Grubenunglück in der Türkei

Erdogan-Berater tritt Demonstranten

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Yusuf Yerkel, Berater von Premierminister Erdogan, tritt während der Demonstration gegen Erdogans Besuch in Soma einen Protestanten.

Istanbul - Weinend stehen die Angehörigen vor den Gräbern der getöteten Bergarbeiter von Soma. Die Empörung über die Regierung von Ministerpräsident Erdogan wächst. Tausende fordern ihren Rücktritt. Ein Foto eines Erdogan-Beraters schürt die Wut noch an.

Die Trauer der Hinterbliebenen ist unermesslich, die Wut über die Regierung wächst: Nach dem verheerenden Grubenunglück mit mehr als 280 Toten schlägt der türkischen Regierung eine Welle der Empörung entgegen. Entrüstung löste ein Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aus - er soll am Ort der Katastrophe in Soma auf einen Demonstranten am Boden eingetreten haben. In Soma kam es zu herzzerreißenden Szenen, als Familien zahlreiche der toten Kumpel zu Grabe trugen. Dutzende Bergleute sind noch unter Tage eingeschlossen.

Berater Yusuf Yerkel hatte Erdogan am Mittwoch bei einem Besuch in Soma begleitet. Dabei war es zu Buh-Rufen und Protesten gegen Erdogan gekommen. Auf Fotos ist zu sehen, wie Yerkel auf einen Mann eintritt, den zwei Sicherheitskräfte am Boden festhalten. Das Grubenunglück in Soma vom Dienstag ist das schwerste in der Geschichte der Türkei. Es ist zugleich das schlimmste weltweit seit fast 40 Jahren. Wie viele Bergleute noch in der Zeche eingeschlossen sind, war am Donnerstag unklar. Am Mittwoch hatte Erdogan die Zahl auf 120 geschätzt.

Türkische Medien hatten berichtet, die Regierungspartei AKP habe im vergangenen Monat Forderungen der Opposition zurückgewiesen, die Sicherheit an der Zeche zu überprüfen. Die Proteste gegen die Regierung dauerten am Donnerstag an. In der westtürkischen Küstenmetropole Izmir ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen rund 20 000 Demonstranten vor, wie türkische Medien berichteten. Mehrere Gewerkschaften hatten zum Streik aufgerufen.

In der Hauptstadt Ankara und in der Metropole Istanbul hatten schon am Mittwochabend Tausende Menschen wegen des Grubenunglücks den Rücktritt der Regierung gefordert. Die Polizei ging auch dort mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vor. Kritiker werfen der Regierung vor, trotz Sicherheitsbedenken eine schützende Hand über das Kohlebergwerk gehalten zu haben. Zwei Tage nach der Katastrophe war der Brand in der Zeche wohl immer noch nicht unter Kontrolle. „Es sieht so aus, als wenn das Feuer kleiner geworden wäre“, sagte Energieminister Taner Yildiz. „Die Kohlenmonoxidwerte in dem Bergwerk beginnen zu fallen.“

Erdogan-Berater Yerkel bestätigte dem türkischen Dienst der BBC, dass er auf den Fotos zu sehen sei. Türkischen Medienberichten zufolge sagte Yerkel, bei dem Mann am Boden habe es sich um einen militanten Linken gehandelt, der ihn und Erdogan angegriffen und beleidigt habe. Erdogan hatte die schlechte Sicherheitsbilanz der Kohlebergwerke in seinem Land nach einem Besuch am Katastrophenort heruntergespielt. „Solche Unfälle passieren ständig“, sagte er. „Ich schaue zurück in die englische Vergangenheit, wo 1862 in einem Bergwerk 204 Menschen starben.“ Die Zahl der Toten in Soma stieg nach Angaben der Regierung auf 282. Seit Mittwochabend seien aus dem Kohlebergwerk keine Kumpel mehr lebend geborgen worden, sagte Energieminister Yildiz. Die Bergungsarbeiten würden fortgesetzt.

Am Donnerstag besuchte Staatspräsident Abdullah Gül den Ort der Katastrophe. Verzweifelte Familien mussten die Leichen ihrer Angehörigen identifizieren. Viele beklagten fehlende Informationen. Demonstranten und Gewerkschaften kritisierten, es habe sich nicht um einen Unfall, sondern um „Mord“ an den Arbeitern gehandelt. Demonstranten forderten in Sprechchören den Rücktritt der Regierung. Der Ministerpräsident hatte eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Im ganzen Land wehten die Flaggen auf halbmast.

Nach Angaben der Regierung wurden bei dem Unglück 80 Menschen verletzt. Energieminister Yildiz sagte, 27 davon würden noch im Krankenhaus behandelt. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren nach Yildiz' Angaben 787 Arbeiter in der Zeche gewesen. Beim bis dahin schwersten Bergwerksunglück in der Türkei im Jahr 1992 waren 263 Menschen ums Leben gekommen.

Mit Hilfe von Freiwilligen seien mehr als 200 Gräber ausgehoben worden, sagte ein Totengräber auf dem Friedhof des Ortes. Mehrere Beerdigungen fanden parallel statt. Lastwagen brachten die Särge zum Friedhof. Angehörige, darunter viele Kinder, weinten vor den Gräbern. Medien zufolge hatte ein elektrischer Defekt in einem Trafo zunächst eine Explosion und dann einen Brand verursacht, der nach Angaben von Yildiz in 150 Metern Tiefe ausbrach. Die Bergwerksgesellschaft teilte mit, die letzten Sicherheitsüberprüfungen habe es vor zwei Monaten gegeben.

Das Grubenunglück in der Türkei löste weltweit Trauer aus. Mehrere Länder, darunter auch Deutschland, boten der Türkei Hilfe an. In der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Sicherheitsregeln oder es wurden veraltete Arbeitsgeräte eingesetzt.

dpa

Reaktionen aus Deutschland

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) hat den türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan vor einer Polarisierung der in Deutschland lebenden Türken gewarnt. „Ich hoffe, dass er nichts sagt, was die Spaltung vorantreibt“, sagte einer der neuen TGD-Vorsitzenden, Safter Çinar, dem Kölner Stadt-Anzeiger (Donnerstagsausgabe).

Erdogan wird am 24. Mai vor tausenden Anhängern in Köln sprechen. Die Türkei sei tief gespalten, sagte Çinar. „Wir müssen vermeiden, dass sich die unversöhnliche Atmosphäre auf die türkische Gesellschaft in Deutschland überträgt.“ Er kritisierte ein oft aggressives Auftreten des türkischen Ministerpräsidenten, der glaube, dass hinter den Protesten in seinem Land nicht unzufriedene Bürger sondern finstere Mächte steckten.

Erdogan ist durch das Grubenunglück in Soma erneut massiv in die Kritik geraten. Während er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz erklärte, solche Unglücke würden eben passieren, werfen ihm Opposition und Gewerkschaften vor, durch die Privatisierungspolitik seiner Partei AKP für die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen in den türkischen Zechen mitverantwortlich zu sein.

afp

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