Journalist kauft sich Organ

Eine neue Niere für 30.000 Dollar

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- Der Journalist Willi Germund hat sich in Afrika ein neues Organ gekauft, eine Niere für 30.000 Dollar – und steht dazu. Er hat über seinen Fall und den Markt globalen Markt für Organe ein Buch geschrieben. „Niere gegen Geld“ heißt es.

Er wusste, was kommen würde. Persönliche Angriffe, moralische Vorwürfe, mit all dem hat er gerechnet. Der Journalist Willi Germund ist 60 Jahre alt, er hat über viele Krisen und Katastrophen geschrieben, die Naivität hat er dabei längst verloren. Und wenn ihn in den vergangenen Tagen etwas überrascht hat, dann höchstens, dass es außer einem empörten Kommentar bei Twitter und kritischen Journalisten bisher vergleichsweise ruhig blieb. Aber das ist erst der Anfang, das weiß er. „Mir ist bewusst, dass ich mich sehr angreifbar gemacht habe“, sagt Germund. „Aber ich dachte: Das muss Teil der Debatte sein.“

Willi Germund hat ein sehr ungewöhnliches, schwieriges Buch geschrieben. Es heißt „Niere gegen Geld“, und der Titel erzählt schon sehr genau, was der Autor da auf 200 Seiten schildert. Germund, der als freier Journalist aus Bangkok auch für die HAZ berichtet, hat sich auf dem globalen Markt für Organe Ersatz für seine funktionsuntüchtigen Nieren gekauft. Er erzählt davon, wie er von Land zu Land reist, wie die Hoffnung keimt, sprießt und immer wieder schwindet. Bis Germund irgendwo in Afrika schließlich einen 28-Jährigen namens Raymond findet, der ihm eine seiner Nieren verkauft. Für 30.000 Dollar.

Es ist eine Geschichte, über die man normalerweise schweigt. Weil die Frage ist, ob man das darf, moralisch gesehen: einem deutlich ärmeren Menschen sehr viel Geld für ein wichtiges Teil seines gesunden Körpers zu bieten. Aber man schweigt wohl besser auch, weil so ein Buch einer Selbstanzeige gleichkommt. Nach herrschender juristischer Meinung hat sich Germund strafbar gemacht. Auf Organhandel stehen bis zu fünf Jahre Haft. Germund beruft sich auf eine Art Notwehr. Er hält sich für unschuldig. Vorsichtshalber will er dennoch erst mal nicht mehr nach Deutschland kommen. Aber das ist es ihm wert. „Ich halte nichts von Tabus“, sagt er. Er klingt trotzig dabei. Vielleicht wird man so, wenn es um das eigene Überleben geht.

Man kann die Geschichte von Willi Germund auf sehr unterschiedliche Arten erzählen. Die eine ist die verständnisvolle, die einfühlsame Art, es ist die Art, wie Germund selbst seine Geschichte erzählt. Sie handelt von einem sehr verzweifelten Mann, der das Leiden und die Ungewissheit nicht erträgt und eines Tages etwas tut, was er selbst eigentlich nie wollte.

Zwei Jahre noch, so eröffnet ihm sein Arzt eines Tages, dann spätestens werden seine Nieren ihren Dienst versagen. Das Leben mit der Dialyse, auf die er bald darauf angewiesen ist, empfindet er als quälend. Die Folgen sind immer gleich: heftige Kopfschmerzen, Wasser, das sich in den Beinen sammelt und auf die Nerven drückt, Müdigkeit. „Ein Albtraum“, sagt Germund, „wahnsinnig schwer, damit klarzukommen.“ Vor allem auch wegen der Ungewissheit, ob er auf dem normalen, legalen Weg rechtzeitig eine Spenderniere bekommt – oder ob er vorher stirbt.

Germund sieht sich vor der Wahl: „Entweder den Beruf aufgeben, nach Deutschland ziehen und sich bei Eurotransplant auf diese Nierenlotterie mit ungewissem Ausgang einlassen.“ Oder, wie er es sagt, „sich auf dem internationalen Markt nach einem Organ umsehen“. Im Angesicht des Todes, so klingt es bei Germund immer wieder durch, werden moralische Bedenken schnell sehr relativ.

Germund recherchiert – und findet eine Weltkarte des Organhandels. Er fährt nach Pakistan, nach China, Hochburgen des Organhandels, scheitert dort aber an verschärften Gesetzen oder misstraut dubiosen Zwischenhändlern. In Afrika findet er über einen Mittelsmann schließlich Raymond, den Spender. Die erste Begegnung in einem Labor verläuft eigenartig schweigsam. Was soll man reden, wenn man bald die Niere tauscht. Erst als Germund beim Blutabnehmen rausläuft, ist das Eis gebrochen. Raymond lacht. „Da hat er sich köstlich amüsiert“, sagt Germund. Einige Monate später sehen sie sich in einem Krankenhaus in Mexiko wieder. Die Transplantation verläuft erfolgreich. Für das Geld habe sich Raymond ein Geschäft gekauft. „Das ist für uns beide eine Chance“, sagt Germund. Er lebt. Und Raymond hat Arbeit.

Aber natürlich kann man diese Geschichte auch anders erzählen. Darin muss es um Fragen gehen. Darum, ob es für Raymond wirklich die medizinische Überwachung gibt, die für Menschen mit nur einer Niere nötig ist. Darum, ob Raymond wirklich eine Wahl hatte. Und auch darum, was für einen brutalen Markt man da stärkt, wenn man als Reicher aus der Ersten Welt auf Kosten der Menschen aus der Dritten Welt seine Gesundheit erkauft.

Willi Germund sagt, dass es Raymond gut gehe. Aber wie lange seine neue Niere hält, kann niemand wissen. Ob er sich noch einmal ein Organ kaufen würde? Darauf, sagt er, könne er nicht antworten. „Ich denke an morgen und genieße das Leben.“

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