EU-Kommission entscheidet

An der Elbe wird jetzt zurückgestutzt

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Foto: Dieses Bild brachte Hans-Heinrich Sander viel Spott ein. Doch jetzt dürfen auch andere an der Elbe zur Kettensäge greifen. Die EU erlaubt den Rückschnitt von Gehölz.

Bleckede - Die EU- Kommission erlaubt den Rückschnitt auch in Zonen, die jahrelang als Tabu galten. Diese Entscheidung wertet der Artlenburger Deichverband als „Kehrtwende bei der Bewertung von Hochwasser- und Naturschutz“.

Es ist ein Novembermorgen, als der Minister an die Elbe reist. Die Menschen am Fluss haben Angst um Haus und Hof, zu hoch hat das Wasser zweimal in zwei Jahren gestanden. An diesem Morgen in Bleckede geht es deswegen um einen neuen Deich – und darum, Gehölz im Elbvorland zurückzuschneiden. Der Minister redet nicht nur, er greift zur Kettensäge und fällt eine Weide. Naturschützer protestieren dagegen: Als „Kettensägen-Monster“ und „Umwelt-Rambo“ wird Minister Hans-Heinrich Sander (FDP) bundesweit bekannt. Umweltverbände bringen ein Prüfverfahren wegen möglicher Verletzung des europäischen Naturschutzrechts in Gang. Siebeneinhalb Jahre nach Sanders Aktion vermelden die Behörden: Die EU- Kommission erlaubt den Rückschnitt auch in Zonen, die jahrelang als Tabu galten.

Diese Entscheidung wertet der Artlenburger Deichverband als „Kehrtwende bei der Bewertung von Hochwasser- und Naturschutz“. Der Deichverband ist für 45 Hochwasser-Deichkilometer an der Elbe verantwortlich und betreut den Bereich bei Bleckede, wo die Europäische Union (EU) jetzt vorgezogene Maßnahmen sogar in besonders streng geschützten Weichholz-Auen erlaubt hat. Als Ausgleich werden weit weg vom Elbufer neue Auwälder angepflanzt. „Die Europäische Union setzt Leib und Leben vor Naturschutz“, sagt Deichhauptmann Hartmut Burmester. Beginnen darf der Rückschnitt von Büschen, Bäumen, Weiden und Hecken im Deichvorland im Herbst, danach sollen die Arbeiten jährlich zwischen Anfang Oktober und Februar fortgesetzt werden. Nach Berechnungen des Bundesamts für Gewässerkunde sollen allein durch die sieben vorgezogenen Maßnahmen sieben Zentimeter gewonnen werden: sieben Zentimeter weniger auf dem Pegel bei Hochwasser. „Wir haben Dampf auf dem Kessel und müssen so früh wie möglich anfangen, bevor uns das nächste Hochwasser einholt“, sagt Burmester. Das Gehölz habe im Juni 2013 einen Rückstau und Anstieg des Wasserspiegels verursacht.

Deichverbands-Geschäftsführer Norbert Thiemann nennt den Rückschnitt einen „kleinen Eingriff mit einem großen Effekt“. Mehr Raum durch die Rückverlegung von Deichen könne der Elbe in dieser Region nicht gegeben werden, weil die Bebauung hinter den Deichen zu dicht sei. Damit darf die Debatte um Deich-Rückverlegungen aber nicht enden, sagt der langjährige Elbe-Streiter Ernst Paul Dörfler vom Bund für Umwelt und Naturschutz. „Selbst wenn das in Niedersachsen nicht möglich ist, müssen wir länderübergreifend mehr Rückhalteflächen suchen. Die Siedlungsdichte an der Elbe ist weit niedriger als am Rhein, zwischen den Ortschaften gibt es viele Möglichkeiten, um dem Fluss mehr Raum zu geben. Wer sagt, wir können das nicht, der will nicht.“

Von Carolin George

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