Todespfleger-Prozess

Ermittler wollen acht Leichen exhumieren

+
Foto: Acht Leichen werden Polizei und Staatsanwaltschaft in den kommenden Wochen exhumieren. Die Angehörigen sind bereits informiert worden.

Oldenburg - Im Zuge der Mord-Ermittlungen gegen einen ehemaligen Krankenpfleger wollen die Ermittler zunächst acht Leichen exhumieren. Der Ex-Pfleger ist vor dem Landgericht Oldenburg wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs an Patienten des Klinikums Delmenhorst angeklagt.

Für die Familien und Angehörigen möglicher Opfer des sogenannten Todespflegers Niels H. beginnt ein neuer schwieriger Abschnitt: In den kommenden Wochen werden Polizei und Staatsanwaltschaft potenzielle Opfer des Pflegers exhumieren. Wie die Behörden gestern auf einer Pressekonferenz mitteilten, sollen zunächst acht Leichen ausgegraben und auf Reste des Herzmittels Gilurytmal untersucht werden. Dieses Medikament hatte Niels H. wehrlosen Patienten gespritzt, um sie anschließend reanimieren zu können. Unterdessen hat sich die Staatsanwaltschaft Oldenburg bei den Angehörigen von Opfern für Ermittlungspannen in der Vergangenheit entschuldigt.

„Wir haben die Angehörigen derjenigen, die nun exhumiert werden, bereits informiert“, sagte der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme. Man beginne mit acht Leichen auf einem Friedhof „im Nordwesten Niedersachsens“. Zudem lägen richterliche Genehmigungen für vier weitere Ausgrabungen vor. Wo und wann genau die Toten jeweils exhumiert werden, sagte Kühme nicht. „Wir wollen – so gut es geht – verhindern, dass Medien und Schaulustige dabei sind.“Polizei und Staatsanwaltschaft haben in den vergangenen Wochen Dienstpläne von Niels H. mit Todesfällen auf den jeweiligen Stationen und Einsatzorten abgeglichen. Zudem untersuchten – und untersuchen noch – externe Gutachter die jeweiligen Patientenakten. „Wenn die Todesursache laut dieser Akte plausibel erscheint, wird nicht weiter ermittelt“, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Auch wenn Gilurytmal aus therapeutischen Zwecken verabreicht wurde, werde nicht exhumiert. „Wir können ,gutes’ und ,schlechtes’ Gilurytmal ja im Körper der Leichen nicht unterscheiden“, sagte sie. Wenn die Gutachter hingegen Zweifel an der Todesursache haben, werde die Leiche ausgegraben und nach Überresten des Mittels untersucht.

Der frühere Pfleger und Rettungssanitäter Niels H. muss sich zurzeit wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Er hat im Prozess allerdings bereits gestanden, für den Tod von bis zu 30 Patienten verantwortlich zu sein. Unabhängig von diesem Geständnis ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft aber in 176 Fällen allein aus der Zeit zwischen 2002 und Juli 2005, in der Niels H. im Klinikum Delmenhorst gearbeitet hat. Dazu kämen zum jetzigen Zeitpunkt 20 verdächtige Todesfälle im Klinikum Oldenburg, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. „In diesen Fällen haben wir Ermittlungsverfahren eingeleitet“, sagte sie. „Zu seiner Zeit als Rettungssanitäter in Oldenburg gibt es konkrete Hinweise in acht Fällen, zu denen wir ebenfalls Ermittlungsverfahren eingeleitet haben.“ Niels H. bestreitet bislang, Menschen an anderen Orten als im Klinikum Delmenhorst geschadet zu haben. Schiereck-Bohlmann betonte, dass dies aufgrund der weiterhin laufenden Ermittlungen „tagesaktuelle Zahlen sind, die sich im Laufe der Zeit ändern können“. Zu anderen Tätigkeiten von Niels H., etwa als Rettungssanitäter in Wilhelmshaven, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob ebenfalls Ermittlungsverfahren eröffnet werden.

Darüber hinaus wird auch gegen Mitarbeiter und Verantwortliche der Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst ermittelt. „Dabei geht es um Totschlag durch Unterlassen“, sagte Schiereck-Bohlmann. In Delmenhorst etwa habe es bereits vor zehn Jahren Hinweise auf den erhöhten Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal gegeben. Je nachdem, welche Ergebnisse die Exhumierungen bringen, könne es zu einem neuen Gerichtsverfahren gegen Niels H. kommen, sagte ein Sprecher des Landgerichts Oldenburg. In dem aktuellen Verfahren gegen Niels H. soll laut dem Sprecher voraussichtlich am Donnerstag das Urteil gesprochen werden.

Kommentare