Semesterbeginn

Die Exzesse der Erstsemester

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In Göttingen beginnt für viele Erstsemester das Studium offenbar nicht im Hörsaal, sondern bei einem kollektiven Besäufnis in der Innenstadt.

Göttingen - Seit einigen Jahren gibt es in der Universitätsstadt Göttingen in der Woche vor Semesterbeginn ein Treiben, wie man es nur von sogenannten Vatertagstouren kennt: Zahlreiche Gruppen von Studenten ziehen mit Einkaufswagen voller alkoholischer Getränke vom Campus in die Innenstadt, um sich dort zu betrinken.

In diesem Jahr waren die Touren, die verschiedene Fachschaften in der „O-Phase“ (Orientierungsphase) für die Erstsemester organisieren, besonders exzessiv: Elf Studienanfänger landeten mit akuter Alkoholvergiftung in der Notaufnahme des Göttinger Uni-Klinikums, bestätigte die Sprecherin der Universitätsmedizin, Bettina Bulle.

Das kollektive Besäufnis auf öffentlichen Plätzen, das inzwischen offenbar als eine Art Initiationsritual für künftige Akademiker mit entsprechendem Gruppenzwang veranstaltet wird, ist ein vergleichsweise junges Phänomen in der 275-jährigen Geschichte der Göttinger Traditionsuniversität. Vor einigen Jahren gingen insbesondere die Fachschaften der großen Fakultäten wie beispielsweise der Wirtschaftswissenschaften und der Medizin dazu über, zum Kennenlernen nicht mehr nur abendliche Kneipentouren anzubieten, sondern am helllichten Tag „Stadtführungen“ mit Unmengen von Bier und harten Getränken zu veranstalten.

Dabei stehen auch verschiedene Wettbewerbe auf dem Programm. Besonders beliebt ist die „Kleiderkette“, bei dem Teams so viele Kleidungsstücke wie möglich aneinander knoten und am Ende zahlreiche Studenten spärlich bekleidet vor dem historischen Aulagebäude um das Denkmal von König Wilhelm IV. auf dem Göttinger Wilhelmsplatz rennen.

Bereits in den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Beschwerden dagegen gegeben. Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel hatte deshalb vor Semesterbeginn in einem Brief an die Dekanate der Fakultäten auf die Problematik hingewiesen und an die studentischen Tutoren der Orientierungsphase appelliert, den Alkoholkonsum nicht zu fördern und auch auf das Kleiderkettenspiel zu verzichten. Die Verantwortung für die O-Phasen-Veranstaltungen liege allerdings nicht bei der Universität, sondern bei den studentischen Fachschaften, sagte Uni-Sprecher Romas Bielke. Der Appell der Uni-Präsidentin hat wenig gefruchtet. „Wir bedauern diese Fälle“, sagt Bielke. Jetzt will die Hochschulleitung beim nächsten Studiendekanekonzil über das Problem sprechen.

Nach Uni-Angaben haben sich zum Wintersemester 5500 Studierende neu eingeschrieben, 4200 der Neuimmatrikulierten sind Studienanfänger. Die Zahl der Studenten erhöht sich um 3,3 Prozent auf 26 300. Dies ist der höchste Wert seit 1998.

Heidi Niemann

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