Hinrich-Wilhelm Kopf war kein Übervater

Enthüllungen über Niedersachsens ersten Ministerpräsidenten

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Foto: Kopf-Forscherin Teresa Nentwig hat neue
 Erkenntnisse vorgelegt.

Hannover - Die Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig aus Göttingen hat neue Erkenntnisse zu Hinrich-Wilhelm Kopf in einem Buch gesammelt. Der erste Ministerpräsident Niedersachsens war schwächer als vermutet.

Nach außen galt Hinrich-Wilhelm Kopf, der erste Ministerpräsident Niedersachsens, immer als der starke Impulsgeber und Lenker, als politische Leitfigur der Nachkriegszeit. Je mehr aus dem Innenleben der Regierung in der Nachkriegszeit bekannt wird, desto stärker verfestigt sich ein anderer Eindruck: Kopf musste öfter zurückstecken, unterlag bei Abstimmungen im Kabinett und konnte in Sachfragen keineswegs die Politik dominieren. Nur aufgefallen ist das damals kaum.

Das Landesarchiv und das Göttinger Institut für Demokratieforschung haben jetzt für die Historische Kommission zwei Bände vorgelegt mit den Kabinettsprotokollen der Jahre 1946 bis 1951. Ministerpräsident David McAllister hatte dafür die Vertraulichkeit der Unterlagen aufgehoben. Ausgewertet hat diese Dokumente die Göttinger Forscherin Teresa Nentwig, die vor Monaten mit einer Kopf-Biografie neue Erkenntnisse über den ersten Ministerpräsidenten geliefert hatte. Auch ihre neuen Untersuchungen anhand der Protokolle relativieren nun die Rolle von Kopf.

Als es beispielsweise 1947 um die neue Schulverwaltung ging, habe das Kabinett eine Regel gegen die Stimme Kopfs beschlossen. „Solche Vorkommnisse gab es mehrfach“, berichtet Nentwig. Sie fand noch andere Besonderheiten: Im November 1950 hatte das Kabinett es abgelehnt, die Steuerverwaltung neu zu ordnen und Beamte aus Oldenburg abzuziehen – „mit Rücksicht auf die Mentalität der Oldenburger“. Schon damals also sei das Verhältnis Hannover–Oldenburg sehr spannungsreich gewesen.

Im März 1949 berief das Kabinett eine Reihe von NS-belasteten Personen für Positionen in der Verwaltung. Kopf hatte damals über eine „ungünstige Optik“ geklagt, aber keinen anderen Weg gesehen – man finde keine unbelasteten Spezialisten für die Behörden. Zwei krasse Fälle der „Reintegration von Nazis“ erwähnt Nentwig: Der Jurist Werner Hülle wurde 1950 Amtsgerichtsrat in Oldenburg, Richter am Bundesgerichtshof und dann Oberlandesgerichtspräsident. Zu Kriegszeiten hatte Hülle offenbar an Erlassen mitgewirkt, mit denen Opfern des Regimes der Schutz entzogen wurde. Friedrich Knust, ein Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, wurde im Dezember 1949 zum Regierungsdirektor und später zum Regierungsvizepräsidenten in Stade ernannt.

Noch eine Besonderheit kennzeichnet die Arbeit des Ministerpräsidenten Kopf – er zog sich oft auf die Insel Neuwerk in der Elbmündung zurück, hatte dort im Leuchtturm eine Wohnung gemietet. Wenn er Minister dort empfing, mussten diese oft mitten in der Nacht aufbrechen, um pünktlich anzukommen.

„Die Kabinettsprotokolle der Hannoverschen und der Niedersächsischen Landes­regierung 1946 bis 1951“. ISBN 978-3-7752-6069-5. Hahnsche Buchhandlung Hannover.

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