Alkoholverbot

Feiern unterm Verbotsschild

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„Das Alkoholverbot ändert doch sowieso nichts“: Eva und Nina haben noch vor Mitternacht Schnaps gekauft, noch ganz legal. Imbissbuden­besitzer Keles (r.) weiß, dass seine Kunden die Bierflasche oft auf der Straße trinken, obwohl er sie auf das Schild hinw

Göttingen - Am Wochenende darf in der Nikolaistraße in der Göttinger Innenstadt kein Alkohol getrunken werden. Doch an das Verbot hält sich kaum einer. Es gibt auch nur wenige Kontrollen.

Das gelbe Schild ist eindeutig: „Es ist verboten, sonnabends und sonntags von 0 bis 8 Uhr alkoholische Getränke mitzubringen und zu konsumieren“, steht dort in roter, dicker Schrift. Immer wieder beschweren sich Anwohner der Nikolaistraße in der Göttinger Innenstadt über nächtlichen Lärm, Vandalismus und Schlägereien. Das seit einigen Wochen geltende Alkoholverbot ist ein erneuter Versuch, den Konflikt zu lösen.

Es ist noch ruhig an diesem frühen Sonnabendabend. Die Straße im Süden der Göttinger Altstadt, in der es neben kleinen Boutiquen, Cafés, Imbissen und Kiosken auch eine Diskothek gibt, ist sauber, fast menschenleer. Es ist ein Sonnabend während der Fußball-EM. Die meisten Menschen sitzen in Cafés und Kneipen und gucken das Spiel der deutschen Mannschaft. Laut wird es nur, als Deutschland ein Tor schießt.

Nach dem Schlusspfiff ist es mit der Ruhe vorbei. Die Menschen strömen in die Innenstadt und feiern den Sieg mit Gesängen, Tröten und lauten „Deutschland“-Rufen. Ein Kioskbesitzer schaut aus seinem Fenster und beobachtet die Fans in weißen Trikots und schwarz-rot-gelben Farben. An diesem Abend sind es Fußballfans, die laut singend durch die Straße ziehen.

Lautstarkes Feiern und zerbrochene Flaschen gibt es auf der Nikolaistraße aber nicht nur zu EM-Zeiten. „Die Straße hat einen schlechten Ruf bekommen“, sagt der Kioskbesitzer. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Es habe schon so viel Ärger gegeben. Bis vor ein paar Monaten hatte er in der Straße auch ein Café. Aber viele Ältere seien irgendwann weggeblieben, viel sei kaputtgemacht worden: Blumenkästen, Teile des kleinen, selbst gebauten Spielplatzes, Möbel. Den Kiosk will er nicht aufgeben, auch wenn er nicht besonders wirtschaftlich sei.

Die Tür geht auf. Nina und Katja kommen mit ein paar Freunden in den Kiosk. „Wir wollen kleine Klopfer“, sagen sie. Der Kioskbesitzer, der hinter seinem Tresen steht, greift nimmt einige Flaschen der kleinen Spirituosen aus einer Box. Zur EM-Party in die Diskothek am Ende der Straße wollen die Freunde, die vor der Kiosktür auf den Auftaktsieg anstoßen - noch ganz legal, es ist noch vor Mitternacht. Die Probleme in der Straße kennen sie. „Manchmal ist das hier wie Krieg“, sagt die 26-jährige Katja. Aber das Alkoholverbot ändere nichts daran.

Das glaubt auch der Kioskbesitzer. An der Eingangstür hängt ein Schild: „Günstiges Bier ab 0,70 Euro.“ An anderen Plätzen in der Stadt habe man mit mehr Polizeibeamten und Sozialarbeitern versucht, die Sache in den Griff zu kriegen, sagt er. Das seien gute Lösungen. „Aber das Alkoholverbot ist eine schlechte.“ Schon oft hat er sich mit den jungen Leuten, die bei ihm Hochprozentiges kaufen, unterhalten. „Denen fehlt ein Platz in der Stadt, wo sie ihr Bier trinken können“, sagt er.

Inzwischen ist es Mitternacht in der Nikolaistraße. Alkohol darf hier jetzt nicht mehr getrunken worden. Doch daran scheint sich niemand zu halten. Viele Fußballfans laufen mit einem Bier in der Hand auf der Straße, in einem Hauseingang sitzen zwei junge Frauen, die aus einer Wodkaflasche trinken. Auch Eva, Sabrina, Silvio und Sören trinken ungeniert Bier. „Wir halten uns nicht an das Verbot“, sagt die 28-jährige Eva. Die Studenten können zwar verstehen, dass es Anwohnern in dieser Straße zu laut ist, „aber dann dürfen die eben nicht in der Innenstadt wohnen“, sagt Sabrina. „Und wir sind friedlich, pöbeln nicht. Das Lauteste sind meine Absätze.“

Vor dem Wochenende hatte ein Stadtsprecher gesagt: „Verbote sind dazu da, eingehalten zu werden - auch während der EM.“ Stadt und Polizei sollen gemeinsam die Straße kontrollieren. Das sei schwierig, sagt der Sprecher. „Wir können die Kontrollen nicht garantieren.“ Die Personaldecke sei zu dünn. Vom Ordnungsdienst wird in dieser Nacht in der Nikolaistraße in den Stunden nach Mitternacht niemand zu sehen sein.

Keles vom Falafel-Imbiss sagt, wenn jemand ein Bier bei ihm kaufe, verweise er auf das gelbe Schild mit der roten Schrift, das auch bei ihm hängt - direkt neben dem Kühlschrank mit dem Bier. Dass viele das Bier doch vor seiner Tür öffnen, könne er nicht verhindern.

Es ist weit nach 1 Uhr. Ein Polizeiwagen fährt langsam durch die Straße. Fast im Schritttempo nähert er sich zwei Studenten mit einem Bier in der Hand, die ihr Fahrrad in Schlangenlinien schieben. Das Polizeiauto fährt an ihnen vorbei. Vor einem Kiosk steht eine Gruppe Jugendlicher, unterhält sich laut, trinkt Bier. Zwei Jungen schreien rauf zum Fenster über dem Kiosk, versuchen einen Freund zum Mitfeiern zu überreden, und auf dem Bürgersteig sitzen zwei Mädchen und grölen Backstreetboys-Lieder. Nachtruhe hört sich anders an. Der Polizeiwagen nähert sich der Gruppe - und fährt vorbei.

Das Alkoholverbot in der Nikolaistraße existiert nur auf dem Schild.

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