„Uneingeschränkt Postiv“

Die ganze Wahrheit über das Fest

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Hannover - Die Müllers sind die deutsche Durchschnittsfamilie: ein Kind, Dreieinhalbzimmerwohnung, 2700 Euro netto. Eine Werbeagentur in Hamburg hat ihr Wohnzimmer nachgebaut – und weiß genau, wie Deutschland Weihnachten feiert.

Fast hätten sie sich noch mal gestritten, ausgerechnet wegen Weihnachten. Kurz vor dem ersten Advent war das. Claudia stellte die Adventsdeko auf, den Adventskranz, den Schwibbogen, die roten Kugeln, die Engelsfiguren, das Räuchermännchen. Zwei Stunden brauchte sie dafür, und je länger es dauerte, desto mehr fiel Thomas wieder auf, wie wenig von seinen Sachen Platz im Wohnzimmer hatten. Der CD-Ständer, okay. Der Modellrennwagen im Wandschrank. Aber sonst?

Thomas hat dann aber doch keinen Streit begonnen. Harmonie, findet er, ist wichtig an Weihnachten. Und mit dem Weihnachtsbaum, Nordmanntanne natürlich, sind sich dann ja auch wieder alle einig. Wobei Claudia wieder fürs Schmücken zuständig ist. Kugeln in Silber, Rot und Gold. Kein Lametta. Und am Abend gibt es Kartoffelsalat mit Bockwurst. So ist das bei den Müllers zu Weihnachten. So ist das bei den Deutschen.

Thomas und Claudia Müller, das ist ein sehr konkretes Paar. Einerseits. Sie ist 48, er 50 Jahre alt, sie leben in einer Dreieinhalbzimmerwohnung in Köln. Sie arbeitet als Bürokauffrau, er in einer Maschinenbaufirma, Sohn Jan ist 22.

„Wir wollten möglichst viel erfahren über die Menschen“

Andererseits: Es gibt die Müllers nicht. Sie sind nur eine Konstruktion. Erschaffen hat sie die Werbeagentur Jung von Matt aus Hamburg, allerdings nach genauen Vorgaben. Die Werber haben alles zusammengetragen, was sie über die Deutschen finden konnten. Statistiken, Studien, Umfragen, ergänzt um ausführliche Interviews. „Wir wollten möglichst viel erfahren über die Menschen“, sagt Peter John Mahrenholz, Leiter der strategischen Planung bei Jung von Matt. „Wer sie sind, wie sie leben, wie sie sich verhalten.“ Die Schnittmenge aus all diesem Material, das sind Thomas und Claudia Müller. Die Durchschnittsdeutschen. Regelmäßig setzen sich die Werber in dieses Wohnzimmer. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die denken und fühlen, die sie erreichen wollen.

Denn nichts an diesen Biografien ist zufällig. Thomas und Claudia heißen sie, weil dies die häufigsten Vornamen sind. Sie leben in der größten Stadt des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Sie wohnen in einer 90,02-Quadratmeter-Wohnung, wie der Durchschnitt aller Deutschen. Und wo die Werber dann schon mal dabei waren, das Leben der Durchschnittsdeutschen nachzubilden, haben sie dann auch noch das Wohnzimmer der Müllers ganz real nachgebaut.

So findet sich nun im dritten Stock einer früheren Miederfabrik im Hamburger Karolinenviertel dieser häufigste aller deutschen Räume, ein Studienort des deutschen Lebens. Da gibt es die safrangelbe Polsterecke, Viersitzer plus Sessel, Inbegriff der deutschen Couch. Da ist der Wandschrank aus hellem Eichenfurnier, mit der Hausbar inklusive Rotkäppchen-Sekt, mit Aussparung für den Flachbildfernseher und einer Glasvitrine, in der vier Latte-macchiato-Gläser stehen. Im Bücherregal stehen die Bestseller der vergangenen Jahre: die Stieg-Larsson-Trilogie, Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, Simmels „Es muss nicht immer Kaviar sein“ ist auch noch dabei. Deckenhöhe: 2,65 Meter – deutscher Durchschnitt.

Im kommenden Jahr wollen die Müllers ihr Wohnzimmer modernisieren. Ein Laptop wird dann den klobigen PC ersetzen, statt des hellblauen Teppichs wird Laminat auf dem Boden liegen, inzwischen der häufigste Belag. „Es dauert Jahre, bis ein Trend zum Mehrheitsstil der Deutschen geworden ist“, sagt Julia Rathmann von Jung von Matt. Erst dann wird umgebaut. Da sind die Regeln streng.

