Ostfriesland

Erste Klub-Jugendherberge feiert Eröffnung

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Foto: General Manager Ralf Eisenbarth vor dem Modell der All-inclusive-Klub-Anlage.

Neuharlingersiel - Am Freitag wird im ostfriesischen Neuharlingersiel Deutschlands erste Klub-Jugendherberge eröffnet. Auf 30.000 Quadratmetern fanden sogar ein Wattlabor und eine „School of Rock“ für Bandworkshops Platz.

Da taucht er plötzlich aus dem Nichts auf, der All-inclusive-Klub. Da, wo man ihn nicht erwartet, inmitten von Wiesen und Feldern. Lichtet sich der Nebel, ist auch der Deich zu sehen, dahinter beginnt das Wattenmeer. Geht man ein paar Minuten die Landstraße entlang, ist man direkt im ostfriesischen Neuharlingersiel, einem kleinen Fischerörtchen mit herausgeputztem Hafen. Verschlafen im Winter, erwacht der Ort im Sommer. Die Gäste, die hier in den traditionell eingerichteten Gaststuben ein Köpke Tee trinken, sind meist älter. Die Jüngeren sollen in Zukunft im DJH-Resort Neuharlingersiel, der ersten Klub-Jugendherberge Deutschlands, einchecken. Am kommenden Freitag ist die Eröffnung, die Herberge erwartet die ersten Gäste, darunter viele Familien.

Wird er ihn dann endlich sagen, den Satz, den viele aus ihren Jugendherbergs-zeiten kennen? Er tut es für uns: „Auf den Fluren wird nicht gerannt“, ruft Ralf Eisenbarth gut gelaunt einem Mitarbeiter zu, der an ihm vorbeieilt. Eisenbarth nennt sich Hausleiter, auf seiner Visitenkarte steht General Manager, einst hieß das Herbergsvater. Der Saarländer, der auf der ganzen Welt in Klubs gearbeitet hat, leitet nun die Herberge hinterm Deich. Der Hotelbetriebswirt schwärmt von den Möglichkeiten, dem Gelände, dem Konzept. Und von Land und Leuten. „Ich würde gerne hierbleiben“, sagt der 50-jährige Weltenbummler und führt forsch durch den Klub.

Das Gelände ist 30 000 Quadratmeter groß. In einem Hauptgebäude und vielen einzelnen Häusern war eine Reha-Klinik untergebracht, die 2011 in die Insolvenz ging. Das Deutsche Jugendherbergswerk kaufte das Areal. Die Modernisierung inklusive Kaufpreis hat rund 6, 5 Millionen Euro gekostet – eine überschaubare Summe. 398 Betten verteilen sich nun im Haupthaus mit 78 Apartments, im urigen Friesenhaus mit 14 Doppelzimmern, dazu gibt es sechs einzelne Bungalows und noch ein Apartmenthaus mit vier Einheiten für vier bis sieben Personen. Die Zimmer sind unterschiedlich, aber alle recht farbenfroh gestaltet, der Flachbildschirm gehört zum Standard, die hellen Möbel aus Reha-Zeiten sind aus antiallergischem Vollholz, auf den neuen Betten liegen rückenfreundliche Matratzen. Die Räume haben überwiegend einen Balkon oder eine Terrasse, manche Wohnungen besitzen einen Kamin, jede ein modernes Bad, WLAN. Man muss etwas suchen, dann findet man auch die Sechserzimmer mit Stockbetten für Schüler. Denn Klub hin oder her – auf Klassen will man auch hier nicht ganz verzichten. Wie ihr Aufenthalt in Neuharlingersiel aussieht, entscheiden die Lehrer. Bei der Buchung einer Fahrt können sie aus verschiedenen Programmpunkten auswählen.

Alle anderen Gäste dürfen nutzen, was der Klub so bietet: Das heißt Kinderbetreuung, täglich wechselndes Animationsprogramm, viel Sport, abendliche Vorführungen, Vollpension mit Service am Tisch. Es gibt ein Café am See, Bars, ein Teehaus, Grillplätze. Dazu Medienräume, Fitness- und Wellnessbereiche, ein Kinderspielhaus, einen Jugendtreff und eine sogenannte School of Rock für Bandworkshops. „Unser Programm ist weitaus mehr als nur Unterhaltung. Es hat einen Erlebnis- und Lerneffekt“, sagt Eisenbarth. Das muss auch so sein – sonst würde der Klub nicht zur DJH-Philosophie passen. Ein Beispiel: Nach der geführten Wattwanderung geht’s ins klubeigene Wattlabor, um das, was man im Schlick gefunden hat, näher unter die Lupe zu nehmen.

Wer möchte, kann sich den ganzen Tag auf dem Gelände aufhalten. Und wie findet das die ostfriesische Nachbarschaft? „Bei mir hat sich noch kein Hotelier über das Resort beschwert“, sagt Neuharlingersiels Bürgermeister Jürgen Peters. Viele im Ort würden die Klubanlage nicht als Konkurrenz wahrnehmen, zu verschieden seien die Zielgruppen. „Unsere Gäste gehen nicht in Jugendherbergen“, sagt auch die Kellnerin aus der Hafenkneipe „Datteln“. Eine Geschäftsfrau beklagt allerdings, dass wegen des 24-Stunden-Shops im Klub sicher kaum jemand noch zum Einkaufen in den Ort käme. Ralf Eisenbarths Rechnung geht anders: Das Resort hat 47 Stellen geschaffen, viele von den neuen Mitarbeitern und Animateuren kämen aus der Gegend. „Außerdem sind wir mit den örtlichen Anbietern – vom Schwimmbad, Fahrradverleiher bis zum Reiterhof – Kooperationen eingegangen“, sagt er.

Für die nächste Zeit hat er eine klare Zielvorgabe: 50.000 Übernachtungen pro Jahr muss der Klub liefern. 20.000 davon sind im Eröffnungsjahr bislang verkauft. Dabei variieren die Preise für einen Kluburlaub je nach Saison und Kategorie (Apartment, Bungalow oder Zimmer). So bezahlt eine vierköpfige Familie von Montag bis Freitag in der Hauptsaison etwa 1100 Euro all-inclusive, dazu gibt es preisgünstigere Angebote für Gruppen, an Feiertagen oder zur Eröffnung.

Setzt sich der Trend fort, könnte die Rechnung aufgehen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Übernachtungen in den deutschen Jugendherbergen leicht auf fast 10,2 Millionen an. Die Zahl der Herbergen sank zwar um vier auf 525, die Zahl der Betten stieg aber um 2200 auf fast 78.000.

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