Stade

Eingreiftruppe für den Denkmalschutz

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Foto: Auch alte Techniken der Holzbearbeitung wie das Abbeiteln lernt Grischa in seinem sozialen Jahr. Später will er eine Tischlerlehre machen.

Stade - In Stade leisten junge Leute ein ganz besonderes Freiwilliges Soziales Jahr: Als mobile Einsatzgruppe restaurieren sie alte Gemäuer.

Grischa Funke-Rumpf bewegt sich vorsichtig über die losen Bohlen, die um das Sägegatter der Karoxbosteler Mühle gelegt sind. Er hat geholfen, das verrottete Gebäude abzutragen, und jetzt ist er auch beim Wiederaufbau des alten Sägewerks dabei. Am Ende wird ein weiterer Teil der denkmalgeschützten Wassermühle Venezianer Bauart erhalten sein, Grischa wird eine Menge dazugelernt haben und stolz sein auf das Werk. So wie bei allen Projekten, an denen er im Laufe der vergangenen neun Monate mit angepackt hat.

Grischa absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege. Er ist Mitglied der Mobilen Einsatztruppe. Diese kurz MOB genannte Einrichtung ist eine Besonderheit der Jugendbauhütte im Landkreis Stade. Vier junge Menschen helfen unter Fachanleitung zwölf Monate lang, denkmalgeschützte Objekte für die Nachwelt zu retten. Sie werden kurzfristig an „Brennpunkten“ des Denkmalschutzes eingesetzt und unterstützen Vereine und kleinere Museen, die sich eine eigene Einsatzstelle nicht leisten können.

Das Quartett ist jung, handwerklich interessiert und unternehmungslustig. Eine abgeschlossene Schulausbildung ist Pflicht und die Bereitschaft, viel unterwegs zu sein. „Seit September sehe ich meine Familie und die Freunde in Harburg nur noch selten. Aber es ist so aufregend, dass gar keine Zeit für Heimweh bleibt“, sagt der 21-Jährige.

Das FSJ

In der Jugendbauhütte im Landkreis Stade können sich Freiwillige ein Jahr lang bei Handwerksbetrieben, Denkmalschutzbehörden, Museen, bei Architektur- oder Planungsbüros einbringen oder sich in der Mobilen Einsatztruppe MOB engagieren. Das Freiwillige Soziale Jahr in der Denkmalpflege ist eine anerkannte Form des FSJ. Die Teilnehmer sind sozial- und krankenversichert und erhalten ein Taschen- und Unterkunftsgeld in Höhe von 391 Euro monatlich. Auskünfte gibt es bei Eva Pfennig unter (041 41)  54 22 30 sowie unter www.denkmalschutz.de oder www.ijgd.de.

Mit dem FSJ bekommen junge Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren die Chance, sich nach dem Schulabschluss für sechs bis 24 Monate im sozialen Bereich zu orientieren. Neben den „klassischen“ Einsatzstätten wie Pflegeeinrichtungen wird das FSJ auch im kulturellen oder sportlichen Bereich angeboten. Ursprünglich wurde das FSJ unter dem Motto „Gib ein Jahr“ vom Diakonischen Werk eingeführt. Im August 1964 trat das „Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres“ in Kraft.

Die MOB bietet jede Menge Möglichkeiten, in verschiedene Bereiche zu schnuppern. Grischa und seine Kollegen haben sich nicht nur des Sägewerks angenommen. Sie haben fachmännisch das Mauerwerk einer Feldsteinkirche neu verfugt und im Südharz am Schloss Mansfeld eine achtstufige Gartensteintreppe im barocken Stil professionell restauriert. Im Hafen von Stade fahndeten sie erfolgreich nach archäologischen Schätzen. „Ich habe alte Münzen und Tonscherben ausgegraben“, erzählt Grischa. Im örtlichen Staatsarchiv half die MOB beim Umzug.

Handwerkliches Know-how und Theorie werden allen Absolventen der Jugendbauhütte Stade in sechs Bildungsseminaren vermittelt. Die Schulungen – etwa zur traditionellen Waldwirtschaft und Zimmerei oder zum Denkmalschutz – finden direkt am Objekt statt. Die Leiterin der Jugendbauhütte Stade bemüht sich zurzeit, internationale Kontakte zu knüpfen.

Eva Pfennig arbeitet und kämpft seit vier Jahren im Alleingang für die Institution. Die Tischlerin, Sozialpädagogin und Betriebswirtin ist Managerin, Mentorin und Marketingfachfrau in Personalunion. Ihr Resümee: „Viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Mittel. Vom Land Niedersachsen gibt es bisher leider keine Geldmittel, und wir haben nur sehr wenige Sponsoren.“ Gefördert wird die Jugendbauhütte vorwiegend von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie wirbt um weitere Geldgeber.

Wie seine Kameraden auch hat Grischa inzwischen eine klare Perspektive. Er beginnt im September eine Ausbildung zum Tischler, Schwerpunkt ökologisches Bauen und Altbausanierung. Für seine Traumlehrstelle wird er nach Süddeutschland ziehen. Die Vorteile räumlicher Flexibilität hat er in der Mobilen Einsatztruppe ja schon kennengelernt.

von Martina Berliner

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