Hansetag

Der Geist der Hanse soll blühen

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Foto: Die Hansekogge „Ubema von Bremen“ segelt vor der Hansestadt Rostock.

Lüneburg - Beim diesjährigen Hansetag, der am Donnerstag in Lüneburg startet und bis Sonntag dauert, werden rund 200.000 Besucher erwartet. Das Städtebündnis ist eine Neuauflage des Bundes der alten Handelsmächte.

Lüneburg im Jahre 1412. Unter der Stadt liegt ein Schatz, der ihre Bürger immer reicher macht – Salz, das weiße Gold. Die Hansestadt ist ein Zentrum der Macht. In diesem Jahr 1412 treffen sich die Vertreter der Hansestädte in Lüneburg, die reichen und wichtigen Kaufleute Nordeuropas. An der Hanse kommt keiner vorbei.

600 Jahre später treffen sich ab Mittwoch wieder die Vertreter der Hanse, zum 32. Hansetag der Neuzeit. Mit 177 Mitgliedern ist die Neue Hanse der größte Städtebund der Welt – mit der alten Hanse hat dies aber wenig zu tun. „Die neue Hanse ist heute eher ein Instrument, das dem Tourismus dient“, sagt Prof. Dr. Rolf Hammel-Kiesow, Leiter Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums in Lübeck.

Die Veranstalter rechnen mit mehr als 100 Vetretern der Mitgliedsstädte – und mit mehr als 200.000 Besuchern. Denn die Hansetage der Neuzeit sind mehr Volksfest und Tourismusshow als Wirtschaftstreffen. Auf acht Bühnen in der historischen Altstadt Lüneburgs spielen zahlreiche Bands insgesamt 440 Stunden Musik, darunter „Tatort“-Melodie-Erfinder Klaus Doldinger und Uwe Ochsenknecht. Dazu gibt es den Hansemarkt, auf dem die Aussteller die Vorzüge ihrer Städte präsentieren können. Im Hafen von Lüneburg werden historische Schiffe anlegen, am Stintmarkt Menschen in historischen Gewändern flanieren. Gewänder, wie sie schon zur Zeiten der alten Hanse getragen wurden.

Hanse-Bündnis für mehr Wirtschaftlichkeit

Damals sollte der Zusammenschluss der niederdeutschen Kaufleute den Handel beleben, sagt Hammel-Kiesow. Auch wenn die politische Annäherung kein explizites Ziel war. „Über den Handel, also die Integration der Märkte, rückten Nordeuropa und Nordosteuropa näher an West- und Mitteleuropa heran“, sagt Hammel-Kiesow.

Nach dem Ende der Hanse im 17. Jahrhundert passierte lange nichts. Erst im Jahr 1980 wurde im niederländischen Zwolle die sogenannte Neue Hanse gegründet. Neben dem Tourismus soll der Austausch der Städte auch zur Verständigung zwischen den Völkern beitragen. So treffen in Lüneburg Städtevertreter aus vielen Ländern zusammen, etwa aus Polen, Lettland, Norwegen, Schottland, Frankreich und Belgien.

Im Herbst nächsten Jahres eröffnet das Europäische Hanse-Museum in Lübeck. Das Museum will nicht nur zeigen, was die Hanse war, sondern auch, wie sich der Verbund der Kaufleute mehrere 100 Jahre lang behaupten konnte, wie die Hanse das heutige Weltbild beeinflusst hat und was die Neue Hanse leisten kann. Die Hanse sei europäische Wirtschaftsgeschichte, sagt Museumsbeirat Björn Engholm, der frühere Ministerpräsident Schleswig-Holsteins. „Die Hanse ist Ausweis früher Bereitschaft zu Wagnis, Innovation und Weltoffenheit.“ Dieser „Spirit“ sei heute nötiger denn je, und das solle das Museum vermitteln. Hanse-Forscher Hammel-Kiesow ist wissenschaftlicher Leiter des Museums. „Wir erstellen eine Wunschliste von Exponaten und sind in Verhandlungen mit den Städten“, sagt er.

Das Museum soll die Hanse erlebbar machen und zeigen, wo Parallelen zur Gegenwart sind. „Wir sehen die Hanse heute als Handelszweckverband“, sagt Hammel-Kiesow. Mit Blick auf die Struktur sieht er aber Ähnlichkeiten zwischen der historischen Hanse und der heutigen Europäischen Union. „Weder die EU noch die Hanse haben eine gemeinsame Exekutive.“ Wie die Hanse damals müsse auch die EU heute etwa auf die Armeen der einzelnen Mitglieder zurückgreifen. Aber: Der Niedergang der Hanse sei nicht mit der schwierigen Finanzlage im Euro-Raum vergleichbar.

Das schöne, aber beschauliche Lüneburg hat 2012 mit der Hansestadt von vor 600 Jahren wenig gemein, sie ist kein Zentrum der Macht. Am Bahnhof nahe der Ilmenau steigen morgens mehr Menschen in die Züge nach Hamburg als aussteigen. Die historische Innenstadt rund um den Stintmarkt kennen viele außerhalb Lüneburgs nur wegen der ARD-Telenovela „Rote Rosen“. Lüneburg will mit einem Uni-Bau von Star-Architekt Daniel Libeskind an früheren Weltruhm erinnern – und fällt damit ordentlich auf die Nase. Aber bei den Hansetagen, da ist heute mehr los als 1412. Denn zu den 100 Vertretern der Hansestädte werden mehrere Hundertausend Besucher nach Lüneburg kommen.

Gerd Schild

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