Im Krieg gegen den IS

Familienvater aus Niedersachsen kämpft im Irak

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Sein Leben in Deutschland steckt voller guter Gründe zum Hierbleiben. Dennoch sagt Chairi Suleyman: „Ich muss kämpfen.“ Foto: von Ditfurth

Meinersen - Chairi Suleyman hat einen Entschluss gefasst. Der Familienvater aus der niedersächsischen Provinz Meinersen will sich im Irak der Terrormiliz IS in den Weg stellen. Er will sein Volk verteidigen. Er will an die Front. „Wir gründen jetzt unsere eigene Armee, um unser Land zurückzuerobern“ sagt Suleyman.

Die Flugverbindung hat er schon rausgesucht. Von Düsseldorf nach Erbil, zwei Stopps, elfeinhalb Stunden, und weiter mit dem Auto. Er wartet jetzt bloß noch auf seinen Reisepass. Nächste Woche werde der Pass fertig sein, hat man ihm im Ordnungsamt gesagt. Sobald er ihn in Händen hält, will Chairi Suleyman das Ticket in den Irak buchen. Das Ticket in den Krieg.

Chairi Suleyman wird sich dem Kampf gegen die Mördertrupps des selbsternannten „Islamischen Staates“ anschließen. Er will sein Volk verteidigen. Er will an die Front.

Mit 41 Jahren an die Front

Man hört jetzt viel von jungen Deutschen, die zu den Schlachtfeldern des Iraks und Syriens aufbrechen. Die glauben, sie fänden dort als Gotteskrieger ein besonders apokalyptisches Level jener Videospiele vor, mit denen sie aufgewachsen sind. Mit diesen Leuten hat Chairi Suleyman nichts gemein. Er ist mit seinen 41 Jahren nicht mehr jung, fanatisch ist er auch nicht. Und Chairi Suleyman ist Jeside. Deshalb will er an die Front.

In den Shingal-Bergen, wo der IS jetzt Autobomben und Sprengstoffgürtel zündet, ist Chairi Suleyman geboren. Dort lebte er, inmitten von Armut und Gewalt, bis er vor zwei Jahrzehnten nach Deutschland flüchtete. Hier hat er ein Leben aufgebaut, das voll ist mit wirklich guten Gründen, um dem Tod aus dem Weg zu gehen.

Chairi Suleyman ist Vater von elf Kindern, das älteste ist 21 Jahre alt, das jüngste sechs Monate. Die Familie lebt in Meinersen, in einem Eigenheim aus weißem Klinker, Neubauidyll in der ostniedersächsischen Provinz. Chairi Suleyman hat in all den Jahren auskömmlich verdient. Er arbeitete als Filialleiter von Fast-Food-Restaurants, Autohändler war er auch mal, es gab immer genug zu tun. Gern erzählt er, dass er nur sieben Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland deutscher Staatsbürger wurde. Eigentlich ist die Einbürgerung erst nach acht Jahren möglich - es sei denn, man kann schon vorher nachweisen, dass man 60 Monatsbeiträge in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Chairi Suleyman konnte das, es macht ihn stolz.

Der Krieg geht weiter, auch wenn keiner hinschaut

„Das Leben war schön“, sagt er und klatscht kurz in die Hände. Die einzig trübe Nachricht kam vor einigen Jahren, da bekam Chairi Suleyman es mit dem Herzen zu tun, nichts allzu Ernstes, aber der Arzt riet: „Vermeiden Sie Stress.“ Chairi Suleyman wird seine Herztabletten mit in den Krieg nehmen.

Die Spätwintersonne wirft fahles Licht ins Wohnzimmer von Familie Suleyman, auf dem Tisch dampft Tee in kleinen Gläsern, im Fernsehen läuft ein kurdischer Nachrichtensender. Männer in Uniformen schießen in die Wüste. Der Fernseher läuft die ganze Zeit, Chairi Suleyman schaltet ihn während des Gesprächs nicht aus. Vielleicht, weil er keinen Sinn darin sieht, diesen Krieg wegzudrücken. Er geht ja doch weiter, auch wenn keiner hinschaut. Und im Kopf von Chairi Suleyman tobt er ohnehin ununterbrochen. „Jede Nacht erlebe ich den dritten August“, sagt er. „Und jeden Tag fühle ich mich schuldig.“

Der 3. August 2014 ist ein besonders düsterer Tag in der an düsteren Tagen nicht armen Geschichte der Jesiden. Da überrannten die Dschihadisten die Dörfer in den Shingal-Bergen - dem Flecken, an dem Jesiden seit Jahrhunderten Schutz vor ihren Verfolgern suchen, an dem ihre heiligen Stätten sind. Die im Shingal stationierten kurdischen Peschmerga-Truppen hatten zuvor das Weite gesucht, und so waren die Jesiden den IS-Kämpfern ausgeliefert. Dem radikal­sunnitischen IS gelten die Jesiden wegen ihrer nur mündlich überlieferten Religion als „Götzendiener“. So begründen die Islamisten, dass sie Tod und Versklavung über das jesidische Volk bringen. Peschmerga-Kämpfer stießen bei der Rückeroberung des nördlichen Shingal-Gebiets auf zwölf Massengräber. Der Süden steht noch immer unter IS-Kontrolle. Bis zu 7000 jesidische Frauen und Kinder hat der IS von dort verschleppt.

Rund 40 Jesiden aus Deutschland kämpfen im Shingal

In der Nacht zu jenem 3. August hörte Chairi Suleyman seine Frau aufschreien. „Ich dachte, es sei etwas mit dem Baby“, sagt er, „aber dann hörte ich, wie meine Frau mit ihrem Vater im Irak telefonierte, er war auf der Flucht.“ In dieser Nacht hat Chairi Suleyman das Rauchen wieder angefangen, seitdem plagt ihn sein Gewissen. „Ich liege nachts auf einem weichen Bett, ich fahre ein gutes Auto, nehme vom vielen Essen zu - ich lebe im Luxus, mache aber nichts Sinnvolles damit, während meine Leute im Shingal versuchen zu überleben.“

Chairi Suleyman hat im Sommer die großen Solidaritätskundgebungen der Jesiden mitorganisiert. Er hat Kleiderspenden gesammelt. Mit Bekannten eine Frau aus IS-Gefangenschaft freigekauft. Und er wurde ins Bundesverteidigungsministerium eingeladen, sollte dort Auskunft geben über die Lage vor Ort. Nichts Sinnvolles? „Das ist zu wenig“, sagt Chairi Suleyman und zündet sich die nächste Zigarette an. „Wenn heute ein Jeside einen anderen trifft, fragt er: ,Was hast du für Shingal getan?’ Darauf gibt es nur eine richtige Antwort. Ich muss kämpfen.“

Ständig klingelt das Telefon, Chairi Suleyman steht in Kontakt zu jesidischen Bürgerwehren. Rund 40 Jesiden aus Deutschland kämpfen bereits an der Seite der Kurden im Shingal, darunter nicht wenige, die bei der Bundeswehr ihr Handwerk gelernt haben. Anführer im Shingal ist Qasim Shesho, 62, Gärtner aus Bad Oeynhausen, auch er deutscher Staatsbürger. Chairi Suleyman sagt, er habe sich seinen Platz unter den Kämpfern schon klargemacht. Und was ist mit Waffen? Er lacht kurz auf: „An Gewehre zu kommen ist das kleinste Problem. Es gibt dort mehr als genug.“ Als Jugendlicher stand er bereits an der Waffe, während des Zweiten Golfkriegs 1990. „Ich werde ein bisschen üben müssen, erst mal auf Steine zielen, aber das wird schon.“

Die Familie versteht Suleyman

So wie damals, bei Chairi Suleymans erstem Krieg, geraten die Jesiden auch heute zwischen die Fronten. Unter dem Eindruck eines drohenden Völkermords lieferte Deutschland Kriegsgerät an die kurdischen Peschmerga, lange Zeit Schutzmacht der Jesiden. Aber seit der Flucht der Peschmerga vor den IS-Kämpfern im Sommer ist das Verhältnis zwischen Jesiden und Peschmerga zerrüttet, die Offensive stockt. Zudem sind die Peschmerga im Zwist mit den kurdischen Einheiten der PKK, es geht um Einflusssphären im zerfallenden Irak. Die Belange der Jesiden werden zur Nebensache. „Wir vertrauen niemandem mehr“, sagt Chairi Suleyman. „Wir gründen jetzt unsere eigene Armee, um unser Land zurückzuerobern.“

Das Haus füllt sich allmählich mit Kinderstimmen, die Kleinen kommen aus der Kita, die Älteren aus der Schule, gleich gibt es Mittagessen. Auch Chairi Suleymans Bruder schaut vorbei. Er wird die Familie unterstützen, während Chairi weg ist. Den Job als Restaurantleiter hat er gekündigt. „Meine Familie versteht mich“, sagt Chairi Suleyman. „Die Kinder sehen, wie wir Erwachsenen ständig trauern. Das muss doch aufhören.“ Bevor er abreist, will er seinen ältesten Söhnen einen Rat geben. Eigentlich sollten sie nach der Schule etwas mit Wirtschaft machen oder Ingenieur werden. „Jetzt denke ich, sie sollten zur Bundeswehr gehen.“

Den Rückflug wird Chairi Suleyman nicht gleich mitbuchen. Aber nach spätestens acht Wochen werde er ohnehin zurückkehren müssen, sagt er. „Ich brauche ja ein neues Rezept für meine Herztabletten.“

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