Landvolk-Präsident Werner Hilse im HAZ-Interview

„Europa kann
 Herr Meyer nicht ändern“

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Foto: „Natürlich kann man alles immer noch stärker kontrollieren. Ich glaube aber nicht, dass dadurch etwas besser wird“: Landvolk-Präsident Werner Hilse.

Hannover - Landvolkpräsident Werner Hilse spricht im HAZ-Interview über die Pläne des Landwirtschaftsministers – und überGrillwürstchen, Gülletourismus und Größenwahn.

Werner Hilse wurde 1952 in Schnega im Kreis Lüchow-Dannenberg geboren. Bereits mit 18 Jahren hat er den elterlichen Hof übernommen. Heute bewirtschaftet er gemeinsam mit seiner Frau Karin, einer Diplom-Agraringenieurin, den inzwischen 250 Hektar großen Betrieb mit Ackerbau und rund 2000 Schweinen. Hilse steht seit 2003 an der Spitze des niedersächsischen Landvolks. Seit 2006 ist er Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands. Er hat drei erwachsene Kinder.

Herr Hilse, haben Sie in diesem Sommer schon eine Wurst gegrillt?

Nicht nur eine – und ein schönes Stück Fleisch war auch schon dabei.

Wussten Sie denn auch, woher das Fleisch kam? Oder hat Sie das nicht interessiert?

Das war ein Stück Schweinefleisch aus ganz ordnungsgemäßer Produktion, das wurde in Uelzen geschlachtet. Meine Tochter hat nur bedauert, dass wir nicht auch Putenfleisch zum Grillen hatten.

Viele Verbraucher haben bei Fleisch aus Niedersachsen kein so gutes Gefühl mehr – speziell dann nicht, wenn es aus den Riesenbetrieben im Nordwesten stammt. Läuft die Entwicklung inzwischen aus dem Ruder?

Wir machen uns durchaus Gedanken, ob da etwas falsch läuft. Aber es gibt oft auch falsche Ängste. Zäune um die Höfe erwecken zum Beispiel die Vermutung, dort passierten ganz schlimme Dinge – dabei stehen sie dort nur aus ­seuchenhygienischen Gründen. Auch die Maschinen befremden viele zu Unrecht. Wir Deutsche sind Technikfetischisten – nur beim Bauern wird sie nicht ak­zeptiert. Bei mir im Schweinestall steuern zum Beispiel Sensoren das Futter nach Bedarf – für die Tiere ist das eine Verbesserung.

Die Massentierhaltung bringt jedoch auch sehr reale Probleme – zum Beispiel den Gülletourismus.

Gülletourismus gibt es in Niedersachsen kaum.

Wie würden Sie es nennen, wenn Gülle aus dem Emsland ins Wendland gefahren wird, um dort ausgebracht zu werden?

Was Sie meinen, konzentriert sich auf den Hühnertrockenkot, das ist etwas anderes. Wir haben das Problem, dass in einigen Gebieten zu viel Dünger anfällt, der nicht dort ausgebracht wird. Wir stehen zu unseren Konzentrationsgebieten zum Beispiel im Emsland. Da sind ursprünglich kleine, gewachsene Betriebe, die sich wegen ihrer geringeren Fläche auf Tiere spezialisiert haben. Das Problem mit dem Dünger muss auch auf technische Weise gelöst werden – und bis dahin muss er zur Not auch transportiert werden. Das ist nur ein räumlich größerer Kreislauf, zur Kreislaufwirtschaft stehen wir.

Christian Meyer, dem grünen Landwirtschaftsminister, schwebt eine andere Lösung vor: Er will ein Güllekataster einführen, das genau erfasst, wer wie viel Mist auf seine Felder bringt. Fürchten Sie diesen Plan?

Nein, überhaupt nicht. Das ist ja auch längst geregelt. Der Plan zeigt nur Meyers Unkenntnis der Dinge. Schon heute muss jeder Landwirt eine Düngebilanz führen. Außerdem hat kein Landwirt ein Interesse daran, seine Gülle nur auf einem Hektar auszubringen.Dann bräuchten Sie die Pläne ja nicht zu stören.

Die Frage ist am Ende, wie man das überwachen will. Eigentlich müsste man dazu an jedem Wagen eine Wiegeeinrichtung mit GPS-Steuerung haben. Die ist aber so teuer, dass sie sich, wenn überhaupt, nur große Betriebe leisten könnten. Seinem Ziel, kleinere Betriebsgrößen zu fördern, würde er dadurch also nur schaden. Und die Belastungen, die wir heute im Grundwasser haben, stammen zum größten Teil aus lang zurückliegenden Zeiten. Da lag der Misthaufen neben dem Haus, und alles ist versickert. Da war Landwirtschaft viel schädlicher.

Welche wirklichen Ziele würden Sie dem Minister denn unterstellen?

Man wird das Gefühl nicht los, dass es vor allem um eines geht: die Nutztierhaltung in Niedersachsen zu reduzieren. Natürlich kann man alles immer noch stärker kontrollieren. Ich glaube aber nicht, dass dadurch etwas besser wird.Stichwort Kontrolle: Die Landesregierung will mit fast 200 zusätzlichen Mitarbeitern Lebensmittel stärker überwachen. Das müsste doch in Ihrem Sinne sein. Wir brauchen Kontrolle, sicher. Aber man wird dadurch nicht mehr finden. Wichtiger ist zu wissen, wo man genau hinsehen muss. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall mit dem Aflatoxin ...

... einem Schimmelpilzgift ...

... im Futtermais. Wenn da ein Schiff aus einem potenziell belasteten Gebiet wie Serbien eintrifft, dann muss man gezielt dort genauer hinsehen. Dieses Wissen hat das Laves, das Landesamt für Verbraucherschutz, ja auch.

