Rückkehrer von IS-Ausbildung

Wie gefährlich sind deutsche Dschihadisten?

Majdi brach aus Hilchenbach, Nordrhein-Westfalen, nach Syrien auf, um mit Gleichgesinnten für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen.

Berlin - Rund 180 junge Dschihad-Kämpfer sind inzwischen zurück in Deutschland. Viele sind junge Männer mit nicht deutschen Wurzeln, die über den Hauptschulabschluss nicht hinausgekommen sind und die auch sonst keinen angenehmen Platz in der Gesellschaft gefunden haben.

Bei Al-Kaida wurde Majdi K. nicht glücklich. Zu lasch sind ihm die Männer dort. Dabei hatte er so große Hoffnungen in das Terrornetzwerk gesetzt. Aber was musste er feststellen? „Da wird viel gelogen, viel Unfug geredet, viel Unislamisches.“

Jetzt steht der 24-Jährige in Syrien vor einer Zentrale seiner neuen Freunde, im Hintergrund weht über vermummten Kämpfern ihre schwarze Flagge mit weißem Kreis, und Majdi K. sagt: „Der ,Islamische Staat’ ist wirklich ein islamischer Staat.“

Majdi K. trägt Vollbart und eine grüne Munitionsweste über dem schwarzen Gewand. Vor seinem Bauch hängt ein Maschinengewehr. Der junge Mann, der in diesem Video von der Scharia schwärmt, kommt aus Deutschland. Er spricht Arabisch mit rheinischem Akzent. Majdi J., Kampfname Abu Mudschahid al Muhadschir al-Almani, stammt aus Hilchenbach, Nordrhein-Westfalen. Dort arbeitete er als Friseur. Er liebte Alkohol und Partys, sagen frühere Bekannte. In Frankfurt geriet er offenbar in Salafistenkreise. Jetzt kämpft der deutsch-tunesische Ex-Friseur aufseiten des „Islamischen Staats“ in Syrien. Und die deutschen Behörden fragen sich: Was ist, wenn Majdi K. wieder nach Hause will?

Dschihad-Rückkehrer als ein gewaltiges Problem

Spätestens der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris macht nun deutlich, welche Gefahr von islamistischen Rückkehrern aus Syrien und anderen Kriegsgebieten ausgeht. Einer der beiden Verdächtigen, der 34-jährige Saïd Kouachi, hat 2011 bei Al-Kaida im Jemen eine militärische Ausbildung erhalten. Auch der Mann, der im Mai vergangenen Jahres im Jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen erschoss, der 29-jährige Mehdi Nemmouche, war zuvor offenbar beim IS in Syrien.

Verfassungsschützer auch in Deutschland sehen in den Dschihad-Rückkehrern ein gewaltiges Problem. Ein „besonderes Sicherheitsrisiko“ nennt sie Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Gerade erst haben Fahnder ein Mitglied der Terrormiliz IS in Dinslaken in Nordrhein-Westfalen festgenommen. Der 24-jährige Deutsche namens Nils D. sei im November nach einjährigem Aufenthalt in Syrien nach Deutschland zurückgekehrt, teilt der Generalbundesanwalt am Sonnabend mit. Offenbar bereitete D. selbst einen Anschlag vor. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) warnt bereits seit Monaten vor Dschihad-Rückkehrern wie ihm. Diese seien „kampferprobt und entschlossen“, sagt de Maizière.

Etwa 3000 Männer und auch Frauen aus Europa sind nach Einschätzungen der Sicherheitsdienste nach Syrien und Irak losgezogen, um sich dem anzuschließen, was sie „Dschihad“, „Heiligen Krieg“, nennen. Aus Frankreich sollen etwa 1150 Kämpfer kommen, aus Deutschland 550. Rund 180 frühere „Gotteskrieger“ wiederum sollen mittlerweile wieder nach Deutschland zurückgekehrt sein. Die Sicherheitsdienste würden die Einreise der Dschihadisten nach Deutschland gern verhindern, allerdings sind rund 60 Prozent der Syrien-Rückkehrer Deutsche mit gültigen Papieren.

Den typischen deutschen Dschihadisten gibt es nicht

Was man über die Bürgerkriegs-Fahrer weiß, ergibt kein einheitliches Bild - den typischen deutschen Dschihadisten gibt es nicht. Viele, wohl die meisten, sind junge Männer mit nicht deutschen Wurzeln, die über den Hauptschulabschluss nicht hinausgekommen sind und die auch sonst keinen angenehmen Platz in der Gesellschaft gefunden haben.

Männer wie Mustafa K., der auf Fotos aus Syrien im Netz mit den abgeschlagenen Köpfen seiner Feinde posiert. Übergewichtig, erfolglos bei Frauen, oft betrunken, so schildern ihn seine früheren Kumpel am Marktplatz in Dinslaken-Lohberg. Im Koran soll K. eher nicht so oft gelesen haben. Gestern Abend meldete „Spiegel Online“, K. sei nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden im Dezember bei Gefechten in Syrien getötet worden. Auch seine Weggefährten Hassan D. und Marcel L. seien wohl tot.

Unter den Deutschen, die in den Dschihad ziehen, sind viele Konvertiten. So wie Philip B., ebenfalls aus Dinslaken-Lohberg, der es dort nur zum Pizzaboten brachte und sich im August im Irak bei einem Selbstmordanschlag in die Luft sprengte. Oder David G., ein 18-Jähriger aus dem Allgäu, Lehrling aus bürgerlichem Hause, von dem niemand sagen kann, was ihn radikalisierte.

Von denen, die aus dem Dschihad zurückkommen, bleiben die meisten ruhig. Viele litten unter Krankheiten oder seien psychisch schwer angeschlagen, sagte ein Verfassungsschützer der „Welt“. „Die haben erst mal keine Lust mehr auf Dschihad.“ Nur einer von neun Kämpfern, sagt der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King’s College, würde nach seiner Rückkehr terroristisch aktiv. Bei der Überwachung der Rückkehrer geraten Polizei und Verfassungsschutz immer häufiger an ihre Grenzen. Zu den 180 Dschihad-Rückkehrern kommen in Deutschland noch rund 260 weitere gewaltbereite Islamisten. Samt Umfeld rechnen die Behörden mit 1000 Menschen, die die Behörden im Auge behalten müssten. Dazu fehlt Personal: Für eine 24-Stunden-Überwachung eines Verdächtigen sind bis zu 25 Polizisten nötig.

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