Sexuelle Vielfalt in Schulbüchern

Geht das zu weit?

Foto: Nicht nur Vater, Mutter, Kind: Neben der klassischen Familie gibt es längst andere Formen des Zusammenlebens. Das soll auch in Schulbüchern sichtbar werden.

Hannover - Neben der klassischen Familie gibt es längst andere Formen des Zusammenlebens. Das soll laut der Landesregierung auch in Schulbüchern sichtbar werden. Der Antrag von Rot-Grün zur sexuellen Vielfalt in Schulbüchern stößt auf Kritik. Nicht jede ist berechtigt.

Ob heterosexuell, schwul, lesbisch oder bisexuell – die ganze Vielfalt sexueller Orientierung soll künftig an Niedersachsens Schulen eine größere Rolle spielen. Die unterschiedlichen Lebensformen ebenso. Ein Entschließungsantrag von SPD und Grünen im niedersächsischen Landtag sieht vor, dass künftig in allen Schulfächern darauf eingegangen wird, auch um Diskriminierung zu bekämpfen. In der Anhörung zum Antrag gab es von Experten bislang überwiegend Lob. Bei Eltern stoßen die Pläne allerdings auf zum Teil große Bedenken – zumal nicht eindeutig ist, wie weit die Politik gehen will.

„Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität muss an den Schulen verbindlich thematisiert werden“, haben SPD und Grüne formuliert. So sollen Schulbücher nur noch genehmigt werden, wenn in ihnen „eine angemessene Berücksichtigung der Vielfalt sexueller Identitäten“ stattfindet. Initiativen wie die des Netzwerkes SchLAu Niedersachsen sollen verstetigt und gefördert werden: SchLAu kommt mit Schwulen und Lesben in die Klassen, um mit Schülern über das Thema sexuelle Identität zu sprechen.

Maßnahmen, die bei Eltern Stirnrunzeln hervorrufen. „Wir lehnen den Antrag von Rot-Grün ab, weil er uns nicht ausgereift erscheint“, sagte Petra Wiedenroth, Geschäftsführerin des Verbandes der Elternräte an Gymnasien. So sei im rot-grünen Antrag keinerlei Einbindung der Eltern vorgesehen. Auch würden keine Angaben gemacht, an welche Altersgruppen sich das Aufklärungsangebot richten soll. „Das ist ein sensibles Thema, an das wir behutsam herangehen müssen. Man muss nicht jedem Zweitklässler jede Information in Bezug auf sexuelle Vielfalt geben“, meint Wiedenroth.

Bedenken, die auch von anderen Bürgern geteilt werden, wie die Anhörung im Landtag zeigt. 42 Stellungnahmen gingen bisher ein – eine beachtliche Zahl. Darunter sind auch Petitionen und Unterschriftenlisten gegen den Antrag. Befeuert wurde die Kritik von einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit dem Titel „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“. Die Autorin schlägt darin einen Bogen vom rot-grünen Antrag bis hin zur Sexualpädagogikbewegung, die sie wiederum in der Tradition der Pädophilenbewegung der siebziger Jahre sieht. Begründet wird das unter anderem damit, dass die Initiative SchLAu das 2012er-Standardwerk „Vielfalt der Sexualpädagogik“ der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider als Fachbuch auflistet. In diesem Buch werden Lehrer ermuntert, mit 15-Jährigen in Rollenspielen einen „Puff für alle“ zu planen oder mit Zehnjährigen Massageübungen zu machen.

Schulgesetz gibt Eltern Einfluss

Niedersächsisches Schulgesetz, § 96,4: „(...) Die Erziehungsberechtigten sind insbesondere über Ziel, Inhalt und Gestaltung der Sexualerziehung rechtzeitig zu unterrichten, damit die Erziehung im Elternhaus und die Erziehung in der Schule sich so weit wie möglich ergänzen. Die Sexualerziehung in der Schule soll vom Unterricht in mehreren Fächern ausgehen. Sie soll die Schülerinnen und Schüler mit den Fragen der Sexualität altersgemäß vertraut machen, ihr Verständnis für Partnerschaft, insbesondere in Ehe und Familie, entwickeln und ihr Verantwortungsbewusstsein stärken. Dabei sind ihr Persönlichkeitsrecht und das Erziehungsrecht der Eltern zu achten. Zurückhaltung, Offenheit und Toleranz gegenüber verschiedenen Wertvorstellungen in diesem Bereich sind geboten.“

Darum gehe es SchLAu überhaupt nicht, wehrt sich Nico Kerski, Landeskoordinator der Initiative: „Wir machen keine Sexualpädagogik.“ Die Aufklärungsarbeit von SchLAu betreffe allein die gesellschaftlichen und politischen Aspekte schwuler, lesbischer oder bisexueller Lebensweise. „Wir betreiben keine Aufklärung über sexuelle Praktiken“, betont er. Heiner Scholing, schulpolitischer Sprecher der Grünen, bestätigt das: „Da wird kein Humbug getrieben.“ Die Sorge der Eltern nehme man aber durchaus ernst. Als Reaktion auf die Kritik soll der Text des Entschließungsantrags geändert werden: „Wir wollen eine Präzisierung, dass Paragraf 96,4 nicht antastbar ist“, sagt Stefan Politze, schulpolitischer Sprecher der SPD. Dieser Paragraf im Schulgesetz legt fest, dass Eltern ihr Einverständnis geben müssen zu allem, was im Sexualkundeunterricht inhaltlich passiert.

Im Landtag zeichnet sich eine breite Mehrheit für den Antrag von Rot-Grün ab: Auch die FDP signalisiert Zustimmung. Die CDU sei dagegen und erwäge, einen eigenen Antrag zu stellen, sagt deren Abgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock. „Wir haben Respekt vor der Vielfalt der Lebensstile und achten die Würde des Einzelnen“, betont sie. Aber das bisherige Schulgesetz ermögliche bereits jetzt die Behandlung einer großen Vielfalt von Lebensstilen.

Von Heiko Randermann

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