Hochwasser auf dem Balkan

Flut bedroht Belgrad

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Foto: Dieses Haus in Krupanj im südwestlichen Serbien wurde von den Fluten umgestürzt.

Belgrad - Die Hochwasserstände auf dem Balkan gehen zurück – doch Serbien fürchtet die nächste Flutwelle, die auch die Hauptstadt Belgrad bedroht.

Stimmengewirr in der Belgrader Messehalle. Der Geruch von Schweiß, Feuchtigkeit und Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Hunderte Menschen sind aus dem überschwemmten Städtchen Obrenovac in die serbische Hauptstadt geflüchtet. „Ich fürchte, wir werden lange hier sein“, sagt ein Mann namens Sasa. Wie viele Bewohner der von den Fluten zerstörten Stadt fürchtet er, dass das Schlimmste noch nicht vorbei ist. Nun ist auch die serbische Hauptstadt Belgrad von den Fluten gefährdet.

Die 30 000-Einwohner-Stadt südlich von Belgrad liegt zwischen zwei Flüssen, der kleinen Kolubara und Serbiens größtem Fluss, der Save. Obrenovac ist nur eine von vielen Städten die von dem schweren Hochwasser betroffen sind. Seit Montag warnen die Behörden vor dem Ausbruch von Seuchen und vor freigespülten Kriegsminen. Bislang kamen bei den Fluten in Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien etwa 40 Menschen ums Leben. Bei steigenden Temperaturen könnte von Tierkadavern verunreinigtes Wasser zu Krankheiten wie Typhus oder Hepatitis führen, warnte der Leiter des Gesundheitsamts in Sarajevo im bosnischen Fernsehen. Es gehe nun darum, eine sichere Wasserversorgung zu gewährleisten. Tagelanger Regen hatte die Überschwemmungen ausgelöst.

„Es ist schnell klar geworden, dass der Bedarf so riesig ist, dass wir die Hilfe aufstocken mussten“, sagte EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa. Derzeit leiste die EU vor allem akute Nothilfe. Der Einsatz in Bosnien-Herzegowina sei „sehr komplex“: Dies liege nicht nur an der Aufteilung des Landes unter verschiedenen ethnischen Gruppen, sondern auch daran, dass die Schäden zum Teil in Gebieten entstanden, die bisher noch nicht von Landminen befreit seien.

Die Minenaktionszentren (MAC) in Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien stellten ein Team zusammen, das die Gefahr durch Sprengkörper aus dem Krieg in den neunziger Jahren einschätzen soll. Das MAC in Sarajevo warnte, die Minen könnten von Wasser und Schlamm hochgespült und fortgetragen werden. Eine Mine sei auch nach Jahren noch eine tödliche Gefahr, selbst wenn der Zündmechanismus feucht geworden sei. „Es gibt keine nicht tödliche Mine“, sagte Sasa Obradovic vom MAC am Montag. Das Hochwasser habe auch Warnschilder zerstört.

In Serbien bereiteten sich die Menschen unterdessen auf eine weitere Flutwelle vor: Millionen weitere Sandsäcke wurden entlang der Save in Orten wie Sabac, Mitrovica, Belgrad und Obrenovac aufgestapelt. Einige Menschen haben sich trotz allem geweigert, ihre Häuser zu verlassen. Zoran Vukosavljevic lebt im Belgrader Stadtteil Zvecka.

Der Hügel sei von den Fluten verschont geblieben, erzählt er am Handy. „Wir schlagen uns durch. Wir laden die Handys im Auto auf. Es gibt keinen Strom, aber sie haben uns Trinkwasser geliefert. Wir kochen draußen, auch das Wasser zum Waschen kochen wir ab.“ Wie eine Insel ragt Zvecka aus dem schlammbraunen Wasser. Sonst sieht man nur ab und zu ein Dach.

Das Hochwasser gehe zwar stark zurück, sagt Vukosavljevic. Der Schlamm, mehr als einen Meter dick, liegt stellenweise über dem Land. Dazwischen Tausende tote Tiere „Nun achten wir aber sehr genau auf die Save. Wenn sie ansteigt, dann flüchten wir.“

Hinterlassenschaft des Balkankrieges

Landminen: Die genaue Zahl der weltweit verlegten Sprengkörper ist unbekannt. Nach Schätzungen wurden vor dem Landminenverbot von 1997 bis zu 110 Millionen Minen in mehr als 70 Ländern verlegt. Nach Schätzungen von Experten wurden in den Balkankriegen vor etwa 20 Jahren rund drei Millionen Minen in weiten Teilen Bosnien-Herzegowinas vergraben, etwa ebenso viele in der kroatischen Region Krajina. Viele Minen liegen zudem in Serbien an der Grenze zu Kroatien und im Kosovo. Bosnien-Herzegowina galt einst als der am stärksten verminte Staat Südosteuropas. Noch heute sind nach Angaben von Hilfsorganisationen 2,8 Prozent der Fläche Bosniens vermint. Rund 120 000 der gefährlichen Sprengkörper sollen noch im Boden liegen und das Leben von 540 000 dort wohnenden Menschen bedrohen. Dazu gehören die Gegenden um die Städte Doboj und Olovo, die nun besonders vom Hochwasser betroffen sind.

Von Boris Babic

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