Bahn gibt Autoreisezug auf

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

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Foto: Die Reise hat bald ein Ende – zumindest für die Autoreisezüge der Deutschen Bahn.

Berlin - Der Zug hat ausgedient, die Bahn steigt auf den Lkw um: Autoreisezüge wird es höchstens noch drei Jahre lang geben, auch die Schlaf- und Liegewagenverbindungen stehen in den nächsten Jahren vor dem Aus.

Nostalgiker laufen Sturm, die Bahn verteidigt ihre Firmenpolitik. Beides seien Nischenangebote, in die nicht mehr investiert werden könne. Nur noch 200.000 Reisende pro Jahr nutzen den Autozug. In der DB-Fahrgastbilanz ist das eine Zahl im Promillebereich. Allein 360.000 Passagiere werden im Fernverkehr gezählt – pro Tag.

Nachtverbindungen und dort besonders die Autozüge sind Auslaufmodelle. Billigflieger und ICEs haben den nächtlichen Schienenverkehr an den Rand gedrängt. Nun stellt die Bahn auch ihr Rumpfangebot auf den Prüfstand. Denn sie müsste in neue Wagen investieren, das aber wäre wirtschaftlich nicht vertretbar. Die Autotransportwagen haben bereits 40 Jahre und mehr auf den Achsen, bis 2017 laufen die Genehmigungen aus. Neue werden nicht angeschafft.

Wie es aussieht, wenn die Bahn einem Angebot keine Zukunft mehr zugesteht, ist zurzeit in Berlin-Wannsee und München-Ost zu beobachten. Die Autozüge auf der Strecke sind eingestellt, stattdessen werden die Autos per Lkw transportiert, die Reisenden fahren parallel mit dem Zug. Ein Versuchsballon im äußert kleinen Rahmen. Außerhalb der Ferienzeit käme man meist mit einem Lkw aus, der sechs Autos transportiert, sagt eine Bahn-Sprecherin. Im Sommer soll der Probelauf des Konzepts „Auto und Zug“ ausgewertet werden.

„Das ist an der Grenze des Perversen“, sagt Gerd Aschoff dazu. Der Pressesprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn hofft, dass die Bahn zumindest ein schlechtes Gewissen bei dieser Lösung hat. Ohnehin seien das die letzten Zuckungen eines zum Sterben verdammten Angebots. Er kennt genügend begeisterte Nutzer der Autozüge. Motorradfahrer zum Beispiel, die über die Passstraßen der Alpen kurven wollen, aber sich die 
ermüdende Autobahnfahrt von Norddeutschland aus sparen. Skandinavier auf dem Weg in den Süden, die in Hamburg auf den Autozug rollen, um sich das hohe Verkehrsaufkommen auf deutschen Straßen zu ersparen.

Im Gegensatz zu Berlin werden in Hamburg und Hildesheim noch Autozüge Richtung Süddeutschland, Frankreich und Österreich abgefertigt. Noch. „Die internationalen Verbindungen fallen bereits im Herbst weg“, sagt Hans-Christian Christiansen von der Eisenbahnergewerkschaft EVG. Die DB weist das zurück. Es werde an Lösungen gearbeitet. Dazu könnte auch gehören, die Autos mit Güterzügen zu befördern. Damit wären sie allerdings langsamer im Ziel.

Auch bei der EVG gibt man dem Kampf um den Autozug so gut wie verloren. Vielleicht sei es möglich, die Nachtzüge zu retten. „Aber in zehn, 15 Jahren ist Schluss“, meint Christiansen. Strecken werden gestrichen, die Wagen werden immer klappriger. „Das sind alte Schätzchen, es fehlt an Komfort“, kritisiert Aschoff. Seit diesem Monat sind die letzten Speisewagen in Nachtzügen gestrichen, das Feierabendbier verkauft der Schaffner. Waren die Schlafwagenzüge nicht einmal die Prestige-Verbindungen der Bahn? „Sie verwechseln Prestige mit Nostalgie“, antwortet die DB-Sprecherin. Stolz sei man auf den ICE. Nicht auf den Nachtverkehr.

Jan Sternberg

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