Entzug des Doktortitels

Der Fall Goehrmann

+
Klaus E. Goehrmann: Nach Überzeugung der TU Clausthal hat er bei seinem dritten Doktortitel bewusst getäuscht, indem er Daten aus dem Laserzentrum ohne Quellenangabe benutzte.

Clausthal-Zellerfeld - Die Dissertation von Klaus Goehrmann aus dem Jahr 2010 ist „keine selbstständige wissenschaftliche Arbeit“. Die Auseinandersetzung um die Aberkennung des Doktortitels wird wohl auch Auswirkungen auf die akademische Szene in Hannover haben.

Der frühere Messechef Klaus E. ­Goehrmann darf seinen dritten Doktortitel nicht mehr führen. Die von ihm bei der Technischen Universität (TU) Clausthal eingereichte Dissertation „Beitrag zum technologisch-wirtschaftlichen Vergleich des gepulsten zum kontinuierlichen Laserschweißen“ stelle „keine selbstständige, wissenschaftliche Arbeit dar“, teilte der Fakultätsrat gestern mit. Sie enthalte „zum großen Teil“ Textpassagen aus einem Forschungsbericht des Laser Zentrums Hannover (LZH) – darauf habe Goehrmann aber an keiner Stelle hingewiesen. Die Mitglieder der Prüfungskommission sähen sich daher „getäuscht“.

Der diplomierte Kaufmann Goehrmann war bereits Träger von zwei Doktortiteln, als er 2010 der Liste einen weiteren Titel hinzufügen wollte – diesmal aus einem technischen Fach. Das Thema fand sich im LZH, bei dem Goehrmann damals Kuratoriumsvorsitzender war. Da dem Prüfling aber das Know-how zum Bedienen der teuren Geräte fehlte, fand man eine andere Lösung: Auf Vermittlung des LZH-Mitgründers Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. mult. Dr. med. h. c. Heinz Haferkamp wurden Goehrmann Messreihen zweier Forscher als Grundlage für seine Dissertation zu Verfügung gestellt. Das wird ihm jetzt zum Verhängnis.

„Mit diesem Umstand ist unser Mandant stets offen umgegangen“, sagt sein Anwalt Ben Irle. Diese Darstellung weist die TU Clausthal jedoch zurück: „An keiner Stelle der Doktorarbeit wird auf den Forschungsbericht verwiesen“, heißt es in der gestrigen Erklärung. Wer eine Doktorarbeit abgibt, muss stets separat unterschreiben, dass er alle Quellen ausgewiesen hat. Goehrmann aber will in seinem Promotionsvortrag 2010 mündlich die Herkunft seiner Daten erklärt haben– vor 40 Zuhörern, die Prüfungskommission in der ersten Reihe. Den Vorsitz hatte Prof. Dr.-Ing. Norbert Müller aus der Leitung des Clausthaler Instituts für Maschinenwesen. Hauptberichterstatter war Prof. Dr. Volker Wesling, damals noch stellvertretender TU-Präsident und Kuratoriumsmitglied des LZH. Als Mitberichterstatter saß LZH-Mitgründer Haferkamp im Saal.

Dieser Umstand könnte noch relevant werden – sollte Goehrmann wegen der Aberkennung des Titels vor Gericht ziehen. Ob er den Klageweg beschreite, sei offen, sagt Anwalt Irle. „Sobald uns der Bescheid zugestellt wird, werden wir Rechtsmittel prüfen.“ Dass die TU Clausthal zunächst die Medien informiere, sei „skandalös“. Ein Uni-Sprecher bestreitet das: Die entsprechenden Bescheide seien bereits verschickt worden.

Die Auseinandersetzung um die Aberkennung des Doktortitels wird wohl auch Auswirkungen auf die akademische Szene in Hannover haben. Goehrmann führt an der Leibniz-Uni den Titel des Honorarprofessors und hat die Funktion des Ehrensenators inne. Uni-Präsident Erich Barke bestätigte gestern: „Es ist richtig, dass wir möglicherweise auf die Aberkennung des Doktortitels in Clausthal reagieren müssen – aber wir werden erst dann handeln, wenn der Vorgang dort abgeschlossen ist.“ Solange Goehrmann der Klageweg gegen die Entscheidung der Clausthaler Uni-Gremien offenstehe, bestehe kein Grund zum Handeln.

Goehrmann trägt den Titel des Honorarprofessors, weil er an der Uni ordentliche Vorlesungen gehalten hat. „Dass die inhaltlich gut waren, daran gibt es keinen Zweifel“, sagt Barke. Ehrensenator ist Goehrmann in Anerkennung seines Engagements für die Universität. „Auch daran, dass er für die Universität mit seinen Kontakten und seinem Engagement viel Gutes bewirkt hat, dürfte kein Zweifel bestehen – ebenso übrigens wie über seine Verdienste für Hannover insgesamt.“ Trotzdem müsse laut Ehrenordnung der Hochschule geprüft werden, ob Goehrmann sich „unehrenhaft verhalten“ habe. „Wir werden das sehr gewissenhaft tun“, sagt Barke.

Der aktuelle Vorgang werfe die grundsätzliche Frage auf, ob in Plagiatsfällen nicht die Gutachter deutlicher belangt werden müssten. Die Uni hatte bereits nach den ersten bundesweiten Fällen eine Überprüfungssoftware eingeführt, um offensichtliche Schummeleien zu entlarven. „Letztlich liegt es in der Verantwortung der Gutachter, auf die Qualität der Arbeiten zu achten“, sagt Barke.

Zum Laserzentrum wollte er sich nicht äußern – dieses ist bis auf einen Kooperationsvertrag unabhängig von der Universität. Am Laserzentrum selbst gab es gestern keine Stellungnahme. „Die Geschäftsführung wird die aktuellen Vorgänge nicht kommentieren“, sagte Sprecherin Silke Kramprich nur.

Jens Heitmann und Conrad von Meding

Nachgefragt bei Plagiatssucher Martin Heidingsfelder aus Nürnberg

Herr Heidingsfelder, Sie waren der Plagiatssucher, der unter anderem den Fall Goehrmann recherchiert und öffentlich gemacht hat. Was ist das für ein Gefühl, wenn die Uni dann tatsächlich den Titel aberkennt? Natürlich ist da Freude, aber gleichzeitig auch Ärger, weil der Fall nicht wirklich vollumfänglich an den akademischen Einrichtungen aufgearbeitet ist.

Was meinen Sie? Der Skandal ist doch eigentlich viel größer. Herr Goehrmann ist doch nur ein Puzzleteil im Spiel. Die Frage ist doch jetzt: Welche Rolle hat ein Herr Prof. Haferkamp gespielt als Vorsitzender des Laserzentrums und damals als Gutachter, welche Rolle spielte Prof. Volker Wesling vom Clausthaler Uni-Präsidium und Laserzentrumskuratorium? Und welche Rolle spielt Herr Prof. Barke, der hannoversche Uni-Präsident?

Wieso Herr Barke? Mir liegt ein Schreiben der damaligen Wissenschaftsministerin Johanna Wanka vor, in dem sie Herrn Barke auffordert, dafür zu sorgen, dass Herr Goehrmann den Professorentitel nicht mehr trägt. Schließlich ist er nur Honorarprofessor. Mir scheint aber, dass die Uni nicht durchgegriffen hat: Bis vor einigen Wochen hat Herr Goehrmann weiter seinen Professorentitel getragen. Ich habe das Gefühl: Alle stehlen sich aus der Verantwortung.

Falls das so stimmt: Woher wissen Sie eigentlich so viele Interna? Ich bin gewerblicher Plagiatssucher. Ich bekomme viele Informationen von Menschen, die tiefe Einblicke haben, und werde von Auftraggebern dafür bezahlt, Widersprüche aufzuklären und Täuschungen zu benennen.

Gab es auch im Fall Goehrmann zahlende Auftraggeber? Ach, Sie werden doch ahnen, dass ich Ihnen darauf keine Antwort gebe.

Dann blicken wir nicht zurück, sondern in die Zukunft: Arbeiten Sie gerade an einem Plagiatsverdachtsfall aus Hannover? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber rein statistisch ist jedes Jahr mindestens ein relevanter Plagiatsfall aus Niedersachsen dabei. Auch Hannover kommt also regelmäßig an die Reihe.

Interview: Conrad von Meding

Kommentare