Die zusätzlichen Stellen bezahlt ...

... am Ende der Verbraucher.

Wahrscheinlich wären viele dazu aber auch bereit, wenn sie dafür mehr Sicherheit und Qualität bekämen.

Das ist die Frage – auch eine politische. Natürlich sind auch andere Haltungsbedingungen bezahlbar – nur nicht von allen. Man muss sich dann entscheiden, ob man einem Teil der Bevölkerung den Fleischkonsum dadurch begrenzt oder ihn davon ausschließt. Abgesehen davon, dass wir uns nicht gegenüber anderen Ländern mit anderen Regeln abschotten können.

Es käme vielleicht auf den Versuch an, wie viel Verbraucher für artgerechte Haltung zahlen würden.

Wir sind gerade mit den großen Handelsketten in Gesprächen wegen eines „Mehr an Tierwohl“. Die Handelsketten wollen das. Da geht es nicht nur um Tierschutz, den wir ohnehin einhalten, sondern auch um möglichst großen Komfort für die Tiere. Da haben viele sehr weitreichende Vorstellungen, vom Kaustrick für die Schweine bis zu Wolldecken. Wir machen da gern mit, wenn wir das Geld dafür bekommen. Es gibt aber auch viele praktische Probleme. Wenn eine Kette das auslobt, muss sie auch genug Erzeuger haben. Die hat sie aber nicht.

Warum nicht?

Weil ein Tier nicht als Ganzes, sondern in Teilen verkauft wird. Von einem Schwein zum Beispiel wird viel exportiert, aber die Filets bleiben zu 98 Prozent in Deutschland. Das heißt: 98 Prozent der Schweine müssten anders gehalten werden. Das wird real nicht geschehen. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang.

Bei den Eiern hat es funktioniert – oder glauben Sie, man könnte die Käfigeier noch wie in den siebziger Jahren verkaufen?

Bei den Frühstückseiern hat es funktioniert, ja. Bei den verarbeiteten Eiern in Schokoküssen oder Nudeln sieht es schon wieder anders aus.

Wäre da nicht ein Aufdruck wie „Käfigei aus der Ukraine“ hilfreich?

Möglicherweise. Dagegen haben wir nichts, da sind wir mit der Landesregierung einig. Aber was bei der Ukraine noch funktioniert, geht mit Polen schon nicht mehr. Das ist Europa, das kann auch Herr Meyer nicht einfach ändern.

Dennoch können Sie das Unbehagen vieler Verbraucher gegenüber immer größeren, industrieähnlicheren Betrieben ja nicht ignorieren. Wo ist für Sie selbst die Grenze erreicht? Wo kippt Effizienz in Hybris um?

Es gibt einen Umkehrpunkt. Der reine Größenvorteil hört vermutlich bei 1000 bis 1500 Hektar auf. Kritisch sehe ich es auch, wenn Betriebe mithilfe von Investoren immer weiter wachsen. Nicht nur weil es auf den Dörfern dann keine Bauern mehr gibt, sondern auch, weil man bestimmte Bereiche wie Grund und Boden dem Kapital anheimgibt. Wir Bauern sind dann nur noch Margenproduzenten. Wir sind an einem Punkt in Niedersachsen angekommen, wo es keine größeren Produktionssteigerungen mehr geben wird.

Auch nicht mit Biogas?

Nein. Was steht, bleibt, aber der Boom ist vorbei. Die Politik hat aus meiner Sicht lange gezögert, da einzuschreiten. Aber auch das ist eine Grundsatzfrage: Können wir es uns wirklich leisten, auf so viel Fläche zur Nahrungserzeugung zu verzichten?

Bei Ihrer Skepsis gegenüber noch mehr Größe könnten Sie sich doch eigentlich bei Minister Meyer unterhaken, oder?

Nein, das sicher nicht. Sein Weg ist ­unrealistisch, er bleibt unverbindlich. Das muss der Markt regeln, nicht die Politik.

Der Markt, das sind aber auch immer mehr Biosupermärkte in den Städten. Warum gibt es dennoch nicht mehr Biolandwirte in Niedersachsen?

Ein Biolandwirt muss völlig anders wirtschaften. Das ist noch kein so großes Hindernis. Aber er muss auch Dinge tun, die bei uns früher sozial geächtet waren. Er muss zum Beispiel im Frühjahr ausländische Helfer beschäftigen, die das Unkraut rauszupfen. Ich konnte das bei uns in einigen Fällen gut beobachten. Das ist mir zuwider. Landwirte, die einigermaßen gut zurechtkommen, stellen nicht um. Eine andere ethische Frage ist, ob wir es uns leisten können, Landschaften so wenig intensiv zu nutzen. Nehmen Sie die riesigen Flächen der Uckermark, auf denen nur wenige Rinder stehen, die dann natürlich bio sind – aber um welchen Preis?

Sie stören sich an den Helfern auf den Biofeldern – aber den Hilfsabeitern, die Ihre Schweinehälften zerlegen, geht es eher noch schlechter.

Das kritisieren wir auch. Aber das müssten wir europaweit regeln. Wir bräuchten zumindest für Westeuropa gültige Mindestlöhne. Es kann nicht sein, dass der eine das macht, und der andere macht das nicht.

Wie empfinden Sie selbst die Stimmung gegenüber den Landwirten in Niedersachsen?

Wir Landwirte arbeiten auf unseren Höfen sehr verantwortungsbewusst. Wir wünschen uns etwas weniger Misstrauen und etwas mehr Verständnis für unser Tun.

Interview: Jörg Kallmeyer, Hendrik Brandt, Thorsten Fuchs, Michael B. Berger, Susanne Iden

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