Verkehr

Elbfähre ist trotz Staus beliebt

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Von der „Glückstadt“ ausfällt der Blick auf die idyllische Elblandschaft.

Glückstadt - Staus gehören an der Elbfähre zwischen Glückstadt (Schleswig-Holstein) und Wischhafen (Niedersachsen) zur Tagesordnung. Dennoch würden viele Pendler und Urlauber sie vermissen, sollte die Fähre durch einen unterirdischen Autobahntunnel ersetzt werden.

Stau. Nichts als Stau, so weit das Auge reicht. Vorbei am Ortsschild von Glückstadt in Schleswig-Holstein, durch die Elbwiesen und bis ans Ufer, wo die Fähre nach Wischhafen im niedersächsischen Kreis Stade ablegen soll. Aber das Schiff ist hier, vom Stauende aus, nicht zu sehen. „Zwei Stunden dauert’s“, gibt ein freundlicher Anwohner Auskunft. „Solange muss man warten, bis man drauf ist.“

„Ja, aber macht nix.“ Daniela Schneider 46 Jahre alte Pädagogin aus Stuttgart und auf der Heimreise von Sylt, steht neben ihrem Opel Kombi und blickt in die Landschaft: grüne Wiesen, weidende Schafe. „Hier steh’ ich lieber im Stau als im Tunnel. Da haben wir noch ein bisschen Urlaub.“ Das habe den Ausschlag gegeben, als sie im Verkehrsfunk vom Stau im Hamburger Elbtunnel hörten. „Weißt du was“, habe ihr Mann gesagt, als er in die Karte blickte. „Wir nehmen einfach die Elbfähre.“ Den Gedanken hatten allerdings noch andere. Doch die Stimmung unter den Wartenden ist entspannt. Vielleicht trägt dazu auch die schmucke Fischbude am Straßenrand bei. „Glückstädter Matjes“, wirbt ein Schild. „Klar leben wir vom Stau“, sagt Jennifer Glässmann, die junge Fischverkäuferin. Der Laden brummt.

Mit den guten Geschäften könnte es an dieser Stelle bald vorbei sein und mit dem Stau vielleicht auch. Schließlich hält ein neues Gutachten des Bundesverkehrsministeriums die Zeit für den seit Jahrzehnten diskutierten Elbtunnel unweit der Fährlinie nun für gekommen. Im Zuge des Weiterbaues der Autobahn A 20 sei dies mit Hilfe privater Finanzierung machbar. Was sich anhört, als könnte es diesmal etwas werden.

Ein paar hundert Meter weiter am Fähranleger hat Karl Naschke, der für die Reederei die ankommenden Fahrzeuge einweist, die Nachricht auch schon vernommen. „Ach, der Tunnel“, winkt der 63-Jährige ab. „Wissen Sie, selbst wenn es nun wirklich ernst würde - bis es so weit ist, fließt noch viel Wasser die Elbe runter.“ Unterdessen legt die „Glückstadt“ an, eine von vier Fähren im Dauereinsatz. Lkw, Wohnmobile, Motorräder rollen herunter, dann dürfen die nächsten Autos aus der Warteschlange mit. Es ist früher Nachmittag, das Niedrigwasser kündigt sich an. Möwen sitzen im grauen Schlick an der Fahrrinne. In einiger Entfernung hebt sich am Ufer düster die Kulisse des Atomkraftwerkes Brokdorf ab. Dennoch ist das Panorama einmalig. Kühe weiden am Ufer hinter dichtem Reet.

Auf der Brücke steuert Schiffsführer Lorenz Rühmann die „Glückstadt“ mit sicherer Hand durch den Strom. Der 45-Jährige genießt den Ausblick jeden Tag. Er weiß, dass hier im Frühjahr und Herbst die Wildgänse rasten und deutet auf fünf dunkle Punkte auf einer Sandbank. „Schauen Sie, Seehunde.“ Rühmann war Landwirt, bevor er als Kassierer auf dem Schiff begann, dessen Kapitän er heute ist.

Der Tunnel? Er zuckt die Achseln. „Die Fähre wird ja trotzdem gebraucht“, meint er. Schulkinder fahren mit ihr jeden Morgen, Pendler, Bauern mit ihren Traktoren. „Die können alle nicht die Autobahn benutzen.“ Die meisten Kunden nähmen die Fähre sehr bewusst. Familien, die vor dem Stau im Hamburger Elbtunnel flüchten, könne gar nichts Besseres passieren als das Fährschiff: „Für Kinder ist das doch ungeheuer spannend. Die können endlich mal raus aus dem Auto, rumlaufen und das Schiff erkunden.“ Am Bug genießt Thomas Pfadt aus Lübeck die Überfahrt. Den Weiterbau der A20 nach Niedersachsen samt Tunnel würde der Uhrmacher begrüßen. „Hätte man früher angefangen, hätte man die A1 nie erweitern müssen. Der Ärger mit den ständigen Baustellen zwischen Lübeck und Bremen wäre uns erspart geblieben.“

Ein Stück weiter steht Astrid Herrmann neben ihrer Honda. Die 55 Jahre alte Hausfrau aus Himmelpforten bei Stade ist mit ihrem Mann Michael auf einer Motorradtour. „Wir würden auch den Tunnel benutzen“, sagt sie. Eine Stunde dauere der Stau auf der Wischhafener Seite im Schnitt. „Andererseits muss man mit dem Motorrad nie lange warten, da wird man gleich durchgewunken.“

Radtourist Rolf Havener aus Stade hält die Fähre für unverzichtbar. „Als Erwachsener zahle ich nur zwei Euro für die Überfahrt, mit Rad 1,50 Euro zusätzlich“, bemerkt der 65-Jährige. „Nicht teuer für so eine schöne Überfahrt.“

Marcus Stöcklin

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