Superhirn lagerte im falschen Gefäß

Wo „Gauss“ draufstand, war kein Gauß drin

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Wo „Gauss“ draufstand, war kein Gauß drin: Renate Schweizer entdeckte den Fehler.

Göttingen - Eine Göttinger Wissenschaftlerin hat einen peinlichen Fehler in der Göttinger Universitätsmedizin aufgedeckt: Das Organ des Universalgenies Carl Friedrich Gauß wurde 150 Jahre lang verwechselt. Wo „Gauss“ draufstand, war kein Gauß drin.

Seit mehr als 150 Jahren lagert in einem Glasgefäß in der Göttinger Universitätsmedizin das Gehirn eines der größten Mathematiker aller Zeiten. Das Organ des Universalgenies Carl Friedrich Gauß, der am 23. Februar 1855 im Alter von 78 Jahren in Göttingen gestorben war, ist einer der bedeutendsten Schätze der Universitätssammlung.

Doch jetzt hat eine Göttinger Hirnforscherin eine überraschende Entdeckung gemacht: Dort, wo immer „Gauss“ drauf stand, war kein Gauß drin. Das „Superhirn“ ist versehentlich mit dem Gehirnpräparat eines anderen Göttinger Gelehrten vertauscht worden, des Mediziners Conrad Heinrich Fuchs. Vermutlich sei dies schon bald nach beider Tod im Jahr 1855 passiert, erläutert die Neurowissenschaftlerin Renate Schweizer, die im Zuge ihrer Hirnforschungen auf die Falschetikettierung gestoßen war.

Dass das Gehirn des berühmten Wissenschaftlers nach seinem Tod für wissenschaftliche Zwecke entnommen wurde, hängt mit der Mitte des 19. Jahrhunderts florierenden Elitegehirnforschung zusammen. Auf diesem Gebiet tat sich unter anderem der Göttinger Anatom Rudolph Wagner (1805–1864) hervor. Dieser hatte damals die Hirne diverser verstorbener Göttinger Professoren, darunter das seines Freundes Carl-Friedrich Gauß, untersucht, präpariert und in Veröffentlichungen dokumentiert.

Das falsche Hirn untersucht

Erst Ende 1998 untersuchte eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Jens Frahm vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen das Gehirn erneut, diesmal mit Hilfe der Magnetresonanztomografie. An diesem modernen bildgebenden Verfahren hat übrigens auch Gauß einen Anteil: Die magnetische Kraftflussdichte innerhalb des Tomografen wird in „Gauß“ angegeben, und auch eines der Hochfrequenzverfahren beruht auf Pulsen in Form der Gauß’schen Glockenfunktionen.

Damals konnte noch niemand ahnen, dass man das falsche Hirn untersucht hatte. Renate Schweizer, die ebenfalls am Max-Planck-Institut tätig ist, stieß eher zufällig bei ihren Forschungen zu einer bestimmten Hirnregion, der sogenannten Zentralfurche, darauf. Auf den MRT-Bildern des vermeintlichen Gauß-Hirns war eine Zweiteilung der Zentralfurche zu erkennen. Dies ist eine anatomische Variante, die nur sehr selten auftritt. Als sie daraufhin auch die Abbildungen unter die Lupe nahm, die kurz nach Gauß’ Tod erstellt worden waren, konnte sie jedoch keine derartige Auffälligkeit erkennen, wohl aber auf der Lithografie des Hirns des Göttinger Mediziners Conrad Heinrich Fuchs. Die Neurowissenschaftlerin vermutet, dass die Gehirne kurz nach Wagners Untersuchung in die falschen Gefäße gelangten.

Die Entdeckung zeige, wie wichtig historische Sammlungen für die aktuelle Forschung seien. „Es ist ein Glücksfall für die Forscher, dass die Gehirne in der Sammlung auch nach über 150 Jahren in einem einwandfreien Zustand sind“, freut sich Schweizer. Die Forscherin hofft jetzt, ihre Identitätsfeststellungen auch noch durch genetische Analysen untermauern zu können. Bislang sei dies aber noch nicht gelungen, weil die DNA durch die Lagerung in Alkohol extrem denaturiert und fragmentiert sei.

Heidi Niemann

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