Prozess gegen Fußfesselträger

„Für Geld gehen sie über Leichen“

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Sie verletzten eine 72-jährige Rentnerin: Die beiden Angeklagten (hier im Gerichtssaal neben ihren Verteidigern) vermuteten bei ihrem Opfer eine größere Summe.

Göttingen - Im Prozess um das erste Gewaltverbrechen in Niedersachsen, das mithilfe einer elektronischen Fußfessel aufgeklärt wurde, hat die Staatsanwaltschaft langjährige Haftstrafen für die beiden Angeklagten gefordert.

Das Duo hatte vor Gericht einen Raubüberfall gestanden, bei dem im Januar eine 72 Jahre alte Rentnerin in Hann. Münden lebensgefährlich verletzt wurde. Für den 33 Jahre alten Hauptangeklagten beantragte die Staatsanwaltschaft 13 Jahre Haft. Er habe sich des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung und des schweren Raubes schuldig gemacht, sagte Staatsanwältin Alida Kutzner in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Göttingen. Sein Komplize, ein 32-jähriger Sexualstraftäter, der zur Tatzeit unter Führungsaufsicht stand und eine Fußfessel trug, soll für fünf Jahre in Haft. Dieser habe die Idee zu der Tat gehabt und den 33-Jährigen zur Wohnung des Opfers gefahren.

Die Angeklagten waren erst kurz vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen worden. Beide seien Menschen, die „für Geld alles tun und für Geld über Leichen gehen“, sagte die Staatsanwältin. Der Hauptangeklagte, ein vorbestrafter Drogenabhängiger aus dem Landkreis Peine, stelle aufgrund seines Hanges zu Gewalttaten eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Deshalb sollte parallel zur Freiheitsstrafe auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sowie Sicherungsverwahrung angeordnet werden. Der Komplize, der zuletzt eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren wegen sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung verbüßt hatte, habe trotz seiner Fußfessel weitere Straftaten begangen. Er habe nicht nur an dem Raub in Hann. Münden mitgewirkt, sondern sich auch über Weisungen der Führungsaufsicht hinweggesetzt. Obwohl ihm jegliche Kontaktaufnahme zu Minderjährigen verboten war, habe er sich mehrfach mit einem 16-jährigen Jungen getroffen.

Angeklagte räumen Taten ein

Beide Angeklagten hatten die Tat in Hann. Münden weitgehend eingeräumt. Demnach hatte der 32-jährige Angeklagte seinem früheren Knastkumpel erzählt, dass die Rentnerin in ihrer Wohnung eine größere Menge Bargeld aufbewahre. Beide hätten dann geplant, sich dieses Geld zu beschaffen. Um in die Wohnung zu gelangen, gab sich der 33-Jährige als Telekom-Mitarbeiter aus, der eine Störung beheben müsse. Als die Rentnerin auf dem Sofa saß und ihm den Rücken zudrehte, habe er ihr ein doppelt gelegtes Telefonkabel um den Hals gelegt und sie mit voller Kraft gewürgt, um sie zu töten, sagte die Staatsanwältin.

Nachdem die 72-Jährige vom Sofa gerutscht war, habe der Angeklagte ihr mindestens achtmal gegen den Kopf getreten. Schließlich habe er die Frau mit bloßen Händen gewürgt. Erst als er sie für tot hielt, habe er von ihr abgelassen. Das Opfer habe nur mit viel Glück überlebt, sagte die Staatsanwältin. „Ihr Leben hing am seidenen Faden.“ Die Frau musste mehrfach operiert und monatelang im Krankenhaus behandelt werden. Sie könne bis heute nicht wieder richtig essen, sagte ihr Anwalt.

Die Verteidiger verwiesen darauf, dass ihre Mandanten ein umfassendes Geständnis abgelegt und selbst zur Aufklärung beigetragen hätten. Der Verteidiger des Hauptangeklagten plädierte auf eine Freiheitsstrafe von acht Jahren sowie die Einweisung in eine Entziehungsanstalt. Der Anwalt des 32-jährigen Fußfesselträgers beantragte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und die Aufhebung des Haftbefehls. Sein Mandant habe mit dem Gewaltexzess nichts zu tun und könne daher allenfalls wegen versuchten Diebstahls verurteilt werden.

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