr machen kann, werde ich es sehr vermissen.“

Von Carolin George

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