Asse

Von einem Schacht zum anderen

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K+S-Mitarbeiter Herbert Baxmann sammelt in einem Container am Schacht Mariaglück Proben der Lauge, die per Tankwagen aus Remlingen geliefert wird.

Höfer - Salzlauge aus dem Atommülllager Assebei Wolfenbüttel wird mit großem Aufwand ins frühere Bergwerk Mariaglück eingeleitet. Für den Steuerzahler eine teure Angelegenheit, die nach Meinung von Experten und Bürger nicht sein müsste.

Es ist die vierte Lieferung an diesem Tag. Ein gelber Tankwagen einer Spedition aus Sachsen-Anhalt fährt mittags in eine Verladehalle in Höfer (Kreis Celle), auf dem Gelände des früheren Bergwerks Mariaglück. Gut eineinhalb Stunden zuvor ist er mit seiner Fracht im 85 Kilometer entfernten Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel gestartet. In der Halle löst Herbert Baxmann nun die Plomben. Der Mitarbeiter des Bergwerkbetreibers Kali+Salz füllt zwei Liter Salzlauge in eine Plastikflasche, misst das spezifische Gewicht und bestätigt: „Kommt aus der Asse.“ Der Abgleich der Ladezeit in den Lieferpapieren sowie später genaue Laboranalysen geben zusätzlich Sicherheit.

Die besonders genauen Vorschriften hängen mit dem Atomrecht zusammen, das seit 2009 für die gesamte Asse gilt. Und sie dienen der Beruhigung der Anlieger. Vor fünf Jahren hatte der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) von einer möglichen Gefahr durch vielleicht radioaktiv belastete Lauge aus der Asse gesprochen, die in Bergwerkskammern in Höfer - und früher auch noch in Hope (Heidekreis) und Bad Salzdetfurth (Kreis Hildesheim) - versenkt werde. Bürgerinitiativen gründeten sich, ließen sich jedoch bei Informationsveranstaltungen überzeugen: Das in die Schächte eingeleitete salzige Sickerwasser aus der Asse war und ist harmlos. Es hat nichts mit stärker verstrahlten Flüssigkeiten in dem Atommülllager zu tun, die noch entsorgt werden müssen.

„Hiermit würde ich mir jederzeit unbesorgt die Hände waschen“, sagt Klaus Rumphorst, Ingenieur bei Kali+Salz (K+S), mit Blick auf die in Höfer eingetroffene gelbliche Lauge. Die Radioaktivität betrage nur einen Bruchteil der für Trinkwasser zugelassenen natürlichen Strahlung. Dass die Lauge, die in das marode ehemalige Salzbergwerk Asse in Remlingen eingesickert ist, als Gefahrgut transportiert wird, liegt am Salzgehalt. Im inzwischen fast vollständig gefluteten Bergwerk Höfer wird sie dann von Gestein fest umschlossen, sodass das Salz nicht ins Grundwasser gelangt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz als Betreiber der Asse hat Anfang des Jahres neue Verunsicherung hervorgerufen, als es eine Einleitung der Lauge über Flüsse in die Nordsee vorschlug. Naturschützer fürchten eine Versalzung der Fließgewässer. Fest steht: Die Flutung des bis 1977 aktiven Steinsalzbergwerks in Höfer, zurzeit ausschließlicher Entsorgungsweg für die Asse-Lauge, ist bald beendet. Erst war von 2012 die Rede, kürzlich wurde die Frist bis 2016 verlängert - und damit die Zeit, sich etwas Neues zu überlegen.

Bis dahin wird vor allem Flusswasser der angrenzenden Aschau in die Bergwerkshohlräume gepumpt, die geflutet werden müssen, um ungleichmäßige Bodensenkungen über den früheren Abbaukammern zu verhindern. So lange werden aber auch, und das schon seit 2005 an vier bis fünf Tagen im Monat, je sechs bis acht Tankladungen pro Tag von Remlingen nach Höfer gekarrt. „Wir waren damals die Einzigen, die zur Aufnahme der Lauge bereit waren“, sagt K+S-Sprecher Ulrich Göbel. Andere Bergwerksbetreiber winkten offenbar ab, weil das Thema Asse zu viele Ängste weckt. Dabei eignet sich gesättigte Salzlösung sogar besonders gut zum Fluten der Hohlräume, weil sie anders als Flusswasser kein Salz aus den Bergwerks-kammern mehr aufnimmt. Der Aufwand sei allerdings groß, berichtet Göbel. Neben einer Halle für den Tankwagen mussten in Höfer noch drei Container aufgestellt werden, unter anderem als Büro für den K+S-Mitarbeiter, der an den Anliefertagen eigens anreist.

Die Steuerzahler kommt der Vertrag des Bundesamtes für Strahlenschutz mit K+S inklusive der Transportkosten teuer zu stehen, wie eine Anfrage im Landtag gezeigt hat. Schon zwischen 2005 und 2008 hatte die Laugeentsorgung demnach den Bund eine halbe Million Euro gekostet. Der im Rahmen der Fristverlängerung bis 2016 vereinbarte neue Vertrag sieht nun vor, dass das Bundesamt sogar zusätzlich alle Kosten übernimmt, die K+S für die verlängerte Offenhaltung des Schachtes entstehen.

Heike Wiegel vom Vorstand der Remlinger Bürgerinitiative AufpASSEn hält das für Verschwendung. „Es ist schon Wahnsinn, für diese unbelastete Lauge so viel auszugeben, sie wird doch für die Verflutung von Bergwerken sowieso gebraucht“, meint sie. „Das Geld wäre an anderer Stelle bei der Sanierung der Asse viel dringender nötig.“ Die anfängliche Besorgnis der Bürger in Höfer kann die Remlingerin verstehen. „Es hätte gleich mehr Transparenz geben müssen.“ Da aber jede Laugelieferung bereits in der Asse auf Radioaktivität „freigemessen“ wird, meint Wiegel, müsse sich um diese Lauge wohl niemand mehr Sorgen machen.

Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) in Hannover hält eine Einleitung der Lauge in Flüsse angesichts der öffentlichen Ablehnung für keine gute Idee. Das Ministerium will verstärkt Gespräche mit Bergwerksbetreibern führen. Mit der Lauge könnten weitere Kalibergwerke geflutet werden, in Betracht kämen auch Kavernenbauwerke oder eine Berieselung von Kalihalden.

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