Alles Moderne fehlt

So wirkt das Wohnzimmer der Müllers erschreckend bieder. Schließlich fehlt alles Moderne, alles Individuelle. Es ist kurios: Die Mehrheit der Deutschen lebt so – und doch wirkt diese geballte Durchschnittlichkeit leblos. Jedenfalls so lange, bis man doch etwas entdeckt, was man aus dem eigenen Zuhause kennt. Und sei es die Kramschublade mit den Videorekorderkabeln und den Gebrauchsanleitungen. Die kam in keiner offiziellen Statistik vor. Aber bei ihren eigenen Interviews haben die Werber festgestellt: „Eine solche Schublade hat jeder“, sagt Mahrenholz. Deshalb gibt es sie auch hier.

Natürlich sammeln die Werber von Jung von Matt und die großen Konzerne all diese Daten nicht zum reinen Selbstzweck. Sie wollen mit ihren Anzeigen und Spots die Menschen erreichen. Dazu müssen sie wissen, wie potenzielle Kunden denken. Was sie tun. Gerade zu Weihnachten, schließlich macht der Handel da 18 Prozent seines Umsatzes.

Weihnachtsstudien

So kommt es, dass sie hier gleichsam nebenbei sehr üppige Weihnachtsstudien betreiben. Sie wissen viel über uns. Sehr viel. Dass wir 681 Euro pro Haushalt für Weihnachten ausgeben, für Essen, Geschenke, alles. Dass wir uns über nichts so wenig freuen wie über praktische Geschenke. Einen Rasierer für ihn, Küchenmaschine für sie. Dass wir Angst haben, dass unsere Geschenke missglücken. Dass wir am liebsten Bücher verschenken. Dass die meisten von uns, immerhin 52 Prozent, einen Gottesdienst besuchen, obwohl nur für ein Viertel die religiöse Bedeutung von Weihnachten wichtig ist. An Heiligabend essen wir, jedenfalls stolze 37 Prozent, Kartoffelsalat und Bockwurst. Am ersten Feiertag gibt es Gans mit Rotkohl und Klößen. Wenn wir singen, dann „Stille Nacht“.

Vor allem aber wissen die Werber, dass wir eine große Sehnsucht haben – die umso mächtiger wird, je stärker Beschleunigung und Arbeitsdruck unseren Alltag sonst bestimmen. „Alle wollen Teil von Weihnachten sein“, sagt Mahrenholz. Mag ja sein, dass Claudia und Thomas Müller es absurd finden, dass sie schon im September im Supermarkt über Spekulatius und Dominosteine stolpern. Dass sie genervt sind, wenn sie im Dezember unter Weihnachtsliedzwangsbeschallung durch übervolle Einkaufszonen hetzen.

Je größer der Stresspegel, desto größer die Weihnachtssehnsucht.

Weihnachten setzt sie unter Druck – und doch ist Weihnachten für sie der Gegenentwurf zu einer als stressig empfundenen Welt. Weihnachten, das ist für die Müllers Familie, Freunde, Wärme, Harmonie. „Und diese Sehnsucht nach Weihnachten wird nicht abnehmen“, prophezeit Mahrenholz. Im Gegenteil. Je größer der Stresspegel, desto größer die Weihnachtssehnsucht. Es ist wie eine Spirale, beide verstärken sich gegenseitig. Sich den weihnachtlichen Konsumzwängen verweigern? Gerade einmal drei Prozent der Deutschen schenken sich nichts.

Weihnachten ist uneingeschränkt positiv - für Werber

Für die Werber ist Weihnachten deshalb ungefähr so wie eine Fußball-WM: Etwas, das alle verbindet – und uneingeschränkt positiv ist. Und mit all diesen schönen Gefühlen will jeder Werber dann sein Produkt gleichsam aufladen, egal ob es etwas mit dem Anlass zu tun hat oder nicht. Deshalb werben während einer Fußball-WM Fußbälle und Deutschland-Flaggen für Waschmaschinen, Schrankwände und Tierfutter.

Deshalb werben vor Weihnachten Lichterketten und Weihnachtszweige für die gleichen Waschmaschinen und Schrankwände und das gleiche Tierfutter. Und deshalb drehen Jung von Matt für eine Supermarktkette einen Spot, in dem die Kassierer mit ihren elektronischen Kassen „Jingle Bells“ spielen und die Kunden Beifall klatschen. Das ist dann der etwas andere Weihnachtsmoment. Aber am Ende geht es doch darum: Weihnachten sells.

Claudia und Thomas Müller durchschauen das natürlich. Aber es ist eben auch schwer, sich all dem zu entziehen. Sie werden Weihnachten auch als Druck empfinden. Sie hoffen, dass das Essen gelingt, dass die Geschenke ankommen, dass es keinen Streit gibt. Aber fast egal, wie Weihnachten verlief: Spätestens im Nachhinein werden sie sagen, dass es ein sehr schönes Fest gewesen sei. Und sie werden sich freuen. Auf das nächste Mal.

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