Mythen und Expertentipps

So geht Körperpflege richtig

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Foto: Die Haut ist unser vielseitigstes Organ und sollte deshalb besonders geschützt werden. Falsches Waschen kann ihr schaden.

Hannover - Natürlich, Körperhygiene ist eine Selbstverständlichkeit. Wir geben ja auch immer mehr Geld für Pflegeprodukte aus. Doch die nutzen wenig, wenn die einfachsten Sauberkeitsregeln vernachlässigt werden. Warum ist Körperpflege heute so wichtig? Und wie geht sie überhaupt richtig? Eine Schauergeschichte.

Die Schlange vor dem Toilettenhäuschen scheint endlos, die Zeit ist knapp. Genau 15 Minuten haben die Fans des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 an diesem Heimspieltag Zeit, um sich zu erleichtern. Drinnen stehen kleine und große männliche Anhänger der „Roten“ mit Trikot und Schal dicht an dicht an der Rinne. Wer zu lange braucht, bekommt den Druck des Wartenden hinter sich zu spüren. An den Waschbecken entspannt sich die Lage. Hier gibt es keine Schlange. Viele Fans eilen direkt wieder hinaus, schließlich werden sie auch am Bier- und Bratwurststand noch eine gewisse Wartezeit in Kauf nehmen müssen. Und dann ist die Halbzeitpause auch schon vorbei.

Zugegeben, das Fußballstadion ist keine Alltagssituation. Doch genau hier, wo Menschenmassen aufeinandertreffen, ist die Gefahr, sich krank machende Keime einzufangen, am größten. Aber Hand aufs Herz: Wer wäscht sich auch außerhalb von Großveranstaltungen nach jedem Toilettengang gründlich mit Wasser und Seife die Hände? Eine Mehrheit der Männer folgt der guten Kinderstube jedenfalls nicht - zwei Drittel, um genau zu sein, wie eine Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, bei der 200.000 Menschen bei ihren Waschgewohnheiten in Raststätten beobachtet wurden. Bei den Frauen war es immerhin ein Drittel.

13 Milliarden Euro für Pflegeprodukte

Ein paar weitere Zahlen: Im zurückliegenden Jahr haben wir Deutschen dem Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) zufolge insgesamt 13 Milliarden Euro für Pflegemittel ausgegeben - 1,6 Prozent mehr als 2013. Wir legen also immer mehr Geld für Haarkuren, Handcremes und Kosmetik auf den Tisch, vernachlässigen aber die einfachsten Hygieneregeln. Wie passt das zusammen?

„Das eigentliche Thema der Körperpflege, das Entfernen von Schmutz, Schadstoffen und Krankheitserregern - das Saubersein - scheint in unserer Zeit durch eine Kommerzialisierung etwas aus dem Blick zu geraten“, sagt Dr. Ernst Tabori, Leiter des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene (BZH) in Freiburg. „Wir lassen uns von der Industrie häufig Mittelchen aufschwatzen, die wir gar nicht benötigen.“ Zwar gehe es bei der Körperpflege natürlich auch um das eigene Wohlbefinden, doch im Vordergrund stehe nun mal die Verhütung von Krankheiten, sagt Tabori und mahnt zu mehr Sorgfalt: „Es bedarf einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: die Körperreinigung und -pflege.“

Das Angebot an Pflegemitteln ist riesig, genauso wie das Geschäft, das damit gemacht wird. Dass es dabei auch immer mehr unsinnige Produkte auf den Markt schaffen, die mehr schaden als nützen, bereitet Hautärzten und Hygieneforschern große Sorgen. Antibakterielle, desinfizierende Zusätze bei Seifen oder anderen Reinigungsmitteln etwa: „Sie zerstören den natürlichen Schutzfilm unserer Haut, den unter anderem unsere Hautflora bildet, also Bakterien, die krank machende Keime abwehren“, sagt Tabori. Auch von der Verwendung von Pflegemitteln mit Duft- und Farbstoffen hält der Experte überhaupt nichts. Sie irritierten nur unnötig die Haut. An Wasser und gut verträglicher Seife führt also kein Weg vorbei.

Luft und Wasser galten als schädlich

Das sahen unsere Vorfahren noch ganz anders. In der frühen Neuzeit warnten selbst Ärzte noch bis weit ins 18. Jahrhundert vor dem Kontakt mit Luft und Wasser, da diese Elemente ihrer Einschätzung nach dem Körper Schaden zufügten. Mit Kleidung und Puder versuchten sich die Menschen von diesen Außeneinflüssen abzuschotten. Mit fortschreitenden medizinischen Erkenntnissen änderte sich unser Hygieneverständnis: Mit der Industrialisierung kam die massenhafte Herstellung von Seife, die seither ihren festen Platz in jedem deutschen Badezimmer hat.

Auch wasserscheu sind wir heute nicht mehr: Nicht selten kommt es vor, dass sich selbst Büroangestellte zweimal am Tag unter die Dusche stellen. Im Schnitt duschen sich einer Umfrage der deutschen Sanitärindustrie zufolge 66,1 Prozent der Männer und 56,4 Prozent der Frauen täglich. Aber muss das wirklich sein? Und brauchen wir nach dem Waschen der Haare noch eine Haarkur und für die Hände eine Feuchtigkeitscreme? Das raten Fachleute zur richtigen Körperpflege:

Haare

Brauchen wir eigentlich Shampoos, Haarkuren und Co.? Die Shampoo-Verweigerer der „No poo“-Bewegung sagen Nein. Sie verpönen klassische Haarpflegeprodukte. Stattdessen kommen Alternativen wie Lavaerde, Haarwaschseife oder einfach nur warmes Wasser zum Einsatz. Ob das funktioniert, muss jeder für sich selbst herausfinden. Fakt ist, wer mit fettigem Haar zu kämpfen hat, wird mit purem Wasser nicht glücklich werden. Denn um die fettigen Substanzen zu lösen, brauchen wir sogenannte Detergenzien, wie sie etwa in Shampoos und Seifen vorkommen. Auch Bakterien und Krankheitserreger, die sich im Laufe des Tages in unseren Haaren ansammeln, werden wir damit los.

Wer den eigenen Schopf zu häufig mit Pflegemitteln bearbeitet, zieht allerdings die Haare und die Kopfhaut in Mitleidenschaft, da diese dadurch stark entfettet werden. Die empfindliche Beschaffenheit der Haare leidet auch unter häufigem Färben, zu heißem Föhnen oder Kontakt mit Chlorwasser. Wie oft das Haupthaar gewaschen werden sollten, darüber scheiden sich die Geister. Letztlich muss jeder diese Frage für sich selbst beantworten. Ein Arbeiter im Kohlebergwerk sollte es sicher häufiger tun als der Büroangestellte.

Mund

So haben wir es doch eigentlich gelernt: Zahnpasta auf die Bürste, diese in den Mund und dann drei Minuten lang schlafwandlerisch kreisen lassen. Doch diese Empfehlungen gelten nicht mehr. Für Kinder sind die kreisenden Bewegungen zwar nach wie vor empfehlenswert, weil sie einfach und leicht zu erlernen sind. Spätestens im Teenageralter sollten wir dann aber auf die Fegetechnik umstellen. Der Grund: Beim Kreisen werden der Belag und damit Bakterien unter das Zahnfleisch geschoben. Die Folge können Entzündungen sein. Mit fegenden und rüttelnden Bewegungen weg vom Zahnfleisch lässt sich der Belag hingegen optimal entfernen. Dabei seien zwei Minuten zweimal am Tag absolut ausreichend, sagen Zahnärzte. Wichtig sei zudem, die Zahnzwischenräume regelmäßig mit Zahnseide zu reinigen und Essensreste zu entfernen. Schließlich machen diese 30 Prozent der gesamten Zahnoberfläche aus.

Nase

Die Pflege unseres Riechorgans ist denkbar einfach: Genügend Flüssigkeit trinken – den Rest übernehmen in der Regel unsere Nasen- und Flimmerhärchen. Das Wasser hält die Schleimhäute feucht und das Nasensekret dünnflüssig. So können die feinen Härchen Schmutz und Keime aus dem Naseninnern hinausbefördern. Nasenhaare, die herausragen, sollten auch nicht ganz entfernt, sondern lediglich gestutzt werden.

Wer dennoch mit trockenen Schleimhäuten zu kämpfen hat, kann mit Anfeuchten der Raumluft oder meersalzhaltigen Nasensprays nachhelfen. Sprays mit abschwellender Wirkung sollten dagegen nur kurzzeitig angewendet werden, da sie die Schleimhaut austrocknen und abhängig machen können. Auch Spülungen aus der Apotheke können unterstützend wirken. Wer die Nasendusche selbst herstellen möchte: Lauwarmes Wasser in einem sauberen Becher mit einer Messerspitze Kochsalz versetzen, die Salzlösung in die Hand geben, durch die einzelnen Nasenlöcher hochziehen und durch den Mund wieder ausspucken.

Haut

Die Haut ist unser vielseitigstes Organ und sollte deshalb besonders geschützt werden. So ist sie unter anderem auch die größte und wichtigste Barriere zum Schutz vor Krankheitserregern. Unterstützung erhält sie von Hautkeimen, die verhindern, dass sich krankmachende Artgenossen breitmachen können. Zusammen mit Harn-, Milch- und Fettsäuren aus den Schweiß- und Talgdrüsen bilden sie eine natürliche schwachsaure Schicht auf der Hautoberfläche. Durch die Verwendung von aggressiven Seifen und antibakteriellen Zusätzen zerstören wir diese Barriere und damit auch unsere kleinen Mikrohelfer.

Zum Waschen eignen sich ph-neutrale oder leicht saure Seifen. Die gesunde, unempfindliche Haut stellt den Säureschutz innerhalb weniger Stunden wieder her. Wer unter trockener und empfindlicher Haut leidet, kann mit feuchtigkeitsspendenden Salben und Cremes nachhelfen. Zu diesen Problemen kann auch zu häufiges Duschen führen. Täglich zur Brause zu greifen, ist nach Ansicht vieler Experten nicht notwendig, da auch hier die Haut strapaziert wird. Die Reinigung mit einem feuchten Waschlappen kann auch ausreichen, um sich frisch für den Tag zu fühlen.

Bart

Mann trägt wieder Vollbart – und der will gepflegt sein. Schließlich sammeln sich durch die Mundnähe eine Vielzahl von Partikeln und Bakterien im Laufe des Tages an. Bei der Reinigung während des Duschens auf Shampoo zurückzugreifen, ist allerdings Unsinn. Denn häufig befinden sich in den Haarwaschmitteln Substanzen mit unerwünschten Glanzeffekten oder Ähnlichem, die nicht für die Haut bestimmt sind und auch nicht mit der Mund- oder Nasenschleimhaut in Berührung kommen sollten. Eine milde Seife leistet einen besseren Dienst. Wer sich glatt rasiert und mit einer trockenen Haut zu kämpfen hat, kann mit einer Creme oder Balsam nach der Rasur Abhilfe schaffen. Die alkoholische Beschaffenheit des klassischen Rasierwassers wirkt desinfizierend und blutungsstoppend. Andererseits können die Duftstoffe die Haut zusätzlich irritieren.

Achseln

Eigentlich wollte uns die Natur mit der Achselbehaarung etwas Gutes tun. Denn einerseits nimmt sie den Schweiß besser auf und dient als Schutz. Andererseits hilft sie bei der Verteilung von Sexuallockstoffen, den Pheromonen. Mit Deoroller oder -spray werden die heutzutage eher unerwünschten Düfte unterdrückt. Zum Säubern ist das herkömmliche Deo allerdings nicht geeignet. Hier sollte es schon eine milde Seife sein, mit der wir diesen empfindlichen Bereich reinigen. Wer sich die Achseln rasiert, kann die gereizte Haut anschließend mit einer milden, unparfümierten Hautcreme besänftigen. Am besten wird abends zum Rasierer gegriffen, weil unser Körper in dieser Zeit weniger aggressiven Schweiß produziert. Die Achselhaare unangetastet zu lassen, ist aber keineswegs unhygienisch. Auch können bei der Rasur Verletzungen entstehen, die Infektionen zur Folge haben.

Hände

Gut 400-mal fassen wir uns täglich mit den Händen ins Gesicht. Da die meisten Krankheitserreger über die Nasenschleimhaut und den Magen-Darm-Trakt den Weg in unseren Körper finden, kommt dem Händewaschen eine erstrangige Rolle zu – und zwar nicht nur dann, wenn die Hände sichtbar schmutzig sind. Das gründliche Waschen nach dem Toilettengang sollte selbstverständlich sein, doch auch wenn man von draußen nach Hause kommt, den Müll herausgebracht oder den Hund gestreichelt hat, ist ein kurzer Zwischenstopp am Waschbecken notwendig. Gleiches gilt vor Beginn des Kochens oder der Mahlzeit.

Eine gründliche Reinigung dauert 20 bis 30 Sekunden. Egal ob flüssig oder fest: Die Seife neben dem Handwaschbecken sollte möglichst mild und ph-neutral, auf jeden Fall aber ohne Zusatzstoffe sein. Die häusliche Verwendung von Desinfektionsmitteln ist nicht nötig. Eingeseift werden nicht nur die Innenflächen, sondern auch die Handrücken, Fingerspitzen und Zwischenräume sowie Daumen und Fingernägel. Danach werden die Hände mit dem Handtuch gründlich abgetrocknet. Die Handtücher sollten regelmäßig ausgewechselt und bei mindestens 60 Grad gewaschen werden. Wer von Berufs wegen her viel die Hände waschen muss, kann mit zusatzfreien Cremes oder Salben trockenen Händen entgegenwirken. Bei Fingernägeln gilt: je kürzer, desto hygienischer.

Intimbereich

Egal ob Frau oder Mann: Der Intimbereich sollte täglich gereinigt werden, idealerweise mit Wasser und einer milden Seife. Wer aggressives Duschgel oder gar Shampoo benutzt, macht den Säureschutzmantel der Haut angreifbar und kann die sensible Körperzone sogar schädigen. Die Folge können Jucken, Entzündungen sowie Infektionen oder Pilzbefall sein. Intimdeodorants oder Cremes sind überflüssig. Mit Duftstoffen versetzt können sie sogar kontraproduktiv sein, da sie mit den körpereignen Duftdrüsen reagieren und unangenehme Gerüche verursachen können.

Wichtig ist zudem, täglich die Unterwäsche zu wechseln. Aus hygienischen Gründen ist die Intimrasur nicht notwendig: Wer sich aber dadurch besser fühlt, sollte zumindest darauf achten, Haut und Genitalien dabei möglichst pfleglich zu behandeln. Weniger empfehlenswert sind dabei Enthaarungscremes, da diese die Schleimhäute reizen und Allergien hervorrufen können.

Füße

Stinkefüße sind nicht unbedingt Ausdruck für mangelnde Hygiene, sondern häufig Veranlagung oder die Folge falschen Schuhwerks. Wer mit käsigem Fußgeruch zu kämpfen hat, sollte deshalb unbedingt Schuhe aus atmungsaktivem Material wie etwa Leder und Socken ohne Synthetik tragen und zudem so oft wie möglich barfuß sein. Hilft auch das nicht, ab zum Hautarzt. Der Fachmann kann feststellen, ob zum Beispiel eine übermäßige Schweißproduktion die Ursache ist.

Die Füße regelmäßig zu waschen, ist eine weitere Voraussetzung. Nach der Reinigung mit einfacher Seife ist es wichtig, die Füße und auch die Bereiche zwischen den Zehen gründlich mit dem Handtuch trocken zu rubbeln oder zu föhnen. Das beugt nicht nur Schweißfüßen, sondern auch Fußpilz vor.

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