Flut und die Folgen

Gefangene des Wassers

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Foto: Das Haus von Gerda und Günther Pöthke steht vor dem Deich. Noch immer ist der Garten unter Wasser. Ohne Gummistiefel gibt es kein Hinkommen.

Bleckede - Ein altes Ehepaar aus Bleckede hat das Pech, dass der Deich weit hinter ihrem Haus liegt - weil sich der Inhaber eines Hotels 1986 dagegen gewehrt hat, dass ein neuer gebaut wird. Noch immer ist das Haus der Pöthkes von Wasser umschlossen.

Wenn Gerda Pöthke von ihrer Dachterrasse guckt, sieht sie Enten im Hof schwimmen. „Wasser, überall nur Wasser“, sagt die alte Dame, 84. „Ist das nicht schlimm?“ Gerda und Günther Pöthke haben sich ihre Situation nicht ausgesucht. Als 1986 ein Deich gebaut werden sollte am Hafen der kleinen Stadt Bleckede an der Elbe, hat sich der Hotelinhaber zwei Häuser weiter dagegen gewehrt.

Seit 1968 lebt das Ehepaar an der Elbstraße, ihr Beruf hatte sie ans Ufer des Flusses gespült: Sie waren Binnenschiffer, Günther sein Leben lang. Er ist auf einem Schiff geboren. Als sein Cousin den beiden vorschlug, aus Brandenburg nach Bleckede zu kommen, fanden sie, das sei eine gute Idee: Hier konnte der Frachter direkt vorm Haus liegen, wenn sie denn einmal zu Hause waren.

45 Jahre später watet Gerda in Gummistiefeln durch den Garten. Mit jedem Schritt verschreckt sie Schwärme daumenlanger Fische, die über Rasen und Gehwegplatten strömen. „Es stinkt, nicht wahr?“, fragt sie den Besuch. Sie hat r echt. Es riecht nach Hafenschlick. Die Elbe mag zwar täglich um 20 Zentimeter sinken, vom Grundstück der Pöthkes zieht sie sich aber nur langsam zurück.

Während die Uferanrainer in Hitzacker und Lauenburg evakuiert worden sind, als der Pegelstand vergangene Woche seinen höchsten je gemessenen Punkt erreicht hat, sind die beiden Bleckeder geblieben. Ob sie denn keine Angst hatten? „Was soll uns schon passieren“, sagt die Seniorin mit den silbernen Locken und hebt die Schultern. Viel mehr Sorgen als um sich selbst hat sie sich um die Öfen der Nachtspeicherheizung gemacht. Wenn die mit Wasser in Kontakt gekommen wären - den kostspieligen Ersatz hätte sich das Rentnerpaar kaum leisten können.

Und außerdem hat es die Elbe noch niemals bis ins Haus der Pöthkes geschafft, so hoch sämtliche Fluten seit 2002 auch waren. Doch dieses Jahr ist das anders. Zum ersten Mal steht Wasser im Haus. Im Schlafzimmer der Ferienwohnung im Erdgeschoss. Es ist durchs Fachwerk gesickert.

Zwei Zentimeter mehr, und das Wasser wäre im Wohnzimmer gewesen.

Wahnsinniges Glück hat das Ehepaar gehabt. Und viel Leid erlebt: Die Fremdenzimmer unten können sie in dieser Saison abschreiben. Das Laminat biegt sich, der Boden senkt sich zur Zimmermitte, als wäre unter dem Raum ein Loch. „Die Gäste kamen immer so gern zu uns. Die Ferienwohnungen sind unser Einkommen“, sagt Gerda Pöthke und kann noch immer lächeln, auch wenn es sie merklich Kraft kostet. „Als Schiffer dachten wir damals: Was brauchen wir schon, wir haben doch unser Haus.“ Heute bläut sie ihrer Tochter ein, bloß für die Rente vorzusorgen.

1,10 Meter hoch hat der Fluss in den Garagen gestanden, misst Günther Pöthke für den Besuch noch einmal nach. Bis wohin das Wasser an den weißen Wänden stand, zeigt der Schmutz. Ob sie in diesem Jahr überhaupt irgendeine Hilfe vom Staat bekommen - Gerda Pöthke weiß es nicht. „Als ich im Rathaus angerufen habe, hieß es, davon wisse man nichts, ich solle in zwei Wochen noch einmal nachfragen“, erzählt sie und fügt etwas leiser und ohne Lächeln hinzu: „Das fand ich nicht sehr nett. Wenn wir keine Ermäßigung in irgendeiner Form bekommen, können wir das Haus nicht mehr halten.“

So gern würde die Seniorin ihrem Besuch noch die kleine Gartenlaube zeigen, die sie für ihre Gäste gemütlich hergerichtet haben. Doch das Wasser steht zu hoch für Gummistiefel. Stattdessen fischt sie ein Foto vom Tisch auf der Terrasse, es zeigt Bleckede von oben. „Gucken Sie mal. Dort, da schwimmen wir.“

Weg können die beiden noch immer nicht. Das Auto haben sie zu den Kindern geschafft, die leben in der Stadt, auf der anderen Seite des Deiches. „Sie wollen hier nicht wohnen, sie haben Angst“, sagt Gerda. Und der Wall, der liegt nun hinter ihrem Haus. Weil der damalige Besitzer des Hotels es so wollte. „Wir“, sagt Gerda Pöthke, „wir hätten nichts dagegen gehabt, für einen Deich umzuziehen.“ Jetzt können sie es kaum mehr.

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