Havariertes Containerschiff

„Flaminia“ macht im JadeWeserPort fest

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Wilhelmshaven - Wochenlang trieb die „Flaminia“ auf dem Atlantik. Kein Hafen wollte das havarierte Schiff einlaufen lassen. Jetzt hat der Frachter in Wilhelmshaven festgemacht. Wie es weitergeht, werden Experten klären.

Nach wochenlanger Irrfahrt hat der havarierte Containerfrachter „Flaminia“ am Sonntag sein Ziel erreicht. Das Schiff machte gegen 17.45 Uhr im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven fest. Sechs Schlepper zogen das stark beschädigte Schiff im Tiefwasserhafen an die Kaimauer. „Es ist alles planmäßig verlaufen“, sagte der stellvertretende Stabsleiter vom Havariekommando, Jens Rauterberg. Experten sollen den Frachter in den nächsten Tagen genau untersuchen.

In Wilhelmshaven soll die „Flaminia“ entladen, die beschädigten Container und das mit Giftstoffen belastete Löschwasser sollen entsorgt werden – ohne das Weltnaturerbe Wattenmeer in Gefahr zu bringen. Das werde mehrere Woche dauern, sagte Rauterberg. An diesem Montag werden als erstes Spezialisten an Bord gehen, die nach der Brandursache suchen sollen. Die mittleren Ladeluken sehen seit den auf das Feuer folgenden Explosionen aus, als hätte ein Riese seine Faust hinein geschlagen. Erst wenn die Staatsanwaltschaft das Schiff freigibt, kann mit der Entsorgung begonnen werden. Eine Firma, die das übernimmt, ist noch nicht gefunden.

„An Deck ist die Luft sauber“, sagte Rauterberg. Das hatte eine erste Auswertung von Proben ergeben, die ein Expertenteam am Sonnabend genommen hatte. Unter Deck werden die Brandermittler jedoch noch eine Atemmaske tragen müssen, weil die Luft nach wie vor belastet ist. Wie stark die 20 Millionen Liter Löschwasser kontaminiert seien, stehe noch nicht endgültig fest, sagte Rauterberg. Das würden erst die genauen Analysen zeigen.

Der Liegeplatz am Containerterminal im neuen Jade-Weser-Port ist weiträumig abgesperrt. Der Hafen wird in knapp zwei Wochen eröffnen. Die „Flaminia“ soll auch danach dort liegen bleiben. Von dem Schiff geht nach Angaben des Havariekommandos keine Gefahr aus.Sonst hätten wir es nicht hierher geschleppt“, sagte Rauterberg.

Um die Bergung hatte es viel Streit gegeben. Kritiker fürchteten, dass das Wattenmeer zu Schaden komme könnte. Mit dem Erreichen des schützenden Kais ist das Kapitel „MSC Flaminia“ aber noch lange nicht abgeschlossen. Auch in Berlin und Brüssel dürfte die Havarie für weitere Arbeit sorgen. Denn bei der Bergung ist international „nicht alles optimal gelaufen“, wie sich Matthias Schmoll vom Bundesverkehrsministerium diplomatisch ausdrückt. Umweltschützer und niedersächsische Landespolitiker sprechen lieber deutlich von einem „Skandal“. Denn Atlantik-Anrainer wie Portugal, Frankreich oder Großbritannien weigerten sich, den von der Besatzung aufgegebenen deutschen Frachter in einem Nothafen aufzunehmen und ihm damit die lange Schlepptour durch den viel befahrenen Ärmelkanal zurück in die Heimat zu ersparen. Dabei gilt seit zehn Jahren die EU-Richtlinie 2002/59/EG zur „Einrichtung eines gemeinschaftlichen Überwachungs- und Informationssystems für den Schiffsverkehr“ – eine Reaktion auf ein Frachterunglück von 1999.

Eher nebenbei, in einem von 32 Artikeln, wurde darin auch verankert, dass „Schiffe in Seenot vorbehaltlich der Genehmigung durch die zuständige Behörde unverzüglich einen Notliegeplatz anlaufen können“. 2009 ergänzte die EU ihre Richtlinie. Demnach ist ein Nothafen zu öffnen, wenn die Behörden dies „als beste Lösung zum Schutz von Menschenleben und Umwelt erachten“.

„Das ist ziemlich dehnbar und müsste viel strenger geregelt sein“, findet Meeresschutzexperte Stephan Lutter vom Umweltverband WWF Deutschland. Jedenfalls fand die „Flaminia“-Reederei NSB trotz „sehr vieler und sehr angestrengter Bemühungen“ keinen Nothafen, obwohl sie das instabil gewordene Schiff „so schnell wie möglich nicht mehr auf dem offenen Ozean haben wollte“, wie NSB-Sprecher Benjamin Held sagt. Die anderen EU-Staaten, erzählt er, forderten ein Gutachten, das Gefahren für ihre Gewässer ausschließen sollte. Die Untersuchungen für ein Gutachten seien aber nicht auf offener See möglich, sagt Held.

Sprecher Schmoll im Berliner Verkehrsministerium will sich nicht darauf festlegen, dass Deutschland jetzt in Brüssel eine Verschärfung der Regeln fordern wird. Aber er sagt, dass die Nothafenregelung „auf jeden Fall Thema in den zuständigen EU-Gremien sein wird“. Am Sonntag hat sich in Hannover auch der Vorsitzende der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion, Björn Thümler, für eine zügige Reform der EU-Richtlinie über Nothäfen ausgesprochen. Er kündigte zum September-Plenum eine entsprechende parlamentarische Initiative der Regierungsfraktionen an.

Von Irena Güttel

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