Demenzdorf in Hameln

In einer eigenen Welt

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„Wir kommunizieren jetzt über die Hände“: Dieter Lotz besucht seine Frau Brigitta fast jeden Tag. Vor drei Jahren hatten sich die ersten Anzeichen der Krankheit gezeigt.

Hameln - In Hameln finden Demenzkranke ein Pflegezentrum, das ihnen vor allem Freiheit und so viel Selbstständigkeit wie möglich bieten möchte. Ein Besuch im ersten Demenzdorf Deutschlands, Tönebön am See.

Ein wenig zitternd streckt Brigitta Lotz die Hand nach ihrem Mann aus. Ihre dünnen Lippen bewegen sich leicht, als wolle sie etwas sagen. Mit einem Schluchzer führt sie die Hand ihres Mannes an ihren Mund und bedeckt sie mit einem flüchtigen Kuss. „Wir kommunizieren jetzt über die Hände“, sagt Ehemann Dieter Lotz. Fast jeden Tag fährt er von Bad Nenndorf nach Hameln in das Demenzdorf Tönebön am See, um seine Frau zu besuchen. Seit letztem August wohnt die 75-Jährige in der Pflegeeinrichtung, die speziell für Demenzerkrankte gebaut wurde.

„Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland“

Bei Brigitta Lotz fing alles vor drei Jahren an, als sie mit ihrem Mann eine Seereise machte. Sie bekam Orientierungsschwierigkeiten, verlief sich mehrmals auf dem Kreuzfahrschiff. „Am Anfang habe ich mir nichts dabei gedacht“, erzählt Dieter Lotz. Demenz sei schließlich ein Prozess, der sich langsam in das Leben schleiche. Doch dann wurden die Anzeichen immer deutlicher. Vor zwei Jahren dann die Diagnose: Alzheimer. Brigitta Lotz vergaß immer mehr, war durcheinander. Früher spielte sie Tennis und Golf, wanderte im Deister und sang im Chor. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl. „Das Gehirn kennt die normalsten Funktionen nicht mehr“, erklärt ihr Mann.

Lange hatte er überlegt, viele Pflegeeinrichtungen besucht, gehadert und gekämpft. „Wenn man die Frau, mit der man 50 Jahre verheiratet ist, abgeben muss, tut das sehr weh“. Letztlich entschied er sich für das Demenzdorf in Hameln. „Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland, hier wird meine Frau optimal betreut“, meint er.

Bereits 43 von 52 Zimmern belegt

Tönebön am See gilt als erstes Demenzdorf in Deutschland. Seit die Einrichtung vor einem Jahr eröffnete, wurden bereits 43 der insgesamt 52 Zimmer bezogen. Aufgenommen werden ausschließlich an Demenz erkrankte Menschen, die einen medizinisch bestätigten Pflegebedarf haben. Doch Pflegestufe heißt in Tönebön nicht gleich Bevormundung. In den vier Häusern des Dorfes wird großer Wert auf die Selbstständigkeit der Einwohner gelegt. „Wir versuchen, in das Leben hier so viel Alltag und Normalität wie möglich zu bringen“, sagt Kerstin Stammel, die für das Qualitätsmanagement zuständig ist und das Konzept für das Demenzdorf mitgestaltet hat. Alltag, das ist ein Einkaufsbummel im Supermarkt, Arbeit im Garten, ein Termin beim Friseur oder ein Pläuschchen im Café. Auf 18.000 Quadratmetern können sich die Bewohner frei bewegen und vor allem eins: viel draußen sein.

Der umstrittene Zaun sieht dabei so harmlos aus wie jeder beliebige Gartenzaun eines Einfamilienhauses. Kritiker meinen, der Zaun schließe die Kranken aus der Gesellschaft aus, sperre sie weg. Mitarbeiter und Angehörige sehen das anders. „Das ist keine Mauer, sondern ein ganz gewöhnlicher Zaun. Wir müssen einfach gewährleisten, dass keinem etwas passiert, ohne dabei kontrollieren zu wollen“, sagt Stammel. Der Zaun gibt Schutz – und so paradox es klingen mag, auch ein großes Stück Freiheit.

Konfetti im Kopf

Die Türen im Demenzdorf sind offen, jeder kann sich auf dem Gelände frei bewegen. Mehr Platz, mehr Freiraum: Das war die Idee der Mitarbeiter, als sich vor einigen Jahren das erste Konzept für das Dorf abzeichnete. Der Pflegebereich für Demenzkranke sollte nicht mehr länger mit dem klassischen Altenheim der Julius Tönebön Stiftung vermengt sein. Ein eigener Raum musste her für Menschen in einer eigenen Welt.

Im Anfangsstadium der Krankheit ist vielen Betroffenen bewusst, dass etwas nicht stimmt. An einfachste Dinge können sie sich nicht erinnern, auf ganz normale Fragen fehlen ihnen plötzlich die Antworten. Schwarze Löcher im Gedächtnis, Konfetti im Kopf. Ein Gefühl, das vielen Betroffenen den Boden unter den Füßen wegzieht. Verursacht durch ein allmähliches Zugrundegehen von Nervenzellen und Nervenzellverbindungen, die wichtige Bereiche des Gehirns steuern. Mit fortschreitender Demenz tauchen viele Menschen in eine eigene Welt ab und merken immer weniger, dass sie eigentlich krank sind. So kauft sich eine Bewohnerin aus dem Demenzdorf fünfmal am Tag eine Zeitung. Bis sich das Papier in ihrem Zimmer stapelt. „Es darf nur keiner sagen, dass das so nicht richtig ist. Je weniger Einfluss von außen, desto weniger Druck und Leiden für die Betroffenen“, sagt Stammel.

„Demenz ist nicht schön, muss aber nicht schlimm sein“

Richtig und falsch werden hier abgeschafft. „Demenz ist nicht schön, muss aber auch nicht immer schlimm sein. Wir haben hier auch viele glückliche Momente“, sagt Stammel. Die Anlage strahlt Ruhe und Geborgenheit aus – ein Ort an dem man vergessen kann und darf. Feste Besuchszeiten gibt es nicht, Angehörige sind jederzeit willkommen.

„Wenn ich hier bin, beruhigt mich das“, sagt Dieter Lotz. Dann geht er mit seiner Frau spazieren oder sitzt mit ihr auf der Terrasse in der Sonne. Es gibt Tage, da bricht seine Frau ihr Schweigen. „Dann erzählt sie mir stundenlang etwas.“ Dass viele Dinge keinen Zusammenhang haben, nimmt er hin.

Jeder Tag fühlt sich für Dieter Lotz wie eine Trennung an, nicht nur wenn er sich ins Auto setzt und auf den Heimweg macht. Er weiß, dass seine Frau ihn noch erkennt, aber er spürt auch, dass sie ihm Tag für Tag mehr entgleitet. „Ich versuche mich immer an unsere guten Zeiten zu erinnern“, sagt er. Und drückt sanft ihre Hand.

6 Millionen Euro teures Zentrum

Teure Plätze : Im März 2014 wurdeTönebön am See eröffnet. 6 Millionen Euro hat die Julius Tönebön Stiftung in den Bau investiert. Aufgenommen werden im Demenzdorf ausschließlich Menschen mit einer nachgewiesenen Demenzerkrankung. Diese wird nach den Richtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Niedersachsen (MDKN) von einem Arzt festgestellt.

Dabei werden unter anderem folgende Aspekte bewertet: Orientierung des Patienten, Antrieb, Stimmung, Gedächtnis, Wahrnehmung und Denken, Kommunikation und Sprache, situatives Anpassen und soziale Kompetenzen. Ein Bedarf an allgemeiner Betreuung und Beaufsichtigung liegt laut MDKN vor, wenn bestimmte Beeinträchtigungen der genannten Kriterien zu einer „erheblich eingeschränkten Alltagskompetenz“ führen.

Billig ist ein Platz in Tönebön am See aber nicht: Der Eigenanteil, den ein Bewohner mit der Pflegestufe eins zahlen muss, liegt bei monatlich 1750 Euro, Bewohner mit der Pflegestufe zwei zahlen 1950 Euro. Damit zählt die Einrichtung zu den teureren Einrichtungen in Niedersachsen. Im Durchschnitt zahlt man hier 200 bis 600 Euro mehr als in klassischen Pflegeheimen.

Johanna Hasse

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