Germanwings-Absturz

Flug 4U9525 - viele Fragen sind noch offen

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Erinnerung an das Unglück: In Le Vernet wurde ein Gedenkstein aufgestellt.

- Doch die Erklärungskette des ermittelnden franzüsischen Staatsanwalts zum Germanwings-Absturz überzeugt nicht jeden, sie ist - wie sollte es so kurz nach dem Unglück auch anders sein - lückenhaft. Fragen und Antworten zum rätselhaften Ende von Flug 4U9525.

Jeder Tag, der seit dem Absturz der Germanwings-Maschine am Dienstagvormittag vergangen ist, brachte auch einige Antworten auf die vielen Fragen nach dem Hergang der Katastrophe mit sich. Allen voran Brice Robin, der ermittelnde französische Staatsanwalt, entriss bei seinem Auftritt vor ­Journalisten vielen Spekulationen die Grundlage. Robin stützte seine Auskünfte auf die Auswertung des Stimmenaufzeichners an Bord. Demnach atmete der Copilot bis zuletzt ruhig und regelmäßig - vor allem daraus leitete Brice ab, dass Andreas Lubitz „bewusst und mit Absicht“ den Sinkflug in den französischen Alpen eingeleitet und so den Absturz der Maschine herbeigeführt hat.

Doch die Erklärungskette des Staatsanwalts überzeugt nicht jeden, sie ist - wie sollte es so kurz nach dem Unglück auch anders sein - lückenhaft. Umso mehr verwunderte viele die Überzeugung, mit der der Franzose die These vom erweiterten Selbstmord vertritt. Es scheint so zu sein, dass beinahe jede bisher gegebene Antwort auf die vielen Fragen rund um den Absturz weitere Fragen nach sich zieht. Manches am Ende von Flug 4U9525 bleibt rätselhaft.

Lässt sich allein mit dem Stimmenaufzeichner der Absturz erklären?

Stimmenaufzeichner sind eine von zwei Arten von Flugschreibern. Sie gelten als verlässliche Datenlieferanten bei der Analyse von Flugunfällen. Sie geben Aufschluss über Gesprächsinhalte und akustische Signale im Cockpit. Der Stimmenaufzeichner der abgestürzten Germanwings-Maschine lässt darauf schließen, dass der Copilot das Klopfen und Rufen des ausgesperrten Piloten ignoriert und den Sinklug absichtlich eingeleitet hat. Nicht zu hören ist offenbar ein spezielles Klingeln, das im Cockpit ertönen müsste, wenn der Pilot oder ein anderes Crewmitglied den Notfall-Code an der Tür eingegeben hätte. Das ist offenbar nicht passiert. Der Grund ist unbekannt. Zudem fragen sich viele, wie die Atmung des Copiloten hörbar gewesen sein soll bei Umgebungsgeräuschen von 70 bis 80 Dezibel.

Kann der Flugdatenschreiber die bisherigen Erkenntnisse stützen?

Der Flugdatenschreiber, auch Blackbox genannt, stellt die zweite Art von unzerstörbaren Datenspeichern an Bord dar. Er zeichnet etliche Flugparameter wie Höhe, Geschwindigkeit, Kurs und Neigungswinkel auf. Viele dieser Parameter sind im Fall von 4U9525 bereits durch die Radaraufzeichnungen bekannt. Der Flugdatenschreiber der ­Germanwings-Maschine konnte bisher noch nicht geborgen werden. Auch gestern suchten Einsatzkräfte mit speziellen Geräten nach ihm. Falls er gefunden wird, könnte er weitere Detaildaten zum Flugverlauf und so Auskunft über den Zustand der Technik im Airbus liefern. Bisher gilt sie als einwandfrei. Erkenntnisse über die Verfassung des Copiloten sind von der Black Box nicht zu erwarten.

Warum berichteten US-amerikanische Medien über die These vom erweiterten Suizid, noch ehe der französische Staatsanwalt dies verkündet hatte?

Dass die US-Zeitung „New York Times“ als Erste von diesem Verdacht berichtete, dürfte im Ermittlungsvorgehen der französischen Behörden begründet sein. Wie auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière berichtete, werden im Fall von Flugzeugabstürzen inzwischen „routinemäßig“ Untersuchungen zu einem möglichen terroristischen Hintergrund angestellt. Bei der entsprechenden Sammlung und Aufbereitung von personenbezogenen Daten sind die US-amerikanischen Behörden führend. Mit ihnen haben französische ebenso wie deutsche Behörden auch im jüngsten Fall zusammengearbeitet. Zu den engsten Medienkontakten der US-Geheimdienste zählen aber nicht europäische, sondern US-Medien. Dies dürfte den Wissensvorsprung der „New York Times“ erklären.

Macht die neue Regel, wonach immer zwei Menschen im Cockpit sein müssen, das Fliegen noch sicherer?

Als Reaktion auf die bisherigen Erkenntnisse haben sich mehrere europäische Airlines dazu verpflichtet, dass immer zwei Personen im Cockpit anwesend sein müssen. Bisher war dies nur in den USA üblich. Jetzt sollen also, für den Fall, dass - wie mutmaßlich auch in der Germanwings-Maschine - der Pilot zur Toilette muss, ein Flugbegleiter zur Beaufsichtigung des Copiloten ins Cockpit. Ziel ist die gegenseitige Kontrolle. Tatsächlich aber dürfte diese Regel Airlines vor Probleme stellen: Sie müssten bei jeder Neueinstellung eines Flugbegleiters dessen Hintergrund ausleuchten, um auszuschließen, dass ausgerechnet über diese neue Regel zum Beispiel Terroristen ins Cockpit gelangen können.

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