Unglück in Ritterhude

Folgen der Explosion sind noch zu sehen

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Foto: Die Nachwirkungen der Explosion vom 9. September 2014 sind an den umliegenden Häusern in Ritterhude noch immer zu sehen.

Ritterhude - Zerfetzte Rollläden, Spanplatten vor zerstörten Fenstern, Glassplitter in den Gärten: Ein halbes Jahr nach der Explosion einer Chemiefabrik mitten in einem Wohngebiet in Ritterhude sind die Wunden sind noch immer deutlich zu sehen. „Uns macht die Explosion bis heute zu schaffen“, sagt Anwohnerin Silke Bagner.

Baustellenfahrzeuge, Gerüste, neue Holzbalken zeugen vom Wiederaufbau des Wohngebiets. Von einem Haus ist nicht viel mehr als eine Garage und eine planierte Sandfläche übrig geblieben. Es wurde vor Kurzem abgerissen. Auch bei Anwohnern sind die Wunden noch spürbar. „Uns macht die Explosion bis heute zu schaffen“, sagt Silke Bagner. Sie konnte erst vor zwei Tagen mit ihrem Mann und ihrer 19-jährigen Tochter wieder zurück in ihr Reihenhaus ziehen. Auf die Frage, was denn bei dem Unglück im vergangenen September am und im Haus zu Schaden gekommen sei, antwortet sie: „Ich sage Ihnen mal lieber, was nicht kaputtgegangen ist: das Sofa und die Möbel im Wohnzimmer.“ Zerstört hingegen waren das Dach des Reihenhauses, die Küche, das Badezimmer, die Toilette, viele Möbel. Seitdem hat Silke Bagner mit Mann und Tochter bei ihren Schwiegereltern gewohnt - mehr als fünf Monate.

Nun stehen Umzugskartons im Flur, es ist ein Wiedereinzug, ein Neuanfang. Doch die Explosion wirkt nach. „Ich war zu dem Zeitpunkt im Bad“, erzählt Bagner. Durch die Druckwelle habe sich die Tür nicht mehr öffnen lassen. „Wir haben sie dann eingetreten“, sagt sie. „Seitdem habe ich es nicht mehr so mit geschlossenen Türen.“

Das Grundstück von Karl-Friedrich Brust liegt keine drei Meter entfernt von der Chemiefabrik Organo Fluid, die am Abend des 9. September nach einer Explosion in Flammen aufgegangen war. Ursprünglich hatte es sich bei dem Betrieb um eine Destillationsanlage gehandelt. Später wurde dort Sondermüll verbrannt - laut Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) zum Teil ohne erforderliche Genehmigung. Von seinem Grundstück aus kann Brust beobachten, wie die Anlage nun abgerissen wird. Ein blauer Bagger hebt Steine in einen blauen Container. Große Teile der Anlage aber stehen bereits nicht mehr. Die Chemiefabrik verschwindet schneller aus Ritterhude als aus den Köpfen der Anwohner.

Dass es sein reetgedecktes Haus überhaupt noch gibt, verdankt Karl-Friedrich Brust der Feuerwehr. „Die hat sich darum besonders gekümmert.“ Das angrenzende Haus seines Vaters hat es deutlich schlimmer erwischt. Der 91-Jährige muss bis heute im Chaos leben.

Brust hat 2004 zusammen mit anderen Ritterhudern eine Bürgerinitiative gegründet, die BI Kiepelberg. „Wir haben uns aber bereits in den Jahren davor immer wieder an die Behörden gewandt“, sagt er. „Doch zumeist ohne Erfolg.“ Brust erzählt unaufgeregt, sachlich. Aber er sagt auch bestimmt: „Wir erwarten jetzt eine konstruktive Erforschung der Bereiche, in denen die Behörden versagt haben.“ Alles steuere immer wieder auf die eine Frage zu: „Wie kommt eine Müllverbrennungsanlage in ein Wohngebiet? Das muss aufgeklärt werden.“

Aber wer trägt die Verantwortung für das Unglück? Karl-Friedrich Brust drückt es so aus: In Ritterhude sei „ein skrupelloser Unternehmer mit Behörden zusammengetroffen, die versagt haben“. Seine Mitstreiter und er seien sehr froh darüber gewesen, dass sich Umweltminister Wenzel vor drei Wochen mit scharfen Worten gegenüber dem Gewerbeaufsichtsamt geäußert hat. Der Minister sprach von Fehleinschätzungen und fehlerhafter Rechtsanwendung und sagte, da sei „viel falsch gelaufen“. Da habe man „das erste Mal das Gefühl gehabt, dass die Mauer durchbrochen ist, dass niemand es gewesen sein wollte“, sagt Brust. Auch über den Besuch und das aufmerksame Interesse des CDU-Abgeordneten Martin Bäumer habe man sich in Ritterhude sehr gefreut.

Brust und seine Kollegen aus der BI würden sich darüber hinaus aber über mehr Transparenz freuen. „Wir hätten uns schon gewünscht, dass mal einer der Verantwortlichen uns gegenüber gesagt hätte, wie hoch der Lagerbestand von brennbaren Flüssigkeiten am Tag des Unglücks war“, sagt Brust. „Das hat auch nach Monaten bis heute niemand geschafft.“

Auch Anita Bartel-Kockmann fordert Aufklärung. „Unser Wunsch ist es, dass diejenigen, die Schuld haben, zur Verantwortung gezogen werden“, betont die Rentnerin. Auch sie habe „bis vor wenigen Tagen im Chaos leben müssen“, sagt sie weiter. Und nennt einen der aus ihrer Sicht Hauptverantwortlichen: „Das Gewerbeaufsichtsamt hat immer nur das Unternehmen geschützt, niemals uns“, sagt sie. Sie erzählt eine Anekdote: Eine Mitarbeiterin des Amts habe die Geruchsbelastung in dem Wohnviertel überprüfen sollen. „Wenn die Firma hier irgendwelche Reststoffe verbrannt hat, dann roch es hier mal nach Seife, mal nach Lösungsmitteln“, erzählt Bartel-Kockmann.

Ein Nachbar habe es mal so ausgedrückt: Es liege ein Gestank in der Luft, als habe man Uhu auf seinem Brötchen. Als die Mitarbeiterin zu ihr gekommen sei, habe sie die Belastung in der Luft schlichtweg ignoriert. Stattdessen habe sie gesagt, es rieche im Haus etwas muffig, man müsse einfach mal lüften. Bartel-Kockmann schüttelt den Kopf.

Auch sie berichtet von Nachbarn, denen die Explosion immer noch zu schaffen macht. Zehn Familien seien noch immer ausquartiert, ihre Häuser bislang unbewohnbar. Eine Familie habe ihr erzählt, dass das Silvesterfest die Kinder sehr belastet habe. „Weil es plötzlich wieder so laut knallte.“

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