Von der Heide ins Weltall

Faßberg will Mekka der Raumforschung werden

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Foto: „Wir wollen der Prinz sein, der Faßberg wieder wach küsst“.

Faßberg - Faßberg greift nach den Sternen: Ein altes Testgelände wird für die Raumfahrtforschung fit gemacht. Schon Mitte der dreißiger Jahre wurde der Ort zum Zentrum der Triebwerksentwicklung für Raketen und Weltraumgleiter.

Das Leben tobt anderswo. Faßberg zählt eher zu ruhigen Orten Niedersachsens. Die nördlichste Gemeinde des Kreises Celle ist umgeben von Wald, Heide, dem Truppenübungsplatz und einem riesigen Fliegerhorst. Ein Dorf am Ende der Welt. So scheint es. Aber das täuscht. Faßberg greift nach den Sternen: Die abgelegene Heidegemeinde will an seine Tradition als Mekka der Raumforschung anknüpfen.

Ein Hauch der Weltgeschichte streifte Faßberg zuletzt 1948, als das Dorf Bestandteil der Luftbrücke wurde. Amerikanische und englische Flieger transportierten von hier aus eine halbe Million Tonnen Kohle nach Berlin. Eine Gedenkstätte erinnert daran.

Weniger bekannt ist das Dorf als Wiege der Raumfahrt. Mitte der dreißiger Jahre schon wurde Faßberg zum Zentrum der Triebwerksentwicklung für Raketen und Weltraumgleiter. Der österreichisch-deutsche Raumfahrtpionier Eugen Sänger konkurrierte von Faßberg-Trauen aus mit Wernher von Braun um die beste Technik für die Reise ins All. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in dem Heidedorf noch Triebwerke auf ihre Tauglichkeit getestet. Hier entstand die erste Flüssigsauerstoff-Tankanlage der Welt, hier kamen Raketenmotoren in einen Großprüfstand.

Nach dem Tod Sängers im Jahre 1964 wurde in Faßberg noch eine Komponente für ein Vorläufermodell der europäischen Trägerrakete „Ariane“ entwickelt. Ende der siebziger Jahre aber fiel die Forschungsstation in dem großen Kiefernwald in einen Dornröschenschlaf.

Viele Gebäude hinter dem Stahltor sind inzwischen verfallen, Betonfundamente sind von Moos und Gras überwachsen, Eisentreppen rosten vor sich hin. Ein altes Wandtelefon mit Handwählscheibe an einer Außenmauer ist schon seit Jahrzehnten außer Betrieb, aber niemand hat es für nötig gehalten, es abzunehmen. Auch an den von Erdwällen umgebenen Versuchsständen hat der Zahn der Zeit genagt.

Das soll sich jetzt ändern. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) will den Standort Faßberg-Trauen aus seinem Dornröschenschlaf erwecken – maßvoll, aber stetig, wie es heißt. „Wir werden Millionen investieren, um Rohre zu legen, Gebäude zu sanieren, Straßen und ein neues Labor zu bauen“, sagt DLR-Manager Prof. Joachim Block. „Wir wollen der Prinz sein, der Faßberg wieder wach küsst.“

Unter anderem soll in der Heide an der deutschen Komponente für ein neues „Ariane“-Modell gearbeitet werden. Zudem sollen hier verstärkt Antriebssysteme für Satelliten und Raumsonden entwickelt werden. Die sechs DLR-Mitarbeiter, die hier die Stellung gehalten haben, erhalten – abhängig von den jeweiligen Projekten – Verstärkung.

Der Umbruch treibt kuriose Blüten: In einer Hälfte des Bürogebäudes hat bereits die neue Zeit in Gestalt von moderner Elektronik Einzug gehalten, während in der anderen Hälfte noch Klos mit Handspülung von 1936 in Betrieb sind. Von Testturm „P 32“ steht nur noch der Treppengang. „Der Rest ist bei einer Explosion zerstört worden“, erzählt der Ingenieur Jürgen Veth. Die Techniker verfolgten den Unfall glücklicherweise aus sicherer Entfernung in einem der Beobachtungsbunker.

Weiter wie schon bisher wird auf dem Testgelände das europäische Raumfahrtunternehmen Astrium seine Forschung vorantreiben. Die Tochtergesellschaft des Konzerns EADS entwickelt in Faßberg nicht nur Höhenraketen und Treibstoff für die Raumfahrt, sondern testet hier auch Rettungssysteme für U-Boote.

Den meisten Faßbergern wird all das auch weiter verborgen bleiben. Die Bundeswehr auf dem Fliegerhorst dagegen will sich künftig öffnen – und zum Beispiel Rundfahrten für Touristen möglich machen, die Tower und Simulator bestaunen können. Außerdem steht natürlich auch die Erinnerungsstätte zur Luftbrücke auf dem Programm von Rundfahrten durch die beschauliche Heidelandschaft.

Mit einem großen Fest will Faßberg am 23. Juni aber erst einmal Geburtstag feiern. Mit 35 Jahren ist die 7000-Einwohner-Gemeinde die jüngste Kommune Niedersachsens. Fliegerhorst und Weltraumforschung sind da schon um einiges älter.

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