Nicht Fleisch, nicht Fisch

Die Flexitarier kommen

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Gut durch: Brandwürste aus Tofu oder Fleisch? Für Flexitarier ist beides guten Gewissens möglich.

Hannover - Neuer Trend: Flexitarier sind meist weiblich und gebildet. Die Frage, ob sie Vegetarier sind oder Fleisch essen, beantworten sie mit einem Sowohl-als-auch.

Dieser Tage nehmen die Abende ihren Ausklang vorzugsweise am Grill, und nie war dort, auf dem Rost, die Vielfalt größer. Neben Nackensteak und Geflügelwurst brutzeln Tofu-Würstchen, Seitan-Schnitzel und Tempeh-Spieße in neuer Eintracht, und wenn Letztere doch auf einem extra Alu-Teller garen, war es der Wunsch der Vegetarier in der Runde, ihr pflanzliches Grillgut vor tierischen Fettspritzern zu schützen. Wofür die Fleischesser wiederum zunehmend Verständnis aufbringen – was bleibt ihnen auch anderes übrig: Die Vegetarier sind auf dem Vormarsch.Der Anteil jener Menschen, die auf Fleisch verzichten, nimmt in Deutschland schnell zu. Seit 2006, so eine neue Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim, hat er sich sogar verdoppelt: auf heute 3,7 Prozent. Nun sind dies für die Revolution im Einkaufswagen noch ein paar zu wenig. Aber die Forscher sehen in ihnen die Träger eines von Skandalen beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, den eine weitere Zahl bestätigt: 11,6 Prozent der Deutschen essen bewusst wenig Fleisch, sie changieren flexibel zwischen tierischer und pflanzlicher Ernährung und tragen daher den Namen Flexitarier.

„Flexitarier verzehren Fleisch maßvoll und bewusst – etwa indem sie Bio kaufen, beim Bauern, den sie kennen, oder nur zu besonderen Anlässen“, sagt Anette Cordts, Agrarökonomin an der Uni Göttingen. Flexitarier seien gesundheitsbewusste Menschen; das Wohl der Tiere, die umweltgefährdende Produktion spielten für sie nur eine nachgeordnete Rolle. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass Fleischkonsum Probleme für Tiere, die Umwelt und Arbeitnehmer bereitet“, sagt Cordts. Die Forscherin sieht die Lebensmittelhersteller in der Pflicht: „Bei 60 Prozent der Deutschen lässt sich eine Bereitschaft für einen geringeren Fleischkonsum feststellen – die deutsche Agrar- und Fleischwirtschaft sollte daher verstärkt auf geringere Mengen und dafür höhere Qualität setzen.“

Der Handel hat den Braten längst gerochen: Große Handelsketten und Discounter freuen sich seit 2008 über ein stetes Wachstum von jährlich rund 30 Prozent mit explizit vegetarischen Fleischalternativen wie Tofu-Bolognese und Seitan-Salami. „Es wird immer leichter, sich vegetarisch-vegan zu ernähren“, sagt denn auch Sebastian Zösch vom Vegetarierbund Deutschland: „Der Trend ist ganz offensichtlich – nicht nur in den Szenevierteln großer Städte.“ Der Vegetarierbund geht von bis zu neun Prozent Vegetariern im Land aus, wobei jedoch nirgends fest definiert ist, was ein Vegetarier ist. Jemand, der kein Fleisch isst, aber Gummibärchen, obwohl die aus Gelatine sind?

Jedenfalls wäre es verfrüht, die Vegetarier-Republik auszurufen, denn in der Göttinger Studie gaben auch 13,5 Prozent der Befragten an, sie würden gern noch mehr Fleisch essen – wenn es noch billiger wäre.

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