Eine Betroffene berichtet

Fern der Gemeinschaft: Mit HIV auf dem Dorf

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Wie lebt es sich mit HIV auf dem Dorf? Susanne Voges spricht über die alltägliche Diskriminierung.

Wolfenbüttel - Seit zehn Jahren lebt Susanne Voges mit HIV auf dem Dorf. Sie hat bittere Erfahrungen in dieser Zeit gemacht. Zu den Geburtstagsfeiern ihrer Kinder kam streckenweise kein einziger Gast. Doch schließlich hat sie die Kraft gewonnen, über ihre Erkrankung aufzuklären.

Zehn Monate lebt Susanne Voges mit ihrer Familie in dem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel, da kommt nach einer harmlosen Leistenoperation die Diagnose: HIV-positiv. Ihre Kinder sind drei, fünf und sieben Jahre alt damals, 2008, und ein halbes Jahr zuvor ist ihre Ehe zerbrochen. Was Susanne Voges dann erlebt, zeigt, wie wenig auch heute noch viele Menschen in Deutschland über HIV und Aids wissen – und wie aus diesem Nichtwissen alltägliche Diskriminierung wird.

Aufklären wollen Experten und Betroffene auch am Welt-Aids-Tag am kommenden Montag. „Mein Ex-Mann stammt aus dem Dorf und erzählte herum, dass ich HIV-positiv bin. Danach wollte eigentlich keiner mehr etwas mit mir zu tun haben.“ Noch heute ist der 34-Jährigen anzumerken, wie sich das anfühlte damals – als zur Geburtstagsfeier der Kinder kein einziger Gast kam oder der Schuldirektor sie via Brief zum klärenden Gespräch zitierte. „Er wollte wissen, ob meine Kinder jetzt die anderen Schüler anstecken, zum Beispiel beim Niesen. Viele Eltern würden sich Sorgen machen“, erzählt Voges.

Dabei war längst klar: Keines der Kinder ist infiziert. Susanne Voges hatte sich erst nach der Trennung von ihrem Mann bei einem One-Night-Stand angesteckt. „Die Kinder haben am meisten gelitten“, sagt Voges heute. Denn auch sie selbst war zunächst voller Panik, die Krankheit weiterzugeben. „Am Anfang habe ich mich nicht mehr getraut, sie zu streicheln, zu küssen oder mit ihnen zu kuscheln. Ich war fast soweit, dass ich sie weggeben wollte, um sie zu schützen.“

Stück für Stück wird der jungen Frau klar, dass im Alltag keinerlei Ansteckungsgefahr besteht. „Ich konnte meinen Kindern damals nur nicht erklären, warum es manche Vorsichtsmaßnahmen gibt. Ich hab ihnen erzählt: Mama hat giftiges Blut.“ Heute kann sie darüber fast lächeln. Hinzu kommt: Schon vor ihrer HIV-Ansteckung war Voges an Krebs erkrankt. „Schon da hatten die Kinder Angst, mich zu verlieren. Dann ging der Papa weg. Dann kam meine Infektion.“ Woher kam die Kraft, immer weiterzumachen? „Auch das waren die Kinder“, sagt Voges. „Abends hab ich geheult, aber morgens musste ich weitermachen.“

Zwei Freunde von früher sind ihr geblieben, auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist enger geworden. So kämpft sich Voges durch den Alltag. Und auch aus der ein oder anderen Depression, denn sie verträgt die HIV-Medikamente schlecht. Schließlich geht sie in die Offensive. „Ich fing an, offen mit meiner Infektion umzugehen. An der Schule hatte ich einen Info-Elternabend vorgeschlagen – das hat der Direktor aber abgewiegelt. Also hab ich die Eltern persönlich aufgeklärt. Immer, wenn die Kinder sich doch mal verabreden konnten, bin ich mit hin und hab erzählt. Mit mulmigem Gefühl“, erinnert sie sich. Die Situation bessert sich schlagartig, als Voges der örtlichen Zeitung ein Interview gibt – und darin offen von ihrer ausgegrenzten Situation erzählt.

Auch wenn es längst nicht alle Familien mit HIV so drastisch trifft, sind Voges’ Erfahrungen kein Einzelfall. Im Sommer veröffentlichte die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) Daten zur Diskriminierung von Menschen mit HIV. Mehr als drei Viertel der 1148 Befragten gaben an, ähnliche Erfahrungen im zurückliegenden Jahr gemacht zu haben. 30 Prozent hatten sich von ihrer Familie zurückgezogen, aus Angst vor Zurückweisung. „Diskriminierung ist für Menschen mit HIV eher die Regel als die Ausnahme“, sagt Kerstin Mörsch von der DAH.

Für Susanne Voges ist das Leben heute einfacher, obwohl die Krebserkrankung zurückgekehrt ist. Ihr neuer Partner ist in allen Aufs und Abs bei ihr geblieben und die ehrenamtliche Arbeit in der HIV- und Aidsaufklärung gibt ihr Auftrieb. Vor Ort sei noch einiges zu tun. „Es gibt viele Leute mit HIV hier in der Gegend. Aber oft wissen es die Familien von ihnen gar nicht.“ Sie zögert kurz. „Hätte ich es damals für mich behalten können, hätte ich das wahrscheinlich auch gemacht."

Von Andrea Barthélémy